Trainer-Ikone Günther Bosch über ein halbes Jahrhundert Tennis in Deutschland, aufregende Zeiten mit Boris Becker, warum Sascha Zverev besser ist als Jannik Sinner – und ein Geheimnis, über das er bis heute nicht gesprochen hat.
Und plötzlich steht er da. Auf dem Kiesweg vor dem Clubhaus des ehrwürdigen LTTC-Rot Weiß Berlin. Mit Spazierstock und in Begleitung seiner Tochter Christina. Zum Jubiläums-Interview hat uns Günther Bosch, 89 Jahre alt, Bücher, Zeitungsartikel und zwei Tennisschläger mitgebracht. Wir machen Fotos auf der Tribüne im Steffi Graf-Stadion. Anschließend essen wir und reden fast drei Stunden – eine Reise in eine glorreiche Vergangenheit. „Ich danke Ihnen“, sagt Bosch am Ende des Termins. Nein, wir haben zu danken für ein bemerkenswertes Gespräch mit einer Legende.
Herr Bosch, Sie haben das deutsche Tennis jahrzehntelang mitgeprägt. Wie geht es Ihnen heute, mit fast 90 Jahren?
Ach, es geht mir ganz gut. Sicher, das Herz macht Probleme, ich habe Schmerzen in den Beinen, beim Gehen benutze ich einen Stock und auf einem Ohr höre ich nicht mehr gut. Aber ich bin dankbar, so wie es ist.
Früher sagten Sie oft, Sie wollten einmal auf dem Tennisplatz sterben.
Ja, das habe ich wirklich gesagt. Letztlich wollte ich lange Zeit wohl immer nur weitermachen, Tennis, Tennis, Tennis. Und vielleicht wäre es irgendwann wirklich so gekommen, dass ich irgendwo zwischen T-Linie und Netz umgefallen wäre. Aber dann begannen die Probleme, die Arztbesuche, ständig war etwas. Das hat meine Einstellung zur Gesundheit verändert. Heute wundere ich mich selbst über diesen Satz.
Der Anlass für unser Gespräch ist das Jubiläum dieser Zeitschrift, 50 Jahre tennis MAGAZIN. 1976 erschien die erste Ausgabe. Ungefähr zu dieser Zeit kamen auch Sie nach Deutschland. Wie war Tennis in Deutschland damals?
Tennis war eine aufstrebende Sportart; es gab einige gute Spieler. Ich kann mich erinnern, wie Uli Pinner einmal drei Turniere nacheinander gewann. Da ging es los mit einem kleinen Tennisboom. Diese Spieler waren gut, aber sie waren auch nur gut und nicht zu vergleichen mit dem, was dann mit Boris Becker und Steffi Graf passierte, auch mit Michael Stich. Es war, wie soll ich das sagen, eine Explosion.
Wie haben Sie Boris Becker kennengelernt?
Zum ersten Mal gesehen habe ich Boris auf einer Sichtung des Deutschen Tennis Bundes. Er spielte damals mehr Fußball, weniger Tennis. Und so kam es, dass er von dem damaligen Chef-Bundestrainer Richard Schönborn für die Förderung nicht akzeptiert wurde. Ich war der Meinung, dass er es sehr wohl verdient hatte und habe die Jugendwarte gebeten, Boris zusätzlich ins Training aufzunehmen.
Was hatte Becker, was andere nicht hatten?
Er war eine Ausnahmeerscheinung. Damals beherrschten ja Spieler wie Björn Borg oder Guillermo Vilas die Profiszene, und ihre Art von der Grundlinie Tennis zu spielen, imponierte mir überhaupt nicht. Ich wollte etwas anderes, und das war Boris Becker.
Inwiefern?
Er hat mich begeistert. Boris war so ehrgeizig, wollte immer gewinnen, egal, ob das ein Fußballspiel war, Schach oder eben Tennis. Wenn wir Backgammon gespielt haben: Wer gewinnt? Wenn wir Basketball spielten: Wer gewinnt? Er wartete auch beim Tennis nie auf Fehler des Gegners, er spielte selbst kreativ. Ich sagte: Dieses Tennis ist mein Tennis.
Sie hängten den sicheren Job beim Verband an den Nagel und entschieden, ab sofort nur noch Becker zu trainieren.
Meine Frau war total geschockt, wir hatten in Hannover gerade ein Haus gebaut.
Es war ja auch mutig, alles auf eine Karte zu setzen, oder?
Es war ein Risiko. Ja, es hätte auch schief gehen können. Aber ich sah in ihm dieses Talent, das außergewöhnlich war. Er spielte Tennis wie andere nicht spielten.
Wie trainierbar war ein solch außergewöhnlicher Spieler wie Becker?
Sehr, aber ganz anders als alle anderen Spieler. Er war ja ein Bengel. Bei ihm gab es große Pro-und-Contra-Gespräche, fast Streit. Manchmal wollte er nicht trainieren, dann log ich ihn an: Komm, Boris, zehn Minuten, nur für das Gefühl. Und dann wurden es doch wieder zwei Stunden. Am Ende schrie er mich an: Jetzt hast Du mich wieder betrogen. Aber dann setzte er im Match alles um. Und das war für mich die größte Genugtuung.
Günther Bosch: „Ion hat viel gemacht fürs Geschäft und fürs Geld, nicht so sehr fürs Tennis”
Für das Geschäftliche organisierten Sie Ion Tiriac, Ihren Landsmann und Freund aus Jugendtagen.
Ach, der Tiriac. Wir sind zusammen aufgewachsen. In unserem Viertel hatten wir so kleine Straßenbanden, da gab es manchmal Streit. Ion war aggressiv. Obwohl er genauso dünn war wie ich, kam es mir immer vor, als käme er mir mit breiter Brust entgegen. Er sah schon damals zum Fürchten aus, später hat er diesen Eindruck absichtlich verstärkt, indem er sich diesen mächtigen Schnauzer wachsen ließ. Ion lief nicht weg, er teilte aus und konnte einstecken.
Genau das richtige fürs harte Tennis-Business?
Ja. Ion hat viel gemacht fürs Geschäft und fürs Geld, nicht so sehr fürs Tennis. Aber letztlich war die Konstellation einzigartig. Für Boris war es perfekt.
Lassen Sie uns einmal gut 40 Jahre zurückblicken. Hat Boris Beckers Wimbledonsieg 1985 und ein Jahr darauf gleich noch mal, die Welt verändert?
Sicher. Es war, man muss das so sagen, eine Revolution; so etwas hatte es zuvor noch nie gegeben. Ich glaube, Boris hat ganz Deutschland auf den Kopf gestellt.
Inwiefern?
Das Leben veränderte sich total. Wir waren beim Bundeskanzler, der Bundespräsident hat uns Briefe geschrieben, wir besuchten den US-Präsidenten im Weißen Haus und wurden vom Papst empfangen. Es war einfach gewaltig, eine unglaubliche Erfolgszeit. Auch die Tennisindustrie entwickelte sich wie nie zuvor. 1985 war die Geburtsstätte von Sportsponsoring und Sportwerbung in Deutschland.
Plötzlich stand auch das ganz große Geld im Mittelpunkt.
Das war für den Tiriac auch das Wichtigste, für Boris gar nicht mal so. Man hat damals schon gesehen, dass ihn Geld nicht besonders interessierte. Das hat in seinem Leben ja auch immer wieder dazu geführt, dass er Probleme mit Geschäftspartnern und am Ende auch mit den Steuerbehörden bekam. Für Boris war Tennis wichtig, nicht die großen Sponsorenzelte und VIP-Tribünen.
Man dachte, Sie würden Boris Becker jahrzehntelang durch seine Karriere führen. Stattdessen kam es schon 1987 während der Australian Open zur abrupten Trennung. Warum?
Ich habe sehr viel geschluckt in der ganzen Zeit, und das wurde immer schlimmer und schlimmer. Viele Menschen sagen, dass ich sowieso hinausgeworfen worden wäre. Aber ich glaube, noch nicht zu diesem Zeitpunkt. Das Problem war, dass ich meinen Entschluss zuerst der Bild-Zeitung mitteilte, weil ich dachte, ich müsste es tun, wir hatten einen Vertrag. Es war unglaublich, welche Wellen mein Entschluss schlug. Im Nachhinein kann ich sogar verstehen, dass Boris sich von mir verraten fühlte.
Gibt es etwas, von dem Sie heute sagen, das hätte ich anders machen sollen?
Ja. Ich habe darüber noch nie gesprochen, aber ich glaube, ich habe damals einen großen Fehler gemacht. Ich gab einfach zu früh auf. Der Boris wollte sich ja eigentlich gar nicht von mir trennen. Er wollte nur eine andere Form von Training, er wollte seine Freundin auf den Turnieren dabeihaben, er wollte auch, dass ich mal eine Zeit lang nur zu den großen Turnieren mitreise. Aber das war nicht meine Philosophie. Wir waren eben beide so dickköpfig.
Wenn Sie sich damals nicht getrennt hätten, wäre die Karriere von Becker noch erfolgreicher verlaufen?
Das ist schwer zu sagen, aber ich denke schon.
Gab es mal Versuche, miteinander zu sprechen, sich zu versöhnen?
Nein. Nie. Keine Chance.
Günther Bosch: „Boris war für mich wie ein Sohn”
Warum?
Wahrscheinlich ist es ja wirklich so, wenn eine Bindung so eng ist und zu Ende geht, dass dann etwas für immer kaputt ist. Er war für mich wie ein Sohn. Wir haben uns nie darüber ausgetauscht, was passiert ist. Und ich glaube, auch er hat sich damit nie auseinandergesetzt.
Und mit Tiriac?
Bosch: Na gut, wir wohnten in Monte Carlo im selben Haus und haben uns öfter am Strand getroffen. Aber über Boris haben wir nie wieder gesprochen.
Ist es eigentlich so, dass Sie danach immer einen zweiten Boris Becker gesucht haben?
Ja, natürlich. Ich suchte nach Spielern, die ich kitzeln konnte, die meine Gefühle und Ansichten über Tennis teilten und umsetzten. Ich wollte noch mal einen Spieler, der in Wimbledon am Ende der zweiten Turnierwoche dabei war. Das war mein Traum. Und ich dachte immer, dass einer kommen wird. Aber es ist keiner gekommen.
Hatten Sie nicht auch Angebote anderer Spitzenspieler, deren Coach zu werden?
Das wollte ich nie. Es hat mich nicht gereizt, ich wollte keinen fertigen Spieler. Ich wollte Spieler von Beginn an formen.
Und solch einen Spieler hat es nicht gegeben?
In meiner Akademie gab es damals einige Talente mit Perspektive. Aber in dem Moment, wo ich auftrat mit meiner Geschichte im Hintergrund, verloren vor allem die Eltern die Realität aus den Augen. Sie dachten, wenn Günther Bosch ihren Sohn trainiert, wird er Wimbledon gewinnen. Dann wurde es schwierig.
Sie sind als Trainer immer sehr nah an ihren Spielern gewesen. Ist das Voraussetzung für Erfolge?
Tennis ist nicht nur Arbeit von neun bis zwölf und von 15 bis 18 Uhr und dann Hut nehmen, auf Wiedersehen. Als Trainer musst du deinem Spieler zeigen, dass du mit ihm leidest, bei ihm bist, sozusagen den gleichen Puls hast, den er auf dem Platz hat. Tennis hat mit Wärme zu tun, mit Zuneigung, mit Liebe.
Sie haben neben und nach Ihrer Tätigkeit als Trainer auch fürs Fernsehen und als Kolumnist der Welt am Sonntag gearbeitet und damit Ihr Wissen weitergegeben. War das Ihre Intention?
Ja, sicher. Mein Ziel war es immer, den Menschen die Hintergründe zu erklären. Wenn ich früher mit Boris in eine Pressekonferenz ging, sagte ich immer: Komm, jetzt gehen wir zu unseren Freunden. Aber mit meinen Kolumnen und Fernsehkommentaren hatte ich, was viele nicht wissen, auch noch eine andere Absicht.
Welche?
Am Anfang, nach der Trennung von Boris, war es eine Art, mit ihm zu reden, ihm ehrlich zu helfen. Es war mir der einzige Weg geblieben, ihm irgendetwas mitzuteilen und ihn auf Fehler aufmerksam zu machen.
Hat es Sie nicht gestört, dass Sie so in die Rolle des „Ex von Boris“ gedrängt wurden?
Eigentlich nicht. Aber natürlich ist es für mich immer noch schwierig, das Ganze so zu erzählen. Warum? Weil der Boris in all den Jahren nicht ein einziges Mal erwähnt hat, was ich für ihn gemacht habe. Das macht mich traurig, immer noch.
Hat es Sie getroffen, als Becker ins Gefängnis musste?
Es war ein großer Schock für mich. In dem Moment habe ich alles vergessen, was war. Er gehörte immer noch irgendwie zur Familie.
Wie intensiv verfolgen Sie eigentlich die Tennisszene noch?
Sehr. Für mich ist Tennis immer noch das Wichtigste im Leben. Ich sitze jeden Tag vor dem Fernseher oder dem Computer und sehe mir Spiele an. Ich habe sogar einen russischen Onlinekanal gefunden, auf dem ich Tennis sehen kann. Weil ich in der Schule Russisch gelernt habe, kann ich auch gut verstehen, was die Trainer zum Beispiel bei Sascha Zverev ihm während der Matches zurufen. Da bin ich im Vorteil.
Wie haben sie seinen Triumph im Finale von Paris erlebt?
Endlich hat er die Kurve gekriegt! Ich war sehr aufgeregt vor dem Fernseher. Nach dem vierten Satz sah es ja nicht mehr so aus, dass er es noch schaffen würde. Dann hat er einen Satz gespielt wie man ihn spielen muss im Finale.
Günther Bosch: „Ich bin der größte Fan von Sascha”
Sie mögen Sascha Zverev?
Ich bin der größte Fan von Sascha.
Es gab ja, zumindest bis zum Finale in Paris, immer viel Kritik an seiner Entwicklung, dass beispielsweise sein Spiel zu defensiv und manchmal zu zaghaft sei.
Technisch hat er schon immer alle Schläge beherrscht, ein wunderbarer Spieler. Aber zum Erfolg gehört auch etwas anderes. Ich sage immer, man muss die besonderen Dinge nicht in der ersten Runde zeigen, sondern im Finale. Und Sascha ist da oft, ich kann es mir gar nicht erklären, regelrecht zusammengeklappt. Das war auch bei den vielen Niederlagen gegen Jannik Sinner so: Sascha hat die besseren Tennis-Fähigkeiten. Nur: Der Sinner weiß genau, was er gegen Sascha tun muss, und der Sascha wusste es umgekehrt nicht.
Was halten Sie davon, dass Zverev konsequent an seinem Vater als Trainer festgehalten hat?
Es waren ja einige andere Trainer da. Am Ende hieß es immer: Danke, auf Wiedersehen! Und dann saß der Vater wieder in der Box. Und das ist richtig. Es ist ein Familienunternehmen; das darf man nicht einfach zerstören und den Vater und den Bruder nach Hause schicken.
Außer von Zverev gibt es im deutschen Tennis derzeit wenig Positives zu berichten. Woran liegt es, dass es aktuell kaum Spieler und Spielerinnen gibt, die nachrücken?
Mir fehlt die Leistungskultur. Außer Sascha scheiden die meisten Deutschen bei Grand Slam-Turnieren in der ersten oder zweiten Runde aus. Und dann heißt es: Sie haben sich gut verkauft. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte: Als wir mit Boris angefangen haben zu arbeiten, hat er beim Turnier am Hamburger Rothenbaum im Training gegen Guillermo Vilas gespielt. Nach vier Stunden stand Boris japsend in der Ecke und sagte: Ich kann nicht mehr.
Kann man verstehen.
Da sagte Tiriac: Was willst du im Leben: bei Turnieren mitspielen oder sie gewinnen? Boris hat dann noch eine fünfte Stunde gespielt. Gibt es das heute noch? Ich glaube nicht.
Herr Bosch, was soll man nach den nächsten 50 Jahren sagen über die Zeit von Günther Bosch im deutschen Tennis?
Dass ich immer das Beste gegeben habe, was in mir steckte. Egal, welche Spieler ich trainiert habe, nicht nur den Boris. Ich habe es immer geschafft, dass sie mich alle schön langsam verstanden und die Opfer gebracht haben, die ich im Training verlangte. Deswegen kann ich sagen: Es war schwer, aber es hat sich gelohnt.
Vita Günther Bosch
Günther Bosch, 89, ist einer der profiliertesten Tennistrainer Deutschlands. Der im rumänischen Kronstadt geborene Diplomsportwissenschaftler kam 1974 nach Deutschland, wo er zunächst Trainer beim Deutschen Tennis Bund wurde. 1984 übernahm er die Betreuung des aufstrebenden Boris Becker, den er zu zwei Wimbledon-Titeln (1985, 1986) führte. Nach der Trennung von Becker im Januar 1987 in Melbourne trainierte Bosch zahlreiche Profis und betrieb eine eigene Tennis-Akademie. Er arbeitete als TV-Kommentator, Kolumnist und Buchautor. Im Deutschen Bundestag organisierte er Tennisturniere. Bis 2002 wohnte Bosch in Monte Carlo, heute lebt er in Berlin.
