Nach Boykott-Drohungen und Medienprotesten haben die vier Grand Slam-Turniere mit den Profis einen eigenen Beirat gegründet. Der Streit ums Preisgeld ist damit aber noch nicht gelöst.
Nach anderthalb Jahren zäher Verhandlungen haben sich die vier großen Tennisturniere auf ein neues Gremium geeinigt: den „Grand Slam Player Advisory Council“. Das gaben die US Open am Donnerstag im Zuge ihrer Mitteilung zu den Preisgeldern 2026 bekannt. Der neu Spielerrat soll den Profis erstmals einen festen Sitz am Tisch der mächtigsten Organisatoren im Tennis geben – ausgelöst durch offene Boykott-Drohungen und einen wachsenden Streit ums Geld.
Profis mit direkten Kanal zu den Grand Slam-Turnieren
Das Gremium soll nach dem Ende der US Open 2026 – dem letzten Major des Jahres, das Ende August in New York beginnt – seine Arbeit aufnehmen. Es ist als ständiges Forum für direkten Austausch, Feedback und Zusammenarbeit zwischen den vier Turnieren und den Spielerinnen und Spielern gedacht. Zum ersten Mal überhaupt bekommen die Profis damit einen formalen, dauerhaften Kanal in die Entscheidungsprozesse der vier bedeutendsten Turniere ihres Sports.
Der Vorstoß ist das bislang greifbarste Ergebnis von Gesprächen, die seit Roland Garros 2025 laufen. Eine Gruppe der besten Profis hatte den vier Slam-Veranstaltern im März 2025 einen ersten Brief geschickt, im Juli 2025 folgte ein zweites, deutlich konkreteres Schreiben – unterzeichnet unter anderem von Aryna Sabalenka, Iga Świątek, Coco Gauff, Carlos Alcaraz, Jannik Sinner und Jack Draper. Novak Djokovic, der 2020 die Spielervereinigung PTPA mitgegründet hatte, gehörte diesmal nicht zu den Unterzeichnern.
Der Druck war zuvor auch öffentlich sichtbar geworden: Bei den French Open und in Wimbledon schränkten mehrere Topspieler aus Protest ihre Medienauftritte zeitlich ein, Sabalenka und Gauff brachten sogar einen möglichen Boykott der Grand Slam-Turniere ins Gespräch, sollte sich an der Bezahlung nichts ändern. Beraten wird die Spielergruppe dabei von Larry Scott, dem früheren Chef der WTA-Tour und späteren Commissioner der US-College-Sportliga Pac-12.
Anteil an Grand Slam-Einnahmen soll wachsen
Kern des Streits ist die Verteilung der Turniereinnahmen. Aktuell fließen nach Schätzungen der Profis nur etwa 13 bis 15 Prozent der Grand-Slam-Einnahmen als Preisgeld zurück an die Athletinnen und Athleten. Die Spielerseite fordert eine schrittweise Anhebung auf 22 Prozent bis zum Jahr 2030. Hinzu kommt die Forderung nach einem Wohlfahrtsfonds für Themen wie Gesundheit, Rente und Mutterschaft, der bis 2030 auf 12 Millionen US-Dollar pro Grand Slam-Turnier anwachsen soll.
Die US Open bewegen sich nun in diese Richtung. Neben der Erhöhung des Preisgelds um 20 Prozent gab das Turnier finanzielle Zusagen für das Spielerwohl bekannt. Insgesamt schütten die US Open 2026 108 Millionen US-Dollar an Preisgeld und Spielerzuschüssen aus – gemessen an den zuletzt veröffentlichten Betriebseinnahmen des Turniers von 559,7 Millionen Dollar (Stand 2024, aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor) entspricht das rund 19,3 Prozent.
Damit nähert sich das Turnier der 22-Prozent-Marke an, bleibt aber weiterhin darunter. Die Spielerseite bezeichnete die US Open-Erhöhung als deutlichen Schritt nach vorn, betonte aber zugleich, dass sie bislang nicht an eine feste, vertraglich vereinbarte Formel zur Einnahmenbeteiligung gekoppelt sei. So steht es in einer gemeinschaftlichen verfassten Pressemitteilung, die Larry Scott verschicken ließ. Langfristig fordern die Profis aber genau das: eine fest vereinbarte Formel zur Beteiligung an den Gesamteinnahmen.
Keine Gewerkschaft und kein klassischer Spielerrat
Wichtig für die Einordnung: Der neue Council ist weder eine Gewerkschaft wie die von Djokovic und Vasek Pospisil 2020 gegründete PTPA, die mittlerweile sogar eine Kartellklage gegen ATP, WTA und inzwischen auch gegen die vier Grand Slams führt, noch ein Organ der Tour-Governance wie die bestehenden Spielerräte von ATP und WTA. Die vier Majors koordinieren sich bislang über das Gremium „Grand Slam Tennis“, in dem die Vorsitzenden und Geschäftsführer der vier Turniere gemeinsam mit dem Tennis-Weltverband ITF vor allem sportliche und regulatorische Fragen klären, etwa das gemeinsame Regelwerk. Kommerzielle Entscheidungen wie das Preisgeld trifft jedes Turnier weiterhin eigenständig.
Der neue Spielerrat ist deshalb vorerst eher ein informelles Beratungsforum als eine Institution mit eigener Entscheidungsgewalt. Wie viel Gewicht seine Empfehlungen tatsächlich bekommen, hängt davon ab, wie ernst die einzelnen Turniere sie nehmen. Zusammensetzung und genaue Arbeitsweise des Councils stehen noch nicht fest – das soll nun gemeinsam mit den Spielern erarbeitet werden. Interessierte Profis können sich für einen Sitz im Gremium bewerben.
Pegula und Shelton als Befürworter
Jessica Pegula begrüßte die Einigung und betonte, „wie entscheidend eine Stimme der Spieler bei den wichtigsten Turnieren des Jahres“ sei. Auch Ben Shelton äußerte sich positiv und sprach davon, dass sich „die Spieler lange einen Platz am Verhandlungstisch mit den Grand Slams gewünscht“ hätten. Von Seiten der Veranstalter reagierten unter anderem Chris Harrop (Tennis Australia), Gilles Moretton (Französischer Tennisverband), Deborah Jevans (All England Club) und Brian Vahaly (USTA) zustimmend und sprachen von einem wichtigen Schritt hin zu einer engeren Partnerschaft mit den Spielern.
Bis zum tatsächlichen Start des Councils nach den US Open 2026 bleiben zentrale Fragen offen: Wie viele Spielerinnen und Spieler werden vertreten sein, wie werden sie ausgewählt, und wie bindend sind die Empfehlungen des Gremiums für die einzelnen Turniere? Die eigentliche Nagelprobe dürfte erst folgen, wenn es um die großen Streitpunkte geht – allen voran die Frage, ob die Grand Slams sich tatsächlich auf eine feste Umsatzbeteiligung von 22 Prozent bis 2030 festlegen lassen.
