Daniil Medvedev dachte bei seiner Auftaktniederlage in Winston-Salem laut über seine berufliche Zukunft nach – und erntet nun im Web tausende Lacher.
Selbstgespräche sind in einer Einzelsportart wie Tennis keine Seltenheit. Wenn es nicht rund läuft auf dem Platz, dann hadert man schnell mit demjenigen, der einem am nächsten ist: sich selbst. Ein legendäres Beispiel lieferte Tommy Haas bei den Australian Open 2007 ab.
Im Viertelfinale gegen Nikolay Davydenko lag der Deutsche 1:2 nach Sätzen hinten und gab zu Beginn des vierten Durchgangs auch noch seinen eigenen Aufschlag ab – woraufhin er sich beim Seitenwechsel selbst eine Standpauke hielt, die bis heute zu den besten Schimpftiraden der Tennisgeschichte zählt. Er rechnete minutenlang mit sich selbst ab, fragte sich lautstark, für wen er das eigentlich alles mache, und brachte es am Ende auf den Punkt: „Du bist ein Vollidiot!“
Danach aber sprach er sich wieder Mut zu und gewann das Match noch, wodurch er ins Halbfinale einzog. Jahre später bezeichnete er das Video mal als „geil und witzig“ und erklärte, Tennis sei eben ein brutaler Sport, der einen manchmal verrückt mache – und das müsse dann halt raus.
Medvedev gibt sich eine Berufsberatung
Wie der Tennissport manche Spieler durchdrehen lässt, sieht man in den letzten Jahren auch immer wieder bei Daniil Medvedev, der nun für eine neue Eskapade beim ATP-Turnier in Winston-Salem sorgte. Dort allerdings war es kein Wutausbruch, mit dem er für Aussehen sorgte, sondern eher eine, nun ja, „Berufsberatung“.
Beim einem Seitenwechsel während seiner 5:7, 3:6-Niederlage gegen den 22-jährigen Amerikaner Martin Damm Junior dachte er laut über seine Karriereoptionen und den Sinn des Sports im Allgemeinen nach. „Vielleicht sollte ich eine Karriere im Pickleball starten“, sinnierte Medvedev, der nach Erhalt einer Wildcard als Topgesetzter in Winston-Salem antrat, um sich Matchpraxis für die US Open zu holen.
„Jeder Sportart ist besser – sogar Curling“
„Es ist noch nicht zu spät. Im Doppel … mit Jack Sock“, fügte er hinzu und bezog sich dabei auf den ehemaligen US-Profi, der nach seinem Tennis-Rücktritt zum Pickleball gewechselt ist und dort auf der Tour bereits acht Titel gewonnen hat. Medwedew war aber noch nicht fertig. „Jede Sportart auf diesem Planeten ist besser, Mann“, sagte er und wandte sich an den Stuhl-Schiedsrichter. „Sogar Curling!“ Im Netz gehen die Videos seines Selbstgesprächs natürlich viral. Die Fans lachen sich über ihren „Meddy“ kaputt.
Daniil Medvedev on the changeover before losing to Martin Damm in Salem
“Maybe I should start a career in pickleball… not too late… with Jack Sock, doubles.”
“Every sport on the planet is better, even curling right now.”
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— The Tennis Letter (@TheTennisLetter) August 26, 2026
Wer Medvedevs aktuelle Saison verfolgt hat, versteht, warum ihm gerade zum Philosophieren zumute ist. Nach einem katastrophalen Start ins Jahr 2025 trennte er sich von seinem langjährigen Coach Gilles Cervara und heuerte stattdessen Thomas Johansson an, den Australian Open-Champion von 2002. Der Wechsel schien zunächst zu wirken: Titel in Brisbane zum Jahresauftakt, dann ein starkes Frühjahr mit dem Finaleinzug in Indian Wells – inklusive Sieg über Carlos Alcaraz und einem Fast-Coup gegen Jannik Sinner, dem er im Endspiel in zwei Tiebreaks unterlag.
Medvedev ist wie ein Boot, das im Meer feststeckt
Seitdem ging es wellenförmig weiter: Halbfinale in Rom (wieder Niederlage gegen Sinner, diesmal über drei Sätze), davor aber ein 0:6, 0:6-Debakel gegen Matteo Berrettini in Monte Carlo. Es folgte ein Erstrunden-Aus bei den French Open gegen den australischen Wildcard-Spieler Adam Walton. Im Sommer trennte sich Medvedev dann auch von Johansson und arbeitet für die US-Hartplatzsaison nun mit dem Kasachen Andrej Golubew zusammen.
MEDVEDEV ÉLIMINÉ D’ENTRÉE ❌
92e, Martin Damm décroche sa plus grande victoire en s’offrant le n°8 mondial Daniil Medvedev (7-5, 6-3) au tournoi ATP 250 de Winston-Salem.
Après 4 défaites en 5 matchs, le Russe arrive à l’US Open en grande difficulté… pic.twitter.com/qklC37b5B1
— Univers Tennis 🎾 (@UniversTennis) August 26, 2026
Sein früherer Coach Cervara hatte die Trennung im Frühjahr mit einer schönen Metapher erklärt: Ein Team um einen Spieler funktioniere wie ein Motor, der irgendwann seine Kraft verliere, während das Boot noch eine Weile aus eigenem Schwung weitergleite – bis es plötzlich mitten auf See feststecke und versuche, den Motor neu zu starten.
Eklat bei den US Open 2025
Mit dieser Gemengelage reist Medvedev nun nach New York, wo er 2025 einen ebenfalls denkwürdigen Auftritt hinlegte. In der ersten Runde lief bei seiner Partie gegen den Franzosen Benjamin Bonzi ein Fotograf während des Matchballs auf den Platz. Der Stuhlschiedsrichter gewährte Bonzi daraufhin einen zweiten ersten Aufschlag – und Medvedev drehte durch: Er brachte das Publikum gegen den Schiedsrichter auf, verzögerte das Spiel um sechs Minuten und unterstellte dem Unparteiischen, er wolle die Situation nur in die Länge ziehen, weil er nach Stunden bezahlt werde.
🇷🇺 „Es-tu un homme ? Pourquoi tu trembles ? Les gars, il veut partir. Il n’aime pas être ici. Il est payé au match et non à l’heure. Qu’a dit Opelka ?“
Medvedev après que l’arbitre ait donné 2 services à Bonzi à cause d’un photographe
Us Open 2025pic.twitter.com/eD5ZOqVaLO https://t.co/KyQSUOtmCq
— TennisTemple (@tennistemple) November 28, 2025
Als das Match weiterging, holte sich Medvedev tatsächlich Bonzis Aufschlag, gewann die nächsten beiden Sätze – verlor die Partie am Ende trotzdem in fünf Durchgängen. In der anschließenden Pressekonferenz zeigte er sich bemerkenswert uneinsichtig: Er selbst habe nichts gemacht, das Publikum habe von ganz allein reagiert, und es sei durchaus unterhaltsam gewesen, dabei zuzusehen. Die Geldstrafe für Medvedev: 42. 500 Dollar.
Eine derartige Konsequenz hat er für sein Winston-Salem-Selbstgespräch nicht zu fürchten. Angesichts seiner anhaltenden Formschwankungen wird sich aber jeder Fan in New York die Frage stellen, wann Medvedev wieder durchdrehen wird.
