Die WTA-Finals werden ab 2027 für mindestens drei Jahre nach Charlotte, North Carolina, ziehen. Vorher steht aber noch ein Übergangsjahr fernab der ursprünglichen Pläne an.
Am Dienstagnachmittag, bei einer Telefonschalte mit Journalistinnen und Journalisten aus aller Welt, klang WTA-Chefin Valerie Camillo entschlossen, fast euphorisch. Dabei hatte der Verband zuletzt vor allem mit unbequemen Schlagzeilen über seine Finanzen zu kämpfen.
Doch nun hatte Camillo frohe Botschaften zu verkünden: Die WTA Finals ziehen um – und zwar in die US-Metropole Charlotte. Insider wie US-Tennisjournalist Ben Rothenberg hatten Charlotte bereits seit dem Frühjahr als Favoriten gehandelt, mehr als fünf Monate ist das inzwischen her. Jetzt ist es amtlich – und das Ausmaß der Pläne übertrifft, was viele erwartet hatten.
Ein Deal in Rekordzeit
Die Eckdaten: Mindestens drei Jahre, von 2027 bis 2029, soll Charlotte das Saisonfinale der besten Acht ausrichten. Eine Verlängerung darüber hinaus deutete Camillo bereits an, ohne sich festzulegen. Bemerkenswert ist vor allem das Tempo: Keine sechs Monate blieben dem Verband, um den Deal mit der Stadt in North Carolina auszuhandeln. Ein Kraftakt, wie Camillo selbst einräumt. Im April sickerte bereits durch, dass die WTA ihr Jahresabschlussturnier schon vor dem ursprünglichen Vertragsende aus Saudi-Arabien abziehen würde.
WTA-Finals in Riesen-Arena
Neuer Spielort wird das frisch renovierte Spectrum Center, Heimat der Charlotte Hornets aus der NBA. Bei Basketballspielen fasst die Arena 19.444 Zuschauer – fast das Vierfache der gut 5.000 Plätze, die der WTA zuletzt in Riad zur Verfügung standen. Dort blieben 2024 und 2025 viele Ränge leer, der saudische Markt erwies sich als schwer zu erschließen.
Die WTA-Tour zieht mit um
Ein weiterer Teil der Ankündigung betrifft aber nicht das Turnier, sondern den Verband selbst: Die WTA verlegt ihre komplette Zentrale von der Tampa Bay-Region in Florida, wo sie seit 2002 sitzt, dauerhaft nach Charlotte. Camillo verriet, sie werde sich schon in den kommenden Tagen mögliche Bürogebäude vor Ort ansehen – konkreter kann eine Standortentscheidung kaum kommuniziert werden.
Auch operativ will sich der Verband stärker einbringen als bisher: Statt das Turnier wie zuletzt weitgehend externen Partnern zu überlassen, übernimmt die WTA künftig mehr Kontrolle – und investiert dafür eigenes Geld.
Teurer WTA-Abschied aus Saudi-Arabien
Diese Entschlossenheit hat einen Preis. Der Verband kämpft Berichten zufolge mit finanziellen Schwierigkeiten – auch, weil er die WTA-Finals bereits vor der eigentlich vereinbarten dritten Austragung in Saudi-Arabien dort abgezogen hat. Statt 2026 zum dritten Mal in Riad zu spielen, weicht die Tour für ein Übergangsjahr nach Indian Wells aus. Den genauen Grund dafür wollte Camillo öffentlich nicht nennen. Berichten zufolge gaben vor allem Sicherheitsbedenken angesichts der angespannten Lage rund um den Konflikt mit dem Iran den Ausschlag – der Verband wollte offenbar kein Risiko eingehen, das Turnier im Ernstfall komplett absagen zu müssen.
Anfang September hatte der britische Tennis-Journalist Simon Briggs im Telegraph berichtet, die WTA das Jahr 2026 mit nur rund 15 Millionen Dollar in der Kasse abschließe, bei einem operativen Verlust von bis zu 23 Millionen Dollar. Die Zahlen wurden offenbar bei internen WTA-Treffen in New York während der US Open präsentiert. Setzt sich der Trend fort, könnte der Verband schon im Herbst 2027 komplett ohne Reserven dastehen.
Camillo sprach die Finanzlage von sich aus an: 2026 sei ein Übergangsjahr, in dem der Verband ohnehin übliche Sparmaßnahmen mit den ungeplanten Zusatzkosten des Ausweichspielorts stemmen müsse. Für 2027 und darüber hinaus versprach sie dagegen einen klaren Kurs zu nachhaltigem Wachstum, getragen von steigenden Zuschauerzahlen und Erlösen.
Gleiches Preisgeld? Offene Frage
Unklar bleibt vorerst, wie es beim Preisgeld weitergeht. Zuletzt hatte die WTA versucht, bei den Prämien mit der ATP gleichzuziehen – gerade beim Saisonfinale. Auf die Frage, ob das weiterhin die Strategie sei, blieb Camillo vage: Gleiches Preisgeld bleibe ein wichtiges Ziel, eine konkrete Zahl für 2027 nenne man aber noch nicht. Aufhorchen lässt ihr Ausblick auf Alternativen: Denkbar sei auch ein Modell mit Gewinnbeteiligung der Spielerinnen, das am Ende sogar attraktiver ausfallen könnte als eine reine Prämien-Parität zur ATP. Entschieden ist hier offensichtlich noch nichts.
Acht Tage werden zu fünf
Die wohl größte sportliche Veränderung betrifft die Turnierdauer. Statt wie zuletzt über acht Tage soll die Charlotte-Ausgabe nur noch fünf Tage dauern – die Hallenbelegung im Spectrum Center lässt schlicht nicht mehr zu. Beim aktuellen Format (acht Spielerinnen, drei Gruppenspiele, danach Halbfinale und Finale) würde das bedeuten: Die Finalistinnen spielen fünf Tage am Stück, an den ersten drei davon mit jeweils vier Einzeln und kaum Platz für Doppel. Für ausgelaugte Profis am Saisonende ein hartes Programm.
Wer je die sechstägige Istanbul-Auflagen der WTA-Finals 2012 und 2013 miterlebt hat, mit bis zu drei umkämpften Gruppenspielen an einem Tag weiß: Kürzer kann durchaus auch besser sein. Nur fünf Tage könnten das Format aber tatsächlich überfordern.
Doppel nur im K.o-System?
Der Verband prüft deshalb bereits Alternativen. Eine Möglichkeit: Das Doppel schrumpft zurück auf ein reines K.-o.-System mit vier Teams – von zuletzt bis zu 15 möglichen Partien auf gerade einmal drei. Eine andere: der Verzicht auf die Halbfinalrunde zugunsten eines Ruhetags, sodass nach der Gruppenphase direkt die beiden Gruppensiegerinnen ins Finale einziehen.
Ob das reicht, um aus fünf engen Tagen ein rundes Turnier zu machen, wird sich erst 2027 zeigen. Sicher ist schon jetzt: Der „Super Bowl des Frauensports“, wie Camillo die WTA-Finals überschwänglich nannte, muss in diese Rolle erst noch hineinwachsen.
