Carlos Alcaraz flog in Shanghai früh raus und beschwerte sich über die Bälle. Dabei hatte er mit dem gleichen Fabrikat kurz zuvor in Tokio gewonnen.
Mit einer taktischen Meisterleistung und enormer Nervenstärke hat Zizou Bergs für die bisher größte Sensation des Rolex Shanghai Masters gesorgt. Der 27-jährige Belgier bezwang den an Position zwei gesetzten Carlos Alcaraz in der dritten Runde glatt mit 7:5, 7:6 (7:4) und feierte damit den größten Sieg seiner bisherigen Karriere. Nach dem überraschenden Zweitrunden-Aus von Rekord-Champion Novak Djokovic muss damit bereits der nächste Top-Favorit vorzeitig die Koffer packen, mit weitreichenden Konsequenzen für die gesamte Tennis-Welt.
Der Paukenschlag im Qizhong Forest Sports City Stadium wirbelt das Tableau gewaltig durcheinander und ebnet vor allem der deutschen Nummer eins den Weg. Durch das Ausscheiden seiner vermeintlich größten Konkurrenten Alcaraz und Djokovic steigen die Chancen für Alexander Zverev beträchtlich, sich endlich seinen ersten Titel in Shanghai zu sichern. Der Hamburger trifft im Achtelfinale auf den unberechenbaren Kasachen Alexander Bublik.
Noch bedeutender ist jedoch der Nebeneffekt des Alcaraz-Kollapses auf die Weltrangliste. Da der Spanier keine Punkte mehr gutmachen kann, steht rechnerisch fest, dass Alexander Zverev das Jahr 2026 als Nummer eins der Welt beenden wird, als erster Deutscher in der Geschichte der ATP-Tour.
Alcaraz: „Kann so nicht spielen“
Sportlich verdiente sich Bergs diesen Meilenstein mit einem couragierten Auftritt, bei dem er Alcaraz die Initiative von Beginn an entzog. Für die Nummer 39 der Welt war es im zweiten Aufeinandertreffen der erste Erfolg gegen den Weltranglistendritten überhaupt. Taktisch profitierte der Belgier vom extrem schnellen Hardcourt, auf dem er mit druckvollen, tiefen Grundlinienschlägen diktierte und den Spanier immer wieder zu Fehlern zwang.
Alcarez machte dafür auch die Bälle verantwortlich. Mikrofone am Platz fingen ein, wie er sich bei seinem Coach Samuel Lopez über die Filzkugeln beschwerte. „Ich kann so nicht spielen. Ein Ball, der so fliegt und so aufspringt …“, schimpfte er und ließ den Satz unvollendet. Sein Kernproblem: Die Bälle verhielten sich aus seiner Sicht unberechenbar, mal flogen sie anders, mal sprangen sie anders ab.
Pocas veces lo hemos visto así🫣
Hoy simplemente no fue el día para Carlos Alcaraz🇪🇸
“No puedo jugar así” https://t.co/nsLLH93vGj
— Iván Aguilar (@ivabianconero) October 12, 2026
Warum ihn das so trifft, erklärte er gleich mit. „Ich kann nicht nach Instinkt spielen“, klagte er in Richtung Box. Genau das ist aber sein Spiel: Stopps, Tempowechsel, spontane Netzangriffe. Wenn er aber jeden Absprung erst berechnen muss, kommt Alcaraz nicht in seinen berüchtigten Spiel-Flow.
Alcaraz: „Turnier muss sich darum kümmern“
In der späteren Pressekonferenz legte Alcaraz nach, diesmal mit kühlerem Kopf. Sein Auftaktmatch gegen Juan Manuel Cerundolo (6:3, 6:3 in 66 Minuten) hatte er am Samstag bei geschlossenem Dach gespielt. Gegen Bergs ging es zwei Tage später unter freiem Himmel auf den Platz. Der Unterschied sei enorm gewesen, gab er zu Protokoll.
Gegen Cerundolo habe sich der Platz richtig schnell angefühlt. Gegen Bergs sei ihm der Ball größer und etwas langsamer vorgekommen. Dass sich die Bedingungen innerhalb von 48 Stunden so stark verändern, kann er sich nicht erklären. „Es ist seltsam, und darum muss sich das Turnier kümmern“, forderte er.
Was man allerdings wissen sollte: Der offizielle Turnierball in Shanghai ist der Yonex Tour Platinum. Und dieser Ball wird 2026 bei allen fünf ATP-Events auf dem sogenannten Asian-Swing eingesetzt. Bedeutet: Der Yonex Tour Platinum war also auch in Tokio der offizielle Spielball und dort hat Alcaraz in der Woche vor Shanghai bekanntlich den Titel geholt.
Bergs mit starker Leistung
Doch bei aller Kritik an Bällen und Bedingungen: Eine Ausrede wollte Alcaraz daraus dann nicht machen. „Es war ein richtig schlechtes Niveau von mir und ein richtig gutes von ihm“, räumte er schließlich ein. Und knapper: „Ich habe mich nicht gut gefühlt.“
Sein Gegner aus Belgien hingegen fühlte sich pudelwohl auf dem Court. Den Grundstein zum Sieg legte Bergs bei eigenem Service: Mit herausragenden 79 Prozent gewonnenen Punkten über den ersten Aufschlag (37 von 47) und neun Assen ließ er Alcaraz beim Return fast nie in gewohnte Rhythmen kommen. Zudem erwies sich der Außenseiter als Meister der Effizienz, indem er drei seiner vier Breakchancen eiskalt verwertete. Selbst als Alcaraz im zweiten Satz das späte Re-Break zum 5:5 glückte, behielt Bergs im Tiebreak die Nerven und zog ab dem Stand von 4:4 mit drei Punkten in Serie unwiderstehlich davon.
„Es ist ein Gefühl des Unglaubens“, erklärte ein sichtlich aufgewühlter Bergs unmittelbar nach dem Matchball. „Ich habe oft zu viel Respekt vor diesen Stars, das liegt in meiner Natur. Letztes Jahr habe ich hier gegen Djokovic noch gegen den großen Namen gespielt, nicht gegen den Menschen. Jetzt fühlt es sich wie eine Befreiung an. Ich habe bewiesen, dass ich gegen diese Jungs nicht nur mithalten, sondern sie auch schlagen kann. Die Aufschlagquoten waren in den letzten Matches sehr hoch, weil wir hart daran gearbeitet haben, das hat mir heute die nötige Luft zum Atmen gegeben.“
Zizou Bergs casually vlogging the day he beat 7 time Grand Slam champ Carlos Alcaraz https://t.co/mRlDzlbOdN
— José Morgado (@josemorgado) October 13, 2026
Toilettenpause bringt Alcaraz raus
Einen zusätzlichen Bruch erlebte die Partie nach dem ersten Satz, als Bergs für eine Toilettenpause in den Katakomben verschwand. Die ATP-Regularien sind hierbei eindeutig: Jedem Spieler steht pro Best-of-Three-Match eine dreiminütige Toilettenpause zu (plus maximal zwei Minuten für einen Outfit-Wechsel), wobei die Uhr erst beim Betreten der Kabine startet. Regelwidrig zu lang war die Unterbrechung folglich nicht, da der Stuhlschiedsrichter keine Verwarnung aussprach. Dennoch genügte die Pause inklusive der Wegezeiten, um Alcaraz sichtlich aus dem Konzept zu bringen.
Der Spanier verbrachte die Wartezeit unruhig auf seiner Bank, diskutierte gestenreich mit seiner Box und haderte merklich mit dem abgekühlten Spielfluss. Zwar rettete er sich noch in den Tie-Break, fand gegen Bergs‘ Entschlossenheit letztlich aber kein Mittel mehr. Für den Sensationssieger geht die Reise in Shanghai nun nahtlos weiter. Im Achtelfinale trifft Zizou Bergs auf den US-Amerikaner Tommy Paul, der Vorjahres-Champion Valentin Vacherot glatt in zwei Sätzen aus dem Turnier nahm.
