Ein Deal mit einer Plattform für Prognosemärkte sorgt bei den US Open 2026 für eine Kontroverse. Mit dem neuen Partner dürfte sich bald der US Supreme Court beschäftigen.
Die US Open haben mitten im Turnier einen neuen Sponsor bekommen. Es handelt sich dabei um das US-Unternehmen Kalshi, eine bundesregulierte Plattform für sogenannte „Prediction Markets“. Was auf den ersten Blick wie eine gewöhnliche Sponsoring-Meldung aussieht, hat inzwischen eine Diskussion in Gang gesetzt, wie man sie selten bei der Vorstellung eines neuen Geldgebers für ein Sport-Event erlebt.
Um aber zu verstehen, was hinter diesem Deal steckt, muss man erst einmal wissen, wie das Geschäftsmodell von Kalshi funktioniert. Das Unternehmen wurde 2018 gegründet und wird als Handelsplattform bezeichnet, die von der US-Börsenaufsicht CFTC reguliert wird. Nutzer kaufen und verkaufen dort „Event Contracts“. Das sind Ja/Nein-Wetten auf reale Ereignisse, von Wahlergebnissen über Wirtschaftsdaten bis hin zu Sportresultaten.
Man kann aber auch auf gesellschaftliche Geschehnisse Geld setzen: Wer heiratet wen, kommt Jesus zurück, beginnt Donald Trump bald seinen nächsten Krieg. In der Praxis allerdings macht Sport – allen voran Sportwetten im klassischen Sinne – den überwältigenden Großteil der Plattform-Aktivität aus. Das Unternehmen positioniert sich bewusst als seriöse Finanzbörse und nicht als normaler Wettanbieter.
Kritik, die über die US Open hinausgeht
Genau das ist der Kern des Streits, der weit über die US Open hinausgeht: Kritiker, darunter zahlreiche US-Bundesstaaten, argumentieren, Kalshis Produkte seien praktisch nicht von herkömmlichen Sportwetten zu unterscheiden – nur eben ohne die Lizenzauflagen, Jugendschutzstandards und Verbraucherschutzmechanismen, die lizenzierte Wettanbieter erfüllen müssen. Kalshi – und auch der direkte Konkurrent Polymarket – geraten immer wieder in die Schlagzeilen.
Am Wochenende erst wurde ein ehemaliger Mitarbeiter von Donald Trump wegen Insiderhandels zu einer Strafzahlung von 173.000 Dollar verurteilt. Er kannte als Teleprompter-Operator die Redetexte von Trump vorab und hatte entsprechende Wetten bei Kalshi platziert. Superreiche wie Elon Musk oder Peter Thiel nutzen Prognoseplattformen, um ihre politische Agenda voranzutreiben, indem sie etwa Wahlwetten mit Millionenbeträgen tätigen.
Dass Kalshi nun als Partner der US Open auftritt, kam erst durch eine Recherche des Branchendienstes Front Office Sports ans Licht. Demnach hatten sich Kalshi und der US-Tennisverband USTA erst kurz vor Beginn der ersten Hauptfeld-Matches auf den Deal geeinigt. Am Sonntag tauchte Kalshi noch nicht einmal auf der offiziellen Partnerliste des Turniers auf. Besonders bizarr: Am selben Tag veröffentlichte Kalshi einen eigenen Blogbeitrag mit Analysen zu den Siegchancen im Dameneinzel – versehen mit dem Kleingedruckten, man sei „nicht mit dem US Open oder der WTA verbunden“. Erst am Montag folgte die offizielle Bestätigung auf der US Open-Website: ein Mehrjahresvertrag, der Kalshi Bandenwerbung im Stadion und Präsenz auf den digitalen Kanälen des Turniers sichert.
US Open-Deal in heikler Phase
Der Vertrag enthält eine Exklusivitätsklausel, die es dem Konkurrenten Polymarket verbietet, im Stadion oder während der ESPN-Übertragungen zu werben – eine für diese noch junge Sponsoring-Kategorie bemerkenswerte Regelung. Sie verdeutlicht, wie umkämpft dieser Wachstumsmarkt in den USA inzwischen ist.
Der US Open-Deal fällt in eine denkbar heikle Phase für Kalshi. Am 28. August hatte das 9. US-Berufungsgericht, zuständig für Nevada und die Westküste, einstimmig gegen das Unternehmen entschieden: Der US-Bundesstaat Nevada dürfe seine Glücksspielgesetze sehr wohl auf Kalshis Produkte anwenden. Heißt: Nevada darf die Plattform wie einen illegalen Glücksspielanbieter behandeln und sperren, solange Kalshi keine staatliche Glücksspiellizenz besitzt. Das Urteil widerspricht einer Entscheidung des 3. US-Berufungsgericht im April 2026: Dort, im US-Bundesstatt New Jersey, wurde im Sinne von Kalashi entschieden.
Dass zwei US-Berufungsgerichte in fast identischen Fällen zu völlig gegensätzlichen Urteilen kommen, liegt an der Deutungshoheit über unklare Gesetzestexte und dem föderalen Aufbau des US-Rechtssystems. Da nun in manchen Teilen der USA der Handel über Prognoseplattformen erlaubt und in anderen verboten ist, gilt es unter Rechtsexperten als nahezu sicher, dass dieser fundamentale Streitfall zeitnah vor dem US Supreme Court, dem Obersten Gerichtshof der USA, landen wird, um eine landesweit einheitliche Regelung zu erzwingen.
Nur die Spitze des Kalshi-Eisbergs
Der Nevada-Fall ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Kalshi befindet sich derzeit mit rund 20 US-Bundesstaaten in Rechtsstreitigkeiten – darunter Washington, Connecticut, Massachusetts, Ohio, Tennessee, New York, Utah und Minnesota. Washington State hat Kalshi per Gerichtsbeschluss zu Geofencing gezwungen, um Nutzer aus dem Bundesstaat technisch auszuschließen, bei Nichteinhaltung drohen 120.000 Dollar Strafe pro Tag. Connecticut wirft Kalshi in einer Klage vor, seine Produkte fälschlich als sichere Investments zu verkaufen, obwohl sie sich nicht von klassischen Sportwetten unterschieden – ohne jede der Schutzvorkehrungen, die lizenzierte Buchmacher einhalten müssen.
Auch beim Thema Spielerschutz steht Kalshi in der Kritik: Weil die Plattform bundesrechtlich statt landesrechtlich reguliert ist, unterliegt sie nicht den einzelstaatlichen Vorgaben zu Alterskontrolle und Spielsucht-Prävention. Als das Unternehmen der National Council on Problem Gambling zwei Millionen Dollar spendete, um Platin-Mitglied zu werden, sorgte das für erheblichen Gegenwind – mehrere bundesstaatliche Partnerorganisationen, etwa in Nevada und Michigan, haben die Zusammenarbeit mit dem nationalen Verband inzwischen aufgekündigt, weil sie dessen Unabhängigkeit gefährdet sehen.
In Deutschland ist Kalshi verboten
In Deutschland sind Plattformen wie Kalshi und Polymarket strikt verboten, weil sie nach deutscher Rechtslage als illegales Online-Glücksspiel oder als unzulässige Finanzinstrumente eingestuft werden. Allerdings gibt es über VPN-Zugänge auch für deutsche User die Möglichkeit, diese nationalen Hürden zu umgehen.
Dass die USTA den Deal ausgerechnet jetzt und in dieser Eile in einem angespannten Umfeld durchzog, wird maßgeblich dem neuen CEO Craig Tiley zugeschrieben, der zuvor die Australian Open als Turnierdirektor verantwortet hatte und erst im Juli 2026 offiziell sein Amt bei der USTA antrat. Ursprünglich hatte der Verband eine „Prediction Market“-Partnerschaft frühestens für 2027 in Erwägung gezogen; die bisherigen Gespräche mit mehreren Plattformen drehten sich vor allem um Fragen der Wett-Integrität. Dass es am Ende deutlich schneller ging – und offenbar bevor „Prediction Markets“ überhaupt formal als Partnerschafts-Kategorie freigegeben waren – wird von Fachmedien als bezeichnend für die Eile gewertet, mit der der Deal zustande kam.
In der offiziellen Mitteilung der US Open überwiegt nun – natürlich – der Optimismus. Craig Tiley erklärte, die Partnerschaft mit Kalshi erlaube es dem Verband, die nächste Generation des Fan-Engagements zu erschließen – „während wir die Integrität unseres Sports sicherstellen“. Kalshi-Mitgründer und CEO Tarek Mansour betonte, man wolle den Fans „noch mehr Möglichkeiten bieten, sich intensiv mit dem Spiel zu beschäftigen, das sie lieben“. In der PR-Kommunikation wird zudem betont, Kalshi sei bereits Partner der International Tennis Integrity Agency (ITIA), die im Tennis für die Aufklärung von Spielmanipulation zuständig ist.
ITIA bleibt in zwielichtiger Rolle
Der renommierte US-Tennis-Journalist Jon Wertheim von der Sports Illustrated fragte bei der ITIA direkt nach und veröffentlichte deren Antwort auf X. Das Ergebnis liest sich deutlich zurückhaltender als das PR-Sprech von USTA und Kalshi suggeriert: Die ITIA erkennt zwar an, dass sich Wett- und Handelsmärkte rasant entwickeln und neue Chancen wie Risiken für den Sport mit sich bringen – stellt aber klar, dass kommerzielle Deals „outside of our scope“ liegen, also außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs. Man arbeite lediglich mit den eigenen Geldgebern an der Identifikation und dem Management der damit verbundenen Risiken.
Here’s a statement from the Int’l Tennis Integrity Agency re: today’s announcement of the @usopen Kalshi sponsorship. There are close calls in tennis. This is not one of them. What an absolute moral failure:
– pic.twitter.com/1zbubaNVZf
— Jon Wertheim (@jon_wertheim) August 31, 2026
Diese Formulierung klingt deutlich weniger nach aktiver Kooperation, als es die US Open-Mitteilung nahelegt, aber dennoch bleibt die Rolle der ITIA in diesem Fall eher zwielichtig. Wertheim selbst wählte für seinen Kommentar deutliche Worte: Es gebe im Tennis knappe Fälle, schrieb er, aber dieser hier sei keiner. Der Deal sei schlicht „an absolute moral failure“, ein absolutes moralisches Versagen.
Der US Open-Deal steht nicht isoliert da, sondern ist Teil eines regelrechten Wettlaufs. Kalshi und Polymarket haben bereits offizielle Partnerschaften mit der NHL abgeschlossen, Polymarket zusätzlich ein Gesamtabkommen mit der MLB sowie eine Kooperation mit den New York Yankees. Kalshi selbst kann bereits Deals mit mehreren MLB-Teams vorweisen, darunter die Atlanta Braves, Boston Red Sox, Los Angeles Dodgers, San Diego Padres und San Francisco Giants. Insgesamt erreichten Prediction-Market-Plattformen laut Branchendaten allein im August 2026 ein kombiniertes Handelsvolumen von rund 41,2 Milliarden Dollar, wovon rund 33,7 Milliarden – also der weit überwiegende Teil – allein auf Kalshi entfielen.
US Open noch als Ausreißer
Nicht jede Liga zieht mit: NFL und NBA halten sich bislang bewusst zurück und haben noch keine vergleichbaren Partnerschaften abgeschlossen, auch wenn Gespräche laufen. Das zeigt, dass die Skepsis gegenüber diesem neuen Geschäftsfeld längst nicht überall verflogen ist – die US Open sind mit ihrem Vorpreschen also durchaus ein Ausreißer.
Der Deal bündelt exemplarisch fast alle Spannungsfelder, die „Prediction Markets“ derzeit im US-Sport entstehen lassen: einen enormen kommerziellen Sog, eine ungeklärte Rechtslage zwischen Bundes- und Landesrecht, handfeste Sorgen um Spielintegrität und Spielerschutz – und eine sichtbare Kluft zwischen offizieller Sponsoring-Rhetorik und dem, was Integritätsbehörden und unabhängige Beobachter dazu sagen.
Ob der Supreme Court am Ende Klarheit schafft, bleibt vorerst offen. Sicher ist: Für die USTA war dies ein kommerziell lukrativer, aber kommunikativ holpriger Einstand in ein hochumstrittenes Geschäftsfeld – und für Kalshi ein weiterer Baustein in seiner Sport-Expansionsstrategie.
