Alexander Zverev könnte frühestens am 2. November und spätestens am 16. November bei den ATP-Finals in Turin die Nummer eins der Welt sein. Die Diskussion, ob er den Platz an der Sonne verdient, ist quälend und nervig.

Neulich sprach ich mit einem Coach, der auf Leadership spezialisiert ist. Er erklärt Chefs von großen Firmen, was man tun muss, damit der Betrieb in die Hufe kommt. Er legt den Finger in die Wunde, wenn es nicht läuft. Boris Grundl heißt der Mann mit imponierender Biographie. Als Student an der Sporthochschule spielte er semiprofessionell Tennis, war Württembergischer Meister. Als er im Urlaub in Mexiko von der Klippe sprang, veränderte sich alles – 90 Prozent querschnittsgelähmt.

Grundl sagt, dass ihm alles genommen wurde. Vom Sieger mit glänzender Perspektive wurde er zum Sozialhilfeempfänger. Aber so wollte er nicht leben. Er führte sein Studium fort. Sammelte Meriten im Rollstuhltennis und wurde einer der besten Rollstuhl-Rugbyspieler.

Später gründete er sein Unternehmen, das Grundl Leadership Institut, um anderen Menschen das richtige Mindset beizubringen.

„Nur ein Verlierer denkt so, niemals ein Gewinner“

Als ich das Interview mit ihm führte – es ging um Alexander Zverev und seine Entwicklung in diesem Jahr – , fragte ich ihn: „Es gibt Kritiker, die glauben, dass Zverev Paris und New York nur gewonnen hat, weil die großen Rivalen Jannik Sinner und Carlos Alcaraz ihm nicht im Weg standen. Hängt Zverevs Durchbruch mit einer glücklichen Fügung zusammen?“

Seine Antwort sagt eigentlich alles, über das, was gerade im Netz passiert – die Hater, die Neider, die seine Erfolge nicht anerkennen wollen. Sie lautet: „Sie meinen, sie können den Zwerg nicht so anerkennen, weil da gibt es noch die, die ihn vielleicht geschlagen hätten. So what?“

Und jetzt kommt der entscheidende Satz, der so wahr ist und den sich jeder hinter die Ohren schreiben sollte: „Nur ein Verlierer denkt so, niemals ein Gewinner.“ Grundl führt dafür seine eigene Biographie an: „Herr Grundl, wenn Sie nicht von der Klippe gesprungen wären, wären Sie nicht querschnittsgelähmt – soll ich mich damit beschäftigen?“

Zverev ist noch nicht die Eins, aber durchs Netz hallt so vehement, wie vielleicht noch bei keinem anderen zuvor: Er hat es nicht verdient. Was für ein absurder Gedanke, bei einem Spieler, der in einem Jahr zwei Grand Slam-Titel geholt hat, bei den anderen beiden Majors zum Einzug ins Finale aufgeschlagen hat (Melbourne) und im Endspiel gestanden hat (Wimbledon).

Zverev hat in dieser Saison bislang eine 62:16-Bilanz. Kein anderer Profi kommt nur annähernd in diese Sphäre. Brutal ausgedrückt ist Sport – und in dem Fall Tennis – „the Survival of the fittest“. Zverev ist der Fitteste. Dreht man das Mindset der Kritiker, dieser „Wäre-hätte-aber-Fraktion“, die nicht die geringste Ahnung haben, was für eine Leistung es ist, eine solche Saison zu spielen – dreht man diese Denke also um, könnte man ja auch Folgendes schlussfolgern: Im Finale von Wimbledon hat Zverev Sinner derart an die physischen Grenzen getrieben, dass der Italiener im Anschluss und bis zum Saisonende verletzt war.

Ein müßiger Gedanke. Genauso müßig und unsinnig wie die Spekulation: Wären Alcaraz und Sinner fit, wäre Zverev nicht auf Platz eins gelandet.

Fakt ist nur eines: Er steht demnächst an der Spitze – und zwar völlig zurecht.