Alexander Zverev gewinnt innerhalb von drei Monaten seinen zweiten Grand-Slam-Titel. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Wandlung, die noch vor 15 Monaten kaum vorstellbar war.
Im Juli 2025 spielte sich in Wimbledon eine Pressekonferenz ab, die Anwesende niemals wieder vergessen werden. Alexander Zverev betrat damals mit langsamen Schritten die Bühne des Media Theatres. Zwei Stunden zuvor hatte er gegen den Weltranglisten-72. Arthur Rinderknech verloren, 6:7, 7:6, 3:6, 7:6, 4:6 – es war seine zweite Erstrunden-Niederlage in Wimbledon. Als er im vierten Durchgang noch den Tiebreak gewann, dachten alle, dass sich die Partie nun zu seinen Gunsten drehen würde. Aber Zverev kassierte eine der bittersten Pleiten seiner Karriere.
Die Moderatorin eröffnete die Pressekonferenz vorsichtig: ob er seine Gedanken zu diesem schwierigen Tag teilen könne. „Ich habe nicht viele Gedanken, um ehrlich zu sein“, antwortete Zverev zunächst einsilbig. Dann doch, offener als sonst: „Ich fühle mich im Moment im Allgemeinen ziemlich allein im Leben. Und das ist kein sehr schönes Gefühl.“ Er räumte ein, zum ersten Mal in seiner Karriere ernsthaft über einen Mentalcoach oder eine Therapie nachzudenken – ein Satz, der nicht nur im deutschen Tennis nachhallen sollte.
Zverev mit radikalem Umbruch
Etwa 15 Monate später steht Zverev als zweifacher Grand-Slam-Champion der Saison 2026 da – French Open im Juni, US Open im September. Dazwischen liegt der radikalste sportliche Umbruch seiner Karriere.
Alexander Zverev is your 2026 US Open champion! 🏆 pic.twitter.com/7OuXVKUas9
— US Open Tennis (@usopen) September 13, 2026
2025 war für Zverevs Ansprüche ein Seuchenjahr gewesen, auch wenn er zu Beginn das Finale der Australian Open erreichte. Dort aber hatte Jannik Sinner ihn beim 6:3, 7:6, 6:3-Sieg chancenlos gelassen – eine Klatsche, die Zverev nach eigenem Bekunden monatelang nachhing und ihm die Motivation für den Rest der Saison raubte. Es folgten ein Viertelfinal-Aus bei den French Open, und dann, im Sommer, das Wimbledon-Debakel.
Bei den US Open 2025 schied er bereits in Runde drei gegen Felix Auger-Aliassime aus, zum ersten Mal seit 2018 verpasste er dort die zweite Turnierwoche. Ein einziger Titel blieb am Ende des Jahres übrig: München, auf Sand, weit weg vom Rampenlicht der großen Bühnen. Zverev beendete 2025 als Nummer drei der Welt, hinter Alcaraz und Sinner mit einem riesigen Abstand. Irgendjemand rechnete aus, dass der 1000. der Weltrangliste einen geringeren Abstand zu Zverev hätte als dieser zur Nummer eins-Position. Der Deutsche war abgehängt worden.
Mit der Hilfe von Familie Nadal
Umso erstaunlicher, wie er sich aus dieser misslichen Lage befreite. Schon nach dem frühen Wimbledon-Aus 2025 hatte er gemeinsam mit seinem Coach und Vater Alexander senior Rat bei Rafael Nadal und dessen Onkel Toni auf Mallorca gesucht. Die Botschaft der beiden Spanier war unbequem, aber klar: Zverev sei zu passiv in den entscheidenden Ballwechseln gegen die ganz Großen der Tour. Zu abwartend, zu sehr auf den Fehler des Gegners spekulierend, statt selbst das Spiel zu gestalten.
Zverev zog daraus eine Konsequenz, die er sich und seinem Team spätestens zum Start der Saison 2026 versprach: Er würde von nun an aktiver attackieren, gewinnen oder verlieren, aber nie wieder passiv untergehen. Ein Versprechen, von dem er in der gesamten Saison nur selten abwich – und das seinem Spiel genau jene Aggressivität verlieh, die ihm gegen die Top-Stars zuletzt gefehlt hatte.
Der erste Beweis, dass er mit seinem neuen Matchplan gefährlicher wurde, zeigte sich schon bei den Australian Open zu Saisonbeginn. Im Halbfinale gegen Carlos Alcaraz servierte er zum Matchgewinn – und verlor die Partie noch. Im Nachhinein ist das verrückt: Zverev war ein Service-Game davon entfernt, alle vier Grand Slam-Endspiele 2026 zu erreichen. Denn: In Roland Garros erlöste er sich selbst mit seinem ersten Grand Slam-Sieg und nur fünf Wochen später scheiterte er erst im Wimbledon-Finale an einem überragenden Jannik Sinner. Und dann, nochmal ein paar Wochen später, gewann er seinen zweiten Grand Slam-Titel in New York.
Viele Mühen und Leiden
„Da bin ich fast 30 Jahre auf der Tour, hole keinen großen Titel und dann gewinne ich in drei Monaten gleich zwei Grand Slams. Der liebe Gott hat vielleicht gesehen, wie viel Mühe und Leiden es auf diesem Weg gab und hat mich belohnt“, sagte Zverev nach seinem jüngsten Coup. Klar, die Neider, von denen Zverev nicht wenige hat, werden nun bemängeln, dass er in Paris und New York nicht auf Sinner oder Alcaraz traf. In beiden Fällen bekam es Zverev bis zum Endspiel noch nicht mal mit einem Top 20-Profi zu tun.
Ihm daraus aber nun den Vorwuf zu machen, dass er zwei unverdiente Grand Slam-Titel einheimste, ist absurd. Was kann der 29-Jährige dafür, wenn seine ärgsten Widersacher nicht liefern, weil – auf welche Art und Weise auch immer – ihre Körper sie im Stich ließen? Und außerdem: Etwas Glück bei der Auslosung hatten schon ganz andere Grand Slam-Sieger, das gehört dazu. Was Zverev auszeichnet: Er nutzte seine Chancen, auch weil er inzwischen der Inbegriff für körperliche und tennisspielerische Konstanz auf der Tour ist.
Er ist der perfekte Grand Slam-Turnierspieler in dieser Saison geworden. Fußballteams, die sich bei einem großen Turnier von der Vorrunde bis zum Finale Stück für Stück steigern und am Ende ihr bestes Spiel abrufen, wird gerne die Zuschreibung „Turniermannschaft“ verpasst. Das trifft inzwischen auch auf Alexander Zverev zu und war besonders gut bei den US Open zu beobachten.
HE DIDN’T REALIZE HE’D WON 🏆
Alexander Zverev exorcises his 2020 demons and defeats Shelton 6-3, 7-6, 5-7, 6-2 to win his first US Open title! pic.twitter.com/f0Cnl2xvgI
— US Open Tennis (@usopen) September 13, 2026
Zverev stand zwei Punkte vor dem Aus
In den ersten beiden Runden musste Zverev jeweils über fünf Sätze gehen, beide Male endeten die Partien erst tief in der Nacht. Gegen Lorenzo Sonego stand er zwischenzeitlich zwei Punkte vor dem Aus, ehe er um 1:55 Uhr als Sieger vom Platz ging. Das Match gegen Quentin Halys endete um 2:15 Uhr. „Nach der zweiten Runde saß ich gegen drei Uhr morgens mit meinem Team in der Kabine. Wir haben uns kaputtgelacht darüber, wie schlecht ich gespielt habe“, verriet Zverev später und scherzte über seinen eigenen Turnierrhythmus: „Es fühlt sich so an, als würde ich die Australian Open in New York spielen.“ Danach aber wurde Zverev von Match zu Match besser und gab bis zum Endspiel keinen Satz mehr ab.
Im Endspiel gegen US-Boy Ben Shelton präsentierte sich Zverev dann so gelassen und ausgebufft wie noch in keinem seiner nun insgesamt sechs Grand Slam-Finals. Vor dem finalen Akt in New York hatte er davon gesprochen, dass der Roland Garros-Triumph ihm „eine innere Ruhe für sein Spiel“ geben würde. Genau diese sah man ihm mit Beginn des Matches sofort an. Shelton dagegen war das genaue Gegenteil: Im ersten Grand Slam-Finale seiner Karriere wirkte er nervös, was nur allzu verständlich ist.
Zverev erweckte zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, als würde er über dieses Match die Kontrolle verlieren – selbst dann nicht, als bei einer 2:0-Satzführung den dritten Durchgang mit 5:7 abgab. Gleich zu Beginn von Satz vier nahm er Shelton wieder den Aufschlag ab und stellte damit klar, wer hier der tonangebende Spieler war. Beim 6:3, 7:6, 5:7, 6:2-Sieg überzeugte der Deutsche vor allem durch seine spielerische Variabilität. Geriet er in die Defensive, konnte er sich oft noch befreien, streute neutrale Bälle ein und schaltete dann ruckzuck in den Offensivmodus um, sobald sich dafür die Chance ergab.
Zverev mit 29 Netzattacken
Shelton schlug zwar mehr Asse (10 zu 9) und mehr Winner (47 zu 35), machte aber auch 47 unerzwungene Fehler (Zverev nur 31). Wenn sein erster Aufschlag kam, gewann der Deutsche 85 Prozent der Punkte. Vier seiner sechs Breakchancen nutzte er. 29-mal tauchte er vorne am Netz auf und macht dort 24 Punkte. Von solchen Offensiv-Werten war Zverev 2025 meilenweit entfernt.
Er hat es geschafft, sein Spiel offensiver auszurichten und gleichzeitig seine defensiven Qualitäten beizubehalten. Unterm Strich ist ein kompletterer Spieler als noch vor 15 Monaten. Er hat nun weniger Lücken im Spiel, denn auch die Vorhand – früher noch ein latenter Schwachpunkt – ist stabiler geworden. Was diesen Zverev aber noch zusätzlich gefährlich macht, ist seine Gelassenheit, die er selbst in solchen Blockbuster-Matches zeigt. Keine Anzeichen von Stress oder Hektik.
Das zeigt sich auch beim mitunter elendig langen Ball-Prellen vor erstem oder zweiten Aufschlag. Manchmal tippte er den Ball 20-mal auf, bevor er mit der Aufschlagbewegung begann. Ben Shelton und Halbfinal-Gegner Karen Khachanov ärgerten sich darüber. Zverev aber ließ sich nicht stressen und zog sein Aufschlagritual in aller Seelenruhe durch.
Bester Grand Slam-Spieler der Saison
Alexander Zverev ist nun er beste Grand Slam-Spieler der Saison mit zwei Titeln, drei Finals und vier Halbfinalteilnahmen. „Ich halte mich aber keineswegs für den Talentiertesten. Ich glaube nicht, dass ich ein gottgegebenes Talent bin wie manch anderer“, sagte Zverev selbstkritisch auf die Frage, warum er 2026 in so guter Verfassung sei. „Ich glaube, mein Tennisspiel basiert größtenteils auf harter Arbeit, auf vielen Stunden auf dem Platz, im Fitnessstudio und auf der Laufbahn. So spiele ich Tennis.“
Nun gibt es etliche Tennisprofis, die von sich behaupten, hart zu arbeiten. Bei Alexander Zverev aber ist es bekannt, dass er ein regelrechtes Trainingstier ist. Zwei lange Einheiten auch während eines Tunriers sind bei Zverev keine Seltenheit. So kann man dann auch das, was Ben Shelton später bei Siegerherung über Zverev sagte nicht einfach nur als Nettigkeit unter Profikollegen abtun, sondern als ehrlich gemeinte Anerkennung: „Du arbeitest härter als jeder andere, den ich kenne. Du verbringst mehr Zeit auf dem Platz als jeder andere, den ich kenne.“
Mit dieser neuen Variabiltät im Spiel, mit all seiner Ruhe auch in Crunch Time-Momenten und mit seiner überragenden Arbeitseinstellung wird Zverev auch 2027 bei den Grand Slam-Tunrieren um die Titel spielen – selbst wenn dann Jannik Sinner und Carlos Alcaraz komplett fit dabei sein werden. In New York wurde Zverev gefragt, ob er sich selbst als weltbesten Spieler derzeit einstufe. „Da Jannik Sinner verletzt ist und Carlos Alcaraz nach vier Monaten Verletzungspause gerade erst zurückkehrte, würde ich im Moment wahrscheinlich mit Ja antworten. Wenn beide fit und in Topform wären, vielleicht nicht. Wenn alle gesund sind, denke ich, dass Jannik immer noch vorn liegt. So einfach ist das.“
