Die Social Media-Debatte – immer wieder werden die Sozialen Medien auf der Tennis-Tour zum Thema. Zuletzt sorgten Anfeindungen im Netz gegen Coco Gauff für Aufsehen. Es handelt sich um eine Diskussion, die weit über den Tennissport hinausgeht.
Hasserfüllte Nachrichten und Kommentare gehören für viele Profisportler zum Alltag. Immer wieder sprechen sich Tennisprofis gegen die Negativität im Netz aus – Ändern tut sich bislang nichts. Ein aktueller Vorfall: Nach einer, im Netz umstrittenen, aber dem Regelwerk folgenden, Punktwiederholung zu Gauffs Vorteil bei den China Open, erhielt die 22-Jährige eine Vielzahl an rassistischen Kommentaren und Hassbotschaften im Netz. Dabei handelt es sich nur um ein aktuelles Beispiel, Vorfälle wie diese sind in der Tennisszene weitaus häufiger, wenn nicht sogar ein täglicher Begleiter.
Gauff: „Ich schalte mein Handy aus und mache weiter“
Gauff gab in Beijing zu: „Ich werde nicht lügen, es war kräftezehrend.“ Außerdem sagte sie: „Ich schalte einfach mein Handy aus und mache weiter.“ Für die zweifache Grand Slam-Siegerin endete ihre Reise bei den China Open im Achtelfinale. Beim letzten 1000-Turnier der Saison in Wuhan, das in der kommenden Woche startet, setzt Gauff, die als Titelverteidigerin an den Start gegangen wäre, aus. Aufgrund von Erschöpfung zog sie ihre Teilnahme zurück. Ein Zusammenhang mit den Cyber-Attacken wurde nicht geäußert.
Zahlreiche Fans meldeten sich nach dem Vorfall auf den Sozialen Plattformen und stellten sich gegen den aufflammenden Hass. Auch der ehemalige Weltranglistenerste, Boris Becker, zeigte im Netz seine Unterstützung. Gauff machte bereits mehrfach auf Rassismus und die Missstände auf Social Media aufmerksam. Im Frühjahr sprach sie ausführlich in einem TikTok-Video über eine Welle negativer, ebenfalls zum Teil rassistischer Kommentare und Nachrichten, die sie nach einem Mode-Shooting mit ihrem Sponsor, der italienischen Luxusmarke Miu Miu, für ihr Aussehen und ihren Look erhalten hatte. Bereits im Frühjahr zeigte Gauff Stärke und bewies einmal mehr, warum sie als eines der größten Vorbilder im Tennis gilt. Sie sagte: „Ich werde mich nicht dafür entschuldigen, wie mein Haar aussieht, weil da draußen andere Mädchen sind, die die gleichen Haare wie ich haben und ich möchte, dass sie sich repräsentiert fühlen.“ Ihre Videobotschaft am Ende lautete: „Seid netter zueinander!“
Gauff ist mit den digitalen Anfeindungen nicht allein. Zahlreiche Profis machten auf die Kehrseite der Sozialen Medien aufmerksam. Zu Beginn des Nordamerika-Swings sprach Iga Swiatek in ihrer Siegesrede bei den National Bank Open in Toronto über unfaire Kritik, die sie erhalten würde. „Ich möchte diesen Titel allen widmen, die mit ungerechter Beurteilung und Hass zu kämpfen haben. Gebt nicht auf. Werdet weiter besser. Konzentriert euch auf euch selbst, denn ihr wisst, was das Beste für euch ist“, sagte die 25-Jährige.
Zuvor beschrieb die Polin die laufende Saison als die „wahrscheinlich härteste“ ihrer Karriere. Online und in Schlagzeilen wurde Swiatek in den vergangenen Monaten oft dafür kritisiert, als ehemalige Nummer eins und sechsfache Grand Slam-Siegerin nicht mehr an der Spitze der Weltrangliste zu stehen. Auch die Strukturen im Team der polnischen Profispielerin wurden scharf kommentiert und kritisiert. Im April 2026 engagierte Swiatek einen neuen Trainer, den Spanier Francisco Roig. Die Kritik wolle Swiatek nicht zu sehr an sich heranlassen. Gegenüber der Streaming-Plattform Tennis Channel sagte sie in Cincinnati: „Ich bin nicht naiv, ich weiß, wie die Welt funktioniert. Clickbait-Titel sind manchmal wichtiger. Man sollte sich also darauf konzentrieren, seinen Job zu machen und sich nicht darum kümmern.“
Kommentare und Hassnachrichten nach beispielsweise Niederlagen sind für viele Spieler, vor allem Top-Spieler mit hoher medialer Aufmerksamkeit, mittlerweile Alltag. Sportwetten haben dabei einen entscheidenden Einfluss. Darauf machte unter anderem die Französin Caroline Garcia aufmerksam. Die ehemalige Nummer vier der Welt veröffentlichte im Februar 2024 erstmals eine Folge ihres Podcasts „Tennis Insider Club“, in dem häufig Top-Spieler, Coaches und ehemalige Profis zu Gast sind.
Deshalb lehnte Garcia 270.000 US-Dollar eines Wettanbieters ab
Ende letzten Jahres erklärte Garcia öffentlich, warum sie ein Sponsoring-Angebot eines Wettanbieters über 270.000 US-Dollar abgelehnt hatte. In ihrem Statement, das sie auf X und Instagram veröffentlicht hatte, schrieb sie: „In den letzten zwei Jahren, in denen ich Spieler, Trainer, Agenten und Eltern interviewt habe, taucht ein Thema immer wieder auf: Wetten sind zu einer der größten Ursachen für Druck, Missbrauch und Hass im modernen Sport geworden.“ Als ehemalige Profispielerin weiß Garcia, wovon sie spricht. Im vergangenen Jahr beendete sie ihre Profikarriere bei den US Open.
Die Absage des Sponsoring-Angebots erklärte sie dann folgendermaßen: „Ich möchte nicht, dass der ˋTennis Insider Clubˋ – auch nicht indirekt – zu einem System beiträgt, das Sucht schürt, Leben zerstört und Sportler zu täglichen Zielscheiben macht.“ Sie wolle authentische Geschichten aus der Welt des Tennis erzählen, Menschen inspirieren und den Sport auf eine Weise voranbringen, die sowohl für Sportler, als auch für Fans gesund sei. Thema in ihrem Podcast ist immer wieder der mentale Aspekt des Sports. Tennis ist bekanntlich nicht nur physisch, sondern auch mental gesehen ein herausfordernder Sport. Dass negative Kommentare aus der digitalen Welt, auf das Spiel der Profis Einfluss nehmen können, ist klar. Aber wie geht man damit um? Ein Patentrezept gibt es dafür nicht.
Social Media: Chance oder Risiko?
Ganz auf die Sozialen Medien zu verzichten, ist im digitalen Zeitalter schwer. Neben all ihren Schattenseiten bringt die digitale Welt Chancen mit sich. Spieler bauen sich heutzutage durch Social Media eigene Plattformen auf, promoten eigene Projekte und Kooperationen, präsentieren ihre Persönlichkeit außerhalb des Courts und stärken dadurch ihre eigene Marke. Viele Profis nutzen die Sozialen Plattformen, um Einblicke hinter die Kulissen der Tennis-Tour zu geben. Vor Turnierstart der China Open erklärte Gauff, dass durch das Präsentieren der eigenen Persönlichkeit eine Bindung zum Publikum aufgebaut werden könne.
Gauff ist eine der Spielerinnen, mit den meisten Instagram-Followern der WTA-Tour. Insgesamt verfolgen 2,5 Millionen Menschen die zweifache Grand Slam-Siegerin. Zu den meist gefolgten aktiven Profis gehören zudem Emma Raducanu mit 2,9 Millionen und Naomi Osaka mit 3,4 Millionen Instagram-Followern. Ein Name, der immer wieder im Zusammenhang mit den Sozialen Medien auftaucht, ist Aryna Sabalenka. Mit 5,7 Millionen Abonnenten führt die 28-Jährige die Social Media-Rangliste der aktiven Spielerinnen an. Die Spitze der WTA-Weltrangliste musste Sabalenka in New York an Elena Rybakina abtreten. Serena Williams, die in diesem Jahr zeitweise auf die Tour zurückkehrte, wird von 17,7 Millionen Menschen auf Instagram verfolgt.
Sabalenka beschrieb die Sozialen Medien als eine Art Leidenschaft oder Hobby. Kürzlich veröffentlichte sie ein Video aus der Reihe „Arynas Arena“ auf ihrem YouTube-Kanal mit dem Titel „Warum ich von TikTok besessen bin“. Darin erklärte sie: „Ich mache gerne ein paar TikToks, um mich zu beschäftigen, Spaß zu haben und um für eine Weile zu vergessen, was man macht.“ Außerdem sagte die Weltranglistenzweite: „Alle meine Social Media-Plattformen dienen dazu, mich auszudrücken, mich mit anderen Menschen zu verbinden und meine andere Seite zu zeigen.“ Ihre Aktivität auf den Sozialen Medien wird Sabalenka oft zum Vorwurf gemacht. Sie sei nicht auf den Sport, sondern die Online-Welt fokussiert, werfen ihr einige User online vor. Ihre Social Media-Präsenz ist mittlerweile Thema auf so gut wie jeder Pressekonferenz. Fest steht: die Tennis-Welt ist heutzutage mehr als nur die Performance auf dem Platz. Social Media ist der Sender der Spieler. Auf den Accounts der Profis laufen unterschiedliche Programme.
Die Auswirkungen des digitalen Wahnsinns geht auch an Sabalenka nicht vorbei. In der Mai-Ausgabe der Vogue sprach sie ausführlich über die Schattenseite der digitalen Welt. „Mit diesem Planeten stimmt etwas nicht“, denke sie sich bei einigen Kommentaren und Nachrichten, die sie lese. Ihr sei klar geworden, dass es wenige Menschen im Internet seien, die sich aber besonders laut zu Wort melden würden, denn in den Tennisstadien der Welt mache die vierfache Grand Slam-Siegerin andere Erfahrungen.
Online herrscht oft die Meinung vor: Wer auf einer öffentlichen Bühne auftrete und sich in der digitalen Welt präsentiere, müsse damit kla kommen, Kommentare der Außenwelt zu erhalten – doch so sollte es nicht sein. Ungefilterter Hass sollte dabei klar von konstruktiver Kritik oder respektvollem Feedback abgegrenzt werden.
Viele Spieler nutzen ihre Plattformen unter anderem dafür, eine Botschaft gegen Hass im Netz zu senden. Zu aktiven Spielzeiten postete Garcia einen Beitrag, in dem sie Kommentare veröffentlichte, die sie nach einem verlorenen Match erhalten hatte. Dieser Post wurde von einer Vielzahl der Profispieler geliked und repostet – das zeigt: betroffen sind so gut wie alle Spieler. In ihrem Statement machte Garcia vor allem auf Nachwuchsspieler aufmerksam, die sich in jungen Jahren mit Kommentaren dieser Art auseinandersetzen müssten. Eine Niederlage sei für den Athleten selbst nicht leicht, erklärte sie. „Diese Nachrichten können schädigend sein“, schrieb sie auf X und Instagram. Zudem kritisierte sie die Anonymität im Netz: „Wenn mir jemand solche Dinge in der Öffentlichkeit sagen würde, könnte er rechtliche Probleme bekommen. (…) Vielleicht sollte die Anonymität im Netz überdacht werden.“
„Ich weiß, dass sich diejenigen, die diese schrecklichen Nachrichten schreiben, deswegen nicht ändern werden“, schrieb sie weiter. Dennoch ihr Appell: „Vielleicht denkt man das nächste Mal, wenn man einen Beitrag von einem Sportler, Sänger oder einer anderen Person sieht, die gescheitert ist oder verloren hat, daran, dass diese Person auch ein Mensch ist, der im Leben sein Bestes gibt.“
Social Media-Debatte über den Sport hinaus
Der Hass im Netz geht weit über den Tennissport hinaus – ob im Bereich Sport, Kunst, Musik oder Mode. Personen, die auf öffentlichen Bühnen auftreten, werden mit Botschaften der Außenwelt konfrontiert – Zum einen in Form von Unterstützung, eventuell auch von konstruktivem Feedback, aber eben auch von hasserfüllten und grenzüberschreitenden Nachrichten.
Die R&B und Pop-Sängerin Olivia Dean, die durch ihr Album ˋThe Art of Lovingˋ im vergangenen Jahr ihren internationalen Durchbruch feierte, erklärte beispielsweise dem Mode- und Lifestyle-Magazin Elle, dass sie sich weder von zu positiven, noch zu negativen Kommentaren beeinflussen lassen wolle.
Der Social Media-Diskurs reicht weit über den Sport hinaus: Sängerin Olivia Dean lässt sich weder von positiven, noch von negativen Kommentaren definieren.
Nach ihrem gewonnen Grammy in der Kategorie ´Best new Artistˋ habe sie laut der Elle sämtliche Social Media Plattformen von ihrem Handy gelöscht. „Ich glaube nicht, dass man die Meinung aller über sich kennen muss. Ich habe beschlossen, dass ich in seliger Ungewissheit leben möchte“, sagte die britische Sängerin. Dean erklärte des Weiteren: „Ich finde viele Diskussionen im Internet und solche Dinge so unproduktiv. Ich weiß, wer ich bin. Ich weiß, dass ich mit reiner Intention auftrete und kreiere. Man kann es nicht allen Recht machen und darin habe ich Frieden gefunden.“
Text: Anna Sophia Antic. Sie studiert Journalismus an der IU-Akademie.
