Die deutsche Nummer eins im Interview: Mit tennis MAGAZIN spricht Tamara Korpatsch über Novak Djokovic, die Anfänge im Tennis und ihren Hund als Therapeutin.

Es ist der Sonntag vor Turnierbeginn der MSC Hamburg Ladies Open, als wir zum Interview verabredet sind. Tamara Korpatsch, 31, führt mit anderen Akteuren erst noch die Auslosung durch. Zu dem Zeitpunkt hätte sie wahrscheinlich nicht geahnt, dass eine Woche später ein Traum in Erfüllung gehen wird: Titelgewinn in ihrem Verein, dem Club an der Alster! Erstmaliger Sprung unter die Top 50 der Welt! Und die Gewissheit, dass sie trotz Widrigkeiten in ihrer Karriere ganz viel richtig gemacht hat.

Frau Korpatsch, wenn man Sie auf Instagram verfolgt, fällt auf, dass es dort zwei Selfies mit Novak Djokovic gibt. Erklären Sie uns das bitte.

Angefangen hat das bei Olympia 2024. Da haben wir uns auf den Ergometern nebeneinander ausgefahren. Ich war damals noch extrem schüchtern. Ich dachte nur: „Oh mein Gott, Djokovic sitzt direkt neben mir! Er hat das Fahrrad neben mir ausgesucht!“ Ich wollte ihn unbedingt ansprechen, weil ich vorher aus Spaß zu jemandem gesagt hatte: „Wenn ich Djokovic sehe, frage ich ihn, ob wir zusammen Mixed bei den US Open spielen wollen!“ Als er dann dort saß, habe ich mich schließlich getraut und ihn auf Englisch gefragt: „Du sprichst doch auch Deutsch, oder?“ Und dann hat er auf Deutsch geantwortet: „Ja, ein bisschen.“

Zu Boris Becker sagt er ‘Schatzi’. Wie gut spricht er denn?

Er kann richtig gut Deutsch! Wir haben uns komplett auf Deutsch unterhalten. Ich habe ihn zuerst gefragt, ob wir ein Foto machen können. Er war super nett und meinte direkt: „Ja klar, gerne.“ Es hat mich wirklich überrascht und ich hätte es so nicht erwartet. Ich hatte vorher etwas Angst, dass er vielleicht distanziert oder abgehoben sein könnte und gar nicht mit mir reden will, denn vielleicht bin ich für ihn ein Nobody. Aber er war völlig entspannt. Nach dem Selfie hat er mir bestimmt hundert Fragen gestellt. Ich dachte nur: „Wahnsinn, er redet so viel!“

Was hat er denn gefragt?

Alles Mögliche. Ob ich Einzel oder Doppel spiele, wie mein Ranking ist, bei welchen Turnieren ich antrete und so weiter. Ich habe ihn irgendwann unterbrochen und ihn lachend gefragt, ob er vielleicht mit mir bei den US Open Mixed spielen würde. Er meinte dann, dass er leider kein Doppel oder Mixed bei den Grand Slams spiele. Ich meinte nur: „Schade“ und dass man das nicht hätte wissen können. Er hat dann gegrinst: „Ja, man weiß nie.“

Und dann haben Sie ihn dieses Jahr in Wimbledon getroffen. Wie war das?

Das war im Players Bereich beim Warm-up beziehungsweise Cool-down. Ich bin wieder zu ihm hin und fragte, ob er sich an mich erinnere. Ich habe ihm unser Olympia-Foto gezeigt. Er hat sich direkt erinnert. Dann sagte ich ihm, dass er nach unserer Begegnung Olympia-Gold gewonnen hat und ich vielleicht seine Glücksbringerin bin. Ich habe ihn gebeten, das gleiche Selfie noch mal zu machen. Ich habe ihn dann wieder gefragt, ob er nicht mit mir Mixed bei den US Open spielen wolle. Ich hatte ganz vergessen, dass es jetzt ein neues Format mit einem kleinen Teilnehmerfeld ist. Er verriet mir dann, dass er bereits mit Aryna Sabalenka verabredet sei. Wir haben dann noch ein bisschen gescherzt. Es war sehr lustig.

Ist Djokovic jemand, der sie inspiriert?

Auf jeden Fall. Er ist 39, er spielt immer noch auf so einem unglaublich hohen Niveau, ist konstant in den Top 10. Djokovic zählt immer noch zur Weltspitze, hat 24 Grand Slams gewonnen. Es ist unglaublich, wie fit er körperlich ist, aber ich bewundere auch seine mentale Stärke. In diesen beiden Punkten ist er mein absolutes Vorbild.

Gibt es andere Vorbilder?

Früher war Justine Henin mein großes Vorbild, meine absolute Lieblingsspielerin. Leider hat sie sehr früh mit dem Tennis aufgehört. Ich habe ihren Slice geliebt, ihre geniale Beinarbeit – bei ihr sah alles so mühelos aus, fast wie bei Roger Federer. Als sie aufgehört hat, habe ich mit Li Na mitgefiebert, weil sie so eine unglaubliche Kämpferin war. Aber als auch sie aufgehört hat, hatte ich irgendwann keine festen Vorbilder mehr bei den Damen. Bei den Männern waren es eigentlich immer Rafa Nadal und Roger Federer, wobei mein Herz immer ein Stück mehr für Rafa geschlagen hat.

Tamara Korpatsch über ihre Anfangszeit: „Wir hatten gar nichts”

Können Sie sich vorstellen, dass Sie ein Vorbild für viele andere Menschen sind?

Auf jeden Fall. Und zwar vor allem für die Leute, die am Anfang wenig Geld haben und aus dem Nichts starten mussten. So wie ich. Wir hatten gar nichts. Am Anfang haben wir auf sandigen Sportplätzen in Hamburg-Eidelstedt trainiert. Wir haben selbst die Linien für einen Tennisplatz aufgemalt, ein Netz aufgebaut und dann trainiert. Wir waren sehr kreativ (lacht).

Sie meinen Ihre Familie?

Ja. Mein Vater hat das alles organisiert und uns trainiert. Meine Mutter war auch immer dabei und meine beiden Brüder Tom und Richie.

Es gibt Geschichten, dass Sie früher im Auto geschlafen haben und mit dem Wohnwagen zum Turnier gefahren sind.

Ja, absolut! Wir haben früher eigentlich immer im Auto geschlafen, weil Hotels viel zu teuer für uns waren. Wir haben deshalb auch nur Turniere in Deutschland gespielt. Irgendwann ging es dann nach Frankreich – aber auch da sind wir mit einem winzigen Auto hingefahren und haben darin übernachtet, weil wir uns mehr nicht leisten konnten. Das war wirklich schlimm, weil die Autos alle kaputt gegangen sind. Einige Spielerinnen haben uns früher ausgelacht. Irgendwann habe ich dann drei Turniere hintereinander in Deutschland gewonnen: Darmstadt, Horb und Bad Saulgau. Mit dem vorherigen Turniersieg in Lenzerheide konnten wir uns vom Preisgeld einen eigenen Wohnwagen leisten.

Ihre Familie hält noch immer sehr zusammen?

Ja, unbedingt. Wir hatten keinerlei Hilfe von außen – keine Sponsoren, keine Wildcards.

Es ist kein Geheimnis, dass Sie vom Deutschen Tennis Bund (DTB) keine Unterstützung bekamen.

Nein, gar nichts. Im Nachhinein bin ich aber sehr stolz darauf, denn ich habe es ganz allein und aus eigener Kraft geschafft. Ich glaube, es können nicht viele Spielerinnen von sich behaupten, dass sie ohne Unterstützung so weit gekommen wären. Heute brauche ich keine Hilfe mehr, aber damals hätte ich mir sie gewünscht. Die Wildcards, die ich angefragt hatte, wurden abgelehnt.

Empfinden Sie jetzt, als deutsche Nummer eins, Genugtuung?

(lacht) Ich freue mich einfach riesig darüber. Ich war vor zwei Jahren schon mal dicht dran an der Nummer eins. Aber dann kamen leider die Verletzungen dazwischen und ich bin im Ranking wieder weit aus den Top 100 gefallen. Ich hatte ein ISG-Syndrom, Probleme mit dem Iliosakralgelenk. Davor hatte ich ein gebrochenes Sesambein im Fuß – das ist ein kleiner, etwa ein Zentimeter große Knochen unter dem großen Zeh. Damit habe ich sogar noch das WTA-250er-Turnier in Cluj, Rumänien gewonnen, übrigens ein wunderschönes Turnier.

Tamara Korpatsch: „Das kann mir keiner mehr nehmen”

Was bedeutet es Ihnen, die beste deutsche Tennisspielerin zu sein?

Ganz egal, was danach kommt: Ich habe es geschafft! Das kann mir keiner mehr nehmen. Es war schon immer eines meiner Ziele. Mein nächstes Ziel ist es einfach, in der Weltrangliste noch weiter nach oben zu klettern.

Sie haben noch nie für Deutschland im Billie Jean King Cup gespielt. Ein Ziel?

Ich wollte früher immer unbedingt dabei sein, war es aber nie. Beim letzten Mal wurde ich dann nominiert beziehungsweise sollte nominiert werden. Torben Beltz hat vor der Nominierung mit mir gesprochen. Ich sagte ihm, dass mir noch eine bestimmte Anzahl von Punkten fehlt, um mich für das Hauptfeld bei den French Open zu qualifizieren. Ich habe dann in Linz gespielt und mit ihm verabredet: Sollte ich in der ersten Quali-Runde gegen Jule Niemeier verlieren, reise ich auf jeden Fall direkt zum Billie Jean King Cup. Aber wenn ich gewinne, spiele ich weiter in Linz und versuche dort meine Punkte für Paris zu holen. Und das hat dann geklappt.

Ihr Verhältnis zum DTB galt lange als angespannt. Ist es jetzt gut?

Ja, absolut. Das Verhältnis ist super. Torben meinte zu mir, dass ich eine seiner Favoritinnen bin und er mich immer unbedingt im Team haben möchte. Ich kenne ihn auch schon sehr lange.

Ein Gedankenexperiment: Wie würde die heutige, 31-jährige Tamara gegen die 21- jährige Tamara spielen?

Wahrscheinlich würde sie gewinnen. Andererseits: Ich war mit 21 schon die Nummer 104 der Welt. Das Problem war, ich habe mir früher einfach selbst viel Druck gemacht. Das kam noch aus der Anfangszeit, als wir so wenig Geld hatten und ich immer den Druck hatte gewinnen zu müssen. Dieses Unbedingt müssen steckte jahrelang tief in mir drin. Erst spät ist das nach und nach abgefallen. Heute kann ich völlig frei aufspielen und muss keine Angst mehr haben zu verlieren. Ich komme nicht mehr mit Geldsorgen nach Hause oder mit einem schlechten Gewissen, weil meine Eltern alles für mich geben und ich als Verliererin nichts zurückgeben kann.

Es ist jetzt eine Grundsicherheit da.

Genau. Aber trotzdem sitzt dieses alte Gefühl manchmal immer noch tief drin – und das wird man nicht von heute auf morgen komplett los. Vom Kopf her bin ich aber heute viel weiter.

Sind Sie jetzt die beste Version von sich selbst?

Das würde ich gar nicht unbedingt sagen. Als ich vor drei Jahren mein erstes WTA-Turnier in Cluj gewonnen habe, war ich eigentlich schon genauso gut. Aber ich sehe bei mir immer noch Potenzial nach oben. Ich möchte noch viel mehr erreichen!

Wer hilft dabei?

Mein Vater ist nach wie vor mein Trainer, er hilft mir am meisten. Natürlich unterstützt mich auch meine Mutter – sie besaitet unter anderem die Schläger und ist als Support immer dabei. Und mein jüngerer Bruder Richie hilft mir auch viel. Er kommt jetzt mit auf die USA-Tour. Er hat auch davon geträumt, Profi zu werden, aber wir hatten früher einfach nicht genug Geld. Es hat finanziell nur für mich gereicht. Damals haben die Leute zu meinen Eltern immer gesagt, dass es bei den Damen einfacher sei, Karriere zu machen. Also haben sie auf mich gesetzt. Aber eigentlich stimmt das gar nicht. Männer spielen im Männertennis gegen Männer und Frauen im Damentennis gegen Frauen – am Ende bleibt der Konkurrenzkampf genau derselbe. Und was bedeutet das bei Alcaraz, der sich bereits im jungen Alter an die Weltspitze spielen konnte. Richie war auch ein riesiges Talent. Vor etwa einem Jahr hat er wieder angefangen und bei seinem zweiten oder dritten ITF-Turnier seinen ersten Weltranglistenpunkt geholt. Dann musste er leider zweimal am Rücken operiert werden. Jetzt trainiert er wieder und überlegt, wie es weitergeht.

Andrea Petkovic sagte neulich im Becker-Petkovic-Podcast, dass Sie eine der Spielerinnen mit der besten Beinarbeit auf der gesamten Tour sind.

Das stimmt! (lacht) Nein, im Ernst: Es ist schön, so ein Kompliment von ihr zu hören. Und ehrlich gesagt muss ich ihr sogar ein bisschen Recht geben. Mein Vater hat mit mir schon als Kind extrem viel Beinarbeit-Training gemacht, damit ich gar nicht erst langsam werde. Und zum anderen habe ich genetisch einfach sehr viele schnell zuckende Muskelfasern. Ich habe da echt Glück gehabt. Ich bin dadurch sehr leichtfüßig. Und: Ich will einfach jeden Ball kriegen! Ich gebe keinen Punkt verloren, weil ich eine absolute Kämpferin bin. Diese Mentalität hilft auch, wenn es darum geht, sich bei der Beinarbeit zu quälen.

Gibt es spezielle oder außergewöhnliche Übungen?

Nein, es sind aber sehr viele Sprints dabei.

Würden Sie sagen, Sie trainieren sehr hart?

Ja, aber ich nenne es eher „schlau hart“. Es gibt nämlich Spielerinnen, die trainieren einfach nur hart und sind im Match dann völlig platt. Bei mir geht es um mehr Qualität als Quantität.

Was heißt „schlau hart“?

(grinst) Das kann ich erst verraten, wenn meine Tenniskarriere vorbei ist.

Tamara Korpatsch: „Wir suchen immer intern Lösungen”

Viele Profis arbeiten mit Psychologen zusammen, Sie nicht. Warum?

Wir suchen als Familie immer intern Lösungen und gehen nicht nach außen. Aber wenn ich damals weiter im Ranking gefallen wäre und keinen Ausweg gesehen hätte, hätte ich mir bestimmt Hilfe geholt. Aber so schlimm war es zum Glück doch nie.

Wie würden Sie Ihre mentale Stärke beschreiben?

Ich bin mental eigentlich sehr stark. Gerade in engen Spielsituationen auf dem Platz.

Zittert nie der Arm, wenn es eng wird?

Von außen sieht man es mir zumindest nicht an. Im Inneren denke ich schon viel nach. Da ist immer dieser innere Schweinehund, den ich bekämpfe. Ich rede dann auf dem Platz mit mir selbst und sage: „Komm, hör auf nachzudenken, spiel jetzt einfach mutig!“ Positives Zureden ist da wichtig.

Was machen Top-10-Spielerinnen anders oder besser als Sie?

Die kochen definitiv alle nur mit demselben Wasser. Die großen Namen oder vollen Stadien beeindrucken mich nicht – ich habe zum Beispiel auch schon Eugenie Bouchard geschlagen, als sie Top 5 der Welt war.

Zum Abschluss: Wie sieht Ihr Ausgleich zum Tennis-Alltag aus? Sie posten viele Fotos mit Ihrem Hund.

Das ist Stella! Sie ist ein Maltipoo, also ein kleiner Mischling aus Zwergpudel und Malteser. Ich hatte sie bisher fast immer auf Turnieren mit dabei. Nach China werde ich sie aber nicht mitnehmen, weil sie dort 30 Tage in Quarantäne müsste. Für Australien überlege ich es noch – da wären es zehn Tage Quarantäne, aber es ist ein sehr langer Flug. Sie ist erst siebeninhalb Monate alt. Sie ist auf jeden Fall mein bester Mentaltrainer! Ich brauche sie einfach. Stella ist das Beste, was mir je passiert ist. Ich werde sie für immer behalten und niemals abgeben. Egal, ob ich gewinne oder verliere: Wenn ich nach Hause komme, freut sie sich bedingungslos über mich.

Vita Tamara Korpatsch

Die Hamburgerin, 31, schlug im Alter von fünf ihre ersten Bälle. Nach dem Realschlussabschluss konzentrierte sie sich voll auf Tennis, spielte zunächste ITF-Turniere. Ihr WTA-Debüt gab sie vor zehn Jahren in Gstaad. Im gleichen Jahr spielte sie ihr erstes Grand Slam-Turnier, die US Open. 2017 wurde sie Deutsche Meisterin. Ihr erster Turniersieg gelang ihr 2023 in Cluj, Rumänien. Der Sieg gegen Anna Bondar in diesem Jahr in Hamburg war ihr zweiter Titel. Trainiert wird sie von ihrem Vater Thomas.