Während in der legendären «Queue» im Wimbledon Park für Tickets campiert wird, regiert auf dem heiligen Grün modernste Agrarwissenschaft. Ein Blick hinter die Kulissen von SW19.
Text: Simon Graf
Kein anderes Tennisturnier der Wimbledon. Die Erdbeeren mit Rahm, die weissen Kleider, die ehrwürdige Royal Box, der auf acht Millimeter getrimmte Rasen – und natürlich die legendäre Queue. Hinter den Kulissen des All England Club und in der Zeltstadt im Wimbledon Park zeigt sich, wie gekonnt das Turnier den Spagat zwischen Tradition und Moderne meistert. Während andere Grand Slam-Turniere ihre Tickets fast ausschliesslich über digitale, oft undurchsichtige Vergabesysteme oder sündhaft teure VIP-Pakete vertreiben, leistet sich Wimbledon ein herrlich altmodisches Nadelöhr: die Queue.
Das Schlangestehen ist hier keine lästige Begleiterscheinung, sondern eine zelebrierte Fankultur und das wohl urdemokratischste Ticketing-System im modernen Spitzensport. Wer die Ausdauer mitbringt, sich in den Wimbledon Park zu stellen oder gar dort zu campieren, erhält die Chance auf Topplätze. Täglich vergibt das Turnier je 500 Tickets für den Centre Court, Court 1 und Court 2 an die Wartenden. Und das zu vergleichsweise moderaten Preisen: Ein Centre-Court-Billett kostet zwischen 80 und 255 Pfund. Wer zuerst kommt, wählt zuerst.
In der Queue spielt es keine Rolle, wie wichtig oder wohlhabend jemand ist. Die 29-jährige Funto und der 28-jährige Rylan machen genau diese Erfahrung. Sie campieren gleich drei Nächte, um die besten Plätze am Centre Court zu ergattern. Für Funto ist der Weg das Ziel: «Es macht mehr Spass, Schlange zu stehen, als einfach mit Tickets hineinzugehen», sagt sie.
Queue in Wimbledon: Unvergleichliche Atmosphäre der Gelassenheit
Was für Aussenstehende wie ein unübersichtliches Chaos aus Hunderten von Zelten wirkt, ist in Wahrheit britische Perfektion. Die Queue ist ein Mikrokosmos, der von strengen Regeln und ehrenamtlichen Ordnerinnen und Ordnern – den Stewards – zusammengehalten wird. Wer sein Zelt verlässt, riskiert seinen Platz. Das musste auch Rylan feststellen, als er kurz zum Duschen nach Hause ging und gerügt wurde. «Fast hätten sie mir meine Queue Card weggenommen», erzählt er.
Doch gerade diese strikte Ordnung schafft eine unvergleichliche Atmosphäre der Gelassenheit. «Es ist so zivilisiert, so entspannt hier», schwärmt Rylan. «Am Glastonbury Festival ist es viel wilder. Hier darfst du sogar Wein- oder Champagnerflaschen auf die Anlage nehmen. Stellt euch vor, das wäre bei Fussballspielen erlaubt. Das Chaos, das dann ausbrechen würde!»
Es ist diese britische Distinguiertheit, die auch die 22-jährige Studentin Gwenny an der Warteschlange so fasziniert: «Niemand drängelt. Die Leute hier sind einfach zufrieden damit zu warten. So kommt man mit den Leuten ins Gespräch», erzählt die deutsch-englische Studentin. «Der Mann im Zelt neben mir ist Postbote. Er nimmt sich jedes Jahr zwei Wochen frei für Wimbledon. Dann stellt er sich vier- oder fünfmal in die Schlange.»
Neil Stubley ist der Rasenflüsterer von Wimbledon
So traditionell und handgemacht das Erlebnis vor den Toren Wimbledons ist, so hochtechnologisiert geht es auf dem Platz zu. Hier regiert Neil Stubley, der «Rasenflüsterer» von Wimbledon. Seit 2012 verantwortet er die Plätze, und wenn der 57-Jährige über das heilige Grün spricht, wird aus einer Viertelstunde schnell ein 45-minütiges Interview.
Für Stubley ist die Pflege des Weidelgrases, das seit dem Jahr 2000 verwendet wird, eine ständige Gratwanderung – besonders angesichts des Klimawandels und anhaltender Hitzewellen. «Wenn es warm ist, leben wir von Tag zu Tag im Defizit», erklärt der Chefgärtner. Der Rasen lebt von den kühlen Londoner Nächten: «Die kühlen Abende sind für das Gras so, als würden wir in ein klimatisiertes Zimmer gehen und schlafen. Bleibt es über Nacht zu warm, geraten die Grashalme unter Stress und können das Wasser nicht aufnehmen.»
Stubley sieht die Grashalme wie Spitzensportler. Zum Start der Championships sind sie auf den Showcourts exakt zehn Monate alt – in ihrer Blütezeit. «Wie beim Menschen gilt auch bei der Pflanze: Wer fit ist, steckt Belastungen besser weg.» Wie immens der Druck auf Stubley lastet, zeigte sich 2013, als Andy Murray als erster Brite seit 77 Jahren den Titel holen konnte und der Boden an der Grundlinie bereits extrem staubig war. «Ich schaute nur noch auf Andys Füsse», erinnert sich Stubley lachend. «Ich dachte: Was, wenn er jetzt ausrutscht?»
Hybridrasen in Wimbledon
In diesem Jahr wagte sich Wimbledon an eine kleine Revolution: Hybridrasen. Auf zwei Trainingsplätzen wurden künstliche Fasern mit dem Naturrasen verflochten, wie es in Fussballstadien längst Standard ist. Das Fazit ist ermutigend. «Die Spielerinnen und Spieler spüren keinen Unterschied», freut sich Stubley. Das Turnier werde aber kaum je auf Hybridrasen gespielt, schiebt der Chefgärtner gleich nach. Tradition hat eben seinen Preis.
Wer von Stubley lernen möchte, wie der Rasen im eigenen Garten makellos wird, für den hat der Experte einen simplen Rat: mindestens zweimal pro Woche mähen. Die goldene Regel des Rasengurus lautet: «Schneiden Sie nie mehr als ein Drittel der Halmlänge auf einmal ab. Sonst entziehen Sie der Pflanze zu viel Energie und setzen sie unter Stress.» Eine Philosophie der behutsamen Pflege – ganz so, wie Wimbledon mit seiner eigenen Geschichte umgeht.
