Sebastian Gorzny kannten bisher nur US-Tennisinsider. Wir stellen den 22-Jährigen nach einem bemerkenswerten Auftaktsieg bei den US Open genauer vor.

Was für eine Story: Ein 22-Jähriger, der noch vor wenigen Wochen College-Tennis in Texas spielte und nur die Nummer 731 der ATP-Weltrangliste ist, wehrt in der ersten Runde der US Open fünf Matchbälle ab, bezwingt am Ende die Nummer 38 der Welt – und ist plötzlich auf der großen Tennisbühne angekommen. Sebastian Gorzny gelang ein bemerkenswertes Grand Slam-Debüt. Doch sein größter Sieg liegt schon einige Jahre zurück: Er gewann sein Leben zurück, nachdem er im Alter von 15 Jahren nach einem Mückenstich vier Tage im Koma gelegen hatte. Wer ist der US-Profi, der gerade die US Open verzückt?

Ein Sensationssieg macht ihn bekannt

Gorznys Erstrunden-Match bei den US Open 2026 gegen den Belgier Raphael Collignon (Nummer 38 der Welt) geriet zur Odyssee: Wegen Regens musste das Match unterbrochen werden und zog sich über zwei Tage hin, ehe Gorzny nach knapp vier Stunden Spielzeit mit 3:6, 6:3, 3:6, 6:3 und 7:6 (11:9) gewann. Dabei wehrte er insgesamt fünf Matchbälle ab – vier beim Stand von 5:6 im fünften Satz, einen weiteren beim Stand von 8:9 im entscheidenden Match-Tiebreak.

Welcome to the Grand Slam stage, Sebastian Gorzny 👋

The World No. 731 wild card comes through a dramatic 5th set tiebreak to claim victory on his debut! 😲 pic.twitter.com/HpvIpD37Ab

— US Open Tennis (@usopen) August 31, 2026

Nachdem Gorzny im Match-Tiebreak zwischenzeitlich mit 2:6 zurückgelegen hatte, kämpfte er sich zurück, übernahm selbst die Kontrolle und führte im Tiebreak schließlich mit 10:9 – Matchball. Collignon hatte Aufschlag, musste über den Zweiten gehen und sein Ball streifte die Netzkante. Nun wurde es kurios: Gorzny machte in diesem Moment ein paar Schritte nach vorne, als wollte er den Ball noch zurückspielen. Denn: Im College-Tennis, wo der er bis vor Kurzem noch vornehmlich aktiv war, gilt inzwischen die „No-Let-Regel“ und ein Netzaufschlag bleibt im Spiel.

Kurioses Ende einer langen Partie

Bei den Profis aber wird noch nach der klassischen „Let-Regel“ gespielt, nach der ein solcher Aufschlag wiederholt wird. In diesem Fall erübrigte sich die Frage aber ohnehin, denn der Ball landete gar nicht im Feld, sondern knapp im Aus. Es war ein Doppelfehler, mit dem Collignon den Match-Tiebreak und damit das gesamte Match verlor. „Ich glaube, es war einfach Instinkt“, sagte Gorzny nach seinem Sieg gegenüber dem World Tennis Magazine über den Moment, in dem er kurz losgelaufen war, als befände er sich noch in einem College-Match.

Five match points saved. One unforgettable Grand Slam debut. 🇺🇸

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— USTA (@usta) September 1, 2026

Es war nicht nur sein erster Sieg bei einem Grand Slam-Turnier, sondern überhaupt erst sein zweites Match auf ATP-Level. Nur wenige Tage zuvor war er nach der Absage von Dino Prizmic als Lucky Loser beim ATP-Turnier in Winston-Salem nachgerückt – und dort in Runde eins gegen Cruz Hewitt, Sohn von Lleyton Hewitt, ausgeschieden.

Gorzny mit hart erkämpfter Wildcard

Dass Gorzny überhaupt im Hauptfeld der US Open stand, verdankt er einer Wildcard, die er sich hart erarbeitet hatte. Im Juni 2026 gewann er das „USTA American Collegiate Player Wildcard Playoff“ in Orlando und sicherte sich damit einen Platz im Hauptfeld, Dis dahin hatte er noch kein offizielles Match auf ATP-Ebene bestritten. Möglich wurde dieser Erfolg durch eine herausragende letzte Saison an der University of Texas: Er wurde zum Spieler der Saison gewählt, ins Auswahlteam berufen und zum wertvollsten Spieler der Team-Meisterschaft gekürt.

Schon als Junior gehörte Gorzny zur nationalen Spitze. Er besuchte die renommierte Evert Tennis Academy und erreichte in der ITF-Juniorenweltrangliste Rang 38. Sein größter Titel stammt aus dem Jahr 2022: Gemeinsam mit seinem Jugendfreund Alex Michelsen gewann er das Junioren-Doppel in Wimbledon. Im Einzel schaffte er es beim selben Turnier bis ins Achtelfinale. Es blieb sein letztes Juniorenturnier – danach ging es für ihn an die Universität, während Michelsen zusammen mit einem weiteren gemeinsamen Freund aus Südkalifornien, Learner Tien, schnell die Profi-Ränge hochkletterte. Gorzny selbst brauchte für diesen Schritt deutlich länger.

Beinahe-Tragödie durch Mückenstich

Ein Grund dafür ist eine Beinahe-Tragödie, die ihren Lauf auf einem Tennisplatz nahm. Bei einem der wichtigsten Nachwuchsturniere der USA, den Kalamazoo Boys‘ 16s National Hardcourts in Michigan, fühlte sich der damals 15-jährige Gorzny nach seinem Auftaktsieg zunehmend schlechter und musste sein Zweitrundenmatch abbrechen. In der folgenden Nacht bekam er gegen 2 Uhr morgens Krampfanfälle, sein Vater rief den Rettungsdienst. Diagnose: eine Gehirnentzündung (Enzephalitis), vermutlich ausgelöst durch einen Mückenstich. Gorzny fiel vier Tage lang ins Koma und wurde auf der Intensivstation des Bronson Methodist Hospital behandelt.

Die Lage war lebensbedrohlich. „Es fühlte sich an, als würde etwas mein Gehirn fressen“, beschrieb er später gegenüber der Gazzetta dello Sport das Gefühl der Erkrankung. Die Ärzte rechneten nur mit einer Überlebenschance von rund fünf Prozent und bereiteten seine Eltern auf das Schlimmste vor.

Sebastian Gorzny und der lange Weg zurück

Nach acht Tagen im Krankenhaus wurde Gorzny entlassen und zog zu seiner Mutter nach Austin, Texas, wo er intensive Physiotherapie absolvierte, um Kraft und Gleichgewicht zurückzuerlangen. Rund sechs Wochen später nahm er das Training mit seinem Vater Ted wieder auf, und innerhalb von nur 90 Tagen stand er wieder bei einem Turnier auf dem Platz – ohne bleibende Folgeschäden.

TEXAS TENNIS WATCHING ONE OF THEIR OWN SHOCK THE US OPEN 😳

Seb Gorzny just pulled off the biggest win of his career, defeating No. 38 in the world Raphaël Collignon.

COLLEGE TENNIS > ATP pic.twitter.com/dlWru5REk1

— College Tennis Nation (@CTennisNation) September 1, 2026

Da die Behandlung hohe Kosten verursachte, sammelte eine GoFundMe-Kampagne namens „Seb’s Comeback“ mehr als 31.000 Dollar von 257 Spenderinnen und Spendern ein, darunter auch einige seiner damaligen Turniergegner. Die Erfahrung hat Gorzny bis heute geprägt. „Ich bin dankbar für jeden Tag, den ich hier bin, für jeden Moment“, sagte er rückblickend. Auch mit Blick auf sein früheres Leiden findet er versöhnliche Worte: „Man darf niemandem die Schuld geben und muss nach vorne schauen“, sagte er.

Gorzny nun gegen Medvedev

Nach seinem Erstrundencoup wartet auf Gorzny eine große Aufgabe: In Runde zwei trifft er auf Daniil Medvedev, US Open-Champion von 2021 und ehemaliger Weltranglisten-Erster. Noch im Juni, nach dem USTA Wildcard Play-Off, hatte Gorzny auf die Frage, gegen wen er bei den US Open gerne spielen würde, spontan Jannik Sinner genannt – der wegen einer Verletzung diesmal gar nicht antritt. Stattdessen bekommt er es nun mit einem anderen ehemaligen Champion zu tun. „Ich kann es kaum glauben – ich bin einfach froh, hier zu sein“, brachte er seine Gefühlslage nach dem Sieg gegen Collignon auf den Punkt.

Ob gegen Medvedev die nächste Überraschung gelingt, wird sich heute Nachmittag zeigen. Das Match startet um 17 Uhr deutscher Zeit im Louis Armstrong-Stadion (live bei Sporteurope.tv und Sky/Wow). Fest steht aber schon jetzt: Sebastian Gorzny hat bei den US Open 2026 eine der bewegendsten Geschichten des Turniers geschrieben – die eines Spielers, der zunächst ums Überleben und danach jahrelang für seinen Platz im Profitennis kämpfen musste.

Kurz-Steckbrief

• Name: Sebastian Gorzny

• Geboren: 24. Januar 2004 in Fountain Valley, Kalifornien

• Größe: 1,93 m

• Schlaghand: Rechtshänder, beidhändige Rückhand

• Werdegang: Evert Tennis Academy, University of Texas (Longhorns)

• Aktuelle Weltranglistenposition: Nr. 731 (Karrierehoch)