Tschechien produziert seit Jahrzehnten Topspielerinnen und Grand-Slam-Champions. Auf der Suche nach den Gründen des tschechischen Erfolgswegs im Damentennis.
Erschienen in der tennis MAGAZIN-Ausgabe 6/2026
Wie unterschiedlich die Bilder doch sein können. Während das deutsche Team im Billie Jean King Cup beim Turnier in Oeiras (Portugal) vor nahezu leerer Kulisse saft- und kraftlos in Richtung Drittklassigkeit taumelte, erkämpften parallel die Tennisdamen aus Tschechien in einer feurigen Atmosphäre im Auswärtsspiel in Biel in der Schweiz ihre erneute Teilnahme am Finalturnier im Billie Jean King Cup.
Linda Noskova hielt ihr Team mit dem Sieg gegen Belinda Bencic nach Abwehr von drei Matchbällen im Spiel – Ausgleich zum 2:2. Marie Bouzkova sicherte im letzten Einzel Tschechien die Qualifikation für die Billie Jean King Cup Finals im September in Shenzhen. Das Ziel ist klar: zwölfter Titelgewinn im Mannschafswettbewerb, der erste seit 2018. In den 2010er-Jahren regierte Tschechien den Billie Jean King Cup, gewann zwischen 2011 und 2018 sechsmal den Titel. Es waren Zeiten, in denen auch Deutschland stets in Reichweite des Triumphs im Billie Jean King Cup war.
Damentennis: Es liegen Welten zwischen den Deutschen und Tschechinnen
Mittlerweile liegen zwischen dem deutschen und dem tschechischen Damentennis Welten. Tschechien produziert weiterhin Spielerinnen am Fließband, die sich nicht nur in den Top 50 etablieren, sondern auch immer wieder um die Grand-Slam-Titel mitspielen. Derzeit stehen sieben Tschechinnen in den Top 50 – im Alter zwischen 19 und 29. Hinzukommt mit Katerina Siniakova die erfolgreichste Doppelspielerin des letzten Jahrzehnts (elf Grand Slam-Titel, Olympia-Gold).
Zum Vergleich: Die 38-jährige Laura Siegemund ist momentan die einzige Top-50-Spielerin aus Deutschland im Einzel und die einzige Top-200-Spielerin im Doppel. Der Blick geht neidvoll in Richtung unseres östlichen Nachbarlands. Wenn es um Tennis in Tschechien geht, spricht man oft von der „tschechischen Schule“, die ein wesentlicher Bestandteil des Erfolgs sein soll.
Doch was genau ist diese „tschechische Schule“? Und was ist das jahrelange Erfolgsrezept im tschechischen Tennis, insbesondere bei den Damen? Einer der es wissen muss, ist Jan Stoces, seit 2020 Chef-Nationaltrainer des Tschechischen Tennisverbands, wo er für die Nachwuchsförderung und die Leistungssportprogramme verantwortlich ist.
Zahlreiche junge Tschechinnen in der Weltrangliste
Anruf per Videocall bei Stoces. Der 49-Jährige erscheint sofort im Bild. „Wir haben drei Nationalzentren, zwei sind in Prag, eins in Prostejov. Hier trainieren unsere besten Spieler und Spielerinnen zwischen 15 und 21 Jahren. Darunter gibt es sechs weitere Zentren für Jugendliche von 14 bis 18 Jahren. Hinzukommen 20 kleinere Zentren, die hauptsächlich in den kleinen Tennisclubs zu finden sind. Hier liegt der Fokus auf Jugendliche von 10 bis 14 Jahren“, sagt Stoces, der auf eine 30-jährige Expertise als Tennistrainer zurückblickt.
Er coachte unter anderem die Deutschen Rainer Schüttler und Benjamin Becker. 2017 erhielt er von der ATP die Auszeichnung „Trainer des Jahres“, nachdem er den Polen Lukasz Kubot zur Nummer eins im Doppel gecoacht hatte. Unter der Führung von Stoces sprudelt es im tschechischen Damentennis nur so vor Talenten. Derzeit befinden sich 13 U21-Spielerinnen in den Top 600 im WTA-Ranking. Zum Vergleich: Acht deutsche U21-Frauen stehen in den Top 600. Allerdings sind sie nicht annähernd so gut platziert.
Lange Tennistradition in Tschechien
Auch im Herrentennis geht es nach dem Karriereende von Tomas Berdych bergauf. „Als ich im Verband anfing, hatten wir keinen Tschechen in den Top 100 und bei den Grand Slams. Jetzt haben wir vier Spieler in den Top 100“, sagt Stoces. Mit Jakub Mensik und Jiri Lehecka sind zwei Spieler darunter mit dem Potential für große Titel.
Doch warum ist speziell Damentennis in Tschechien so populär und erfolgreich? Barbora Krejcikova, zwölfmalige Grand Slam-Siegerin (zweimal Einzel, siebenmal Doppel, dreimal Mixed) erklärt es so. „Diese Frage wird ständig gestellt. Sogar manche Spielerinnen fragen, was in meinem Land los ist, was man dort isst oder was in der Luft liegt. Ich glaube, es gibt viele mögliche Antworten. Die erste ist, dass Tennis in Tschechien und in der früheren Tschechoslowakei eine großartige und lange Tradition hat“, sagte Krejcikova nach ihrem Wimbledon-Einzeltitel 2024.
Barbora Krejcikova: „Für Mädchen ist Tennis die Nummer eins”
Und weiter: „Wir hatten so viele fantastische Spielerinnen, dass es für Mädchen – mehr noch als für Jungen – natürlich ist, mit dem Tennisspielen anzufangen. Jungen haben Eishockey und Fußball – sie haben andere Möglichkeiten –, aber für Mädchen ist Tennis die Nummer eins. Das liegt daran, dass es prestigeträchtig ist, denn Tennis zu spielen ist einfach cool; man kann viel Geld verdienen, wenn man richtig gut ist. Deshalb ist Tennis für Mädchen – und deren Eltern – die erste Wahl wenn man eine Sportart ausüben will.“
Ein weiterer großer Faktor ist die hervorragende Infrastruktur mit einem dichten Netz an Tennisvereinen. „In Tschechien gibt es sogar in kleinen Städten viele Vereine. Es ist nicht wirklich schwer, mit dem Tennisspielen anzufangen. Viele Kinder fangen an, mit ihren Eltern in den Vereinen zu spielen. Sie beginnen vielleicht sogar ohne große Ambitionen, aber wenn sie gut sind, besteht die Möglichkeit, in der Hierarchie aufzusteigen. Man kann von einem kleinen Verein zu einem größeren in einer größeren Stadt wechseln. Man kann in einen großen Verein oder ins nationale Zentrum in Prag oder Prostejov kommen – und man kann Profi werden“, fügte Krejcikova noch hinzu.
Jan Stoces: „Es geht um den Wettkampf”
Ein weiterer Punkt: die enorme Matchhärte durch eine hohe Turnierdichte auf lokaler Ebene. Die Devise lautet generell: Wettbewerb vor Training. Tschechien liegt im Herzen Europas. Viele junge Talente können innerhalb eines kleinen Radius nicht nur im eigenen Land, sondern auch im Ausland das ganze Jahr über an hochkarätigen Turnieren teilnehmen. Das spart Reisekosten und ermöglicht eine enorme Turnierfrequenz bei geringerem finanziellen Risiko für die Eltern.
„Man muss die Kinder ins Spielen bringen. Es geht nicht nur ums Training, es geht um den Wettkampf. Wir haben im Sommer in mehreren Klassen jede Woche etliche Turniere in einem kleinen Umkreis. Das spart Zeit, Energie und Geld“, sagt Stoces.
Erfolgsgeheimnis: tschechische Schule im Tennis
Apropos Eltern: Aus Sicht von Stoces spielen die Eltern eine tragende Rolle beim Erfolg der vielen Tschechinnen. „Was die Eltern alles opfern für ihre Kinder, kann man nicht hoch genug bewerten. Die Eltern haben einen gewaltigen Anteil an unserem Erfolg.“ Krejcikova sieht es ähnlich. „In Tschechien gibt es viele Eltern, die bereit sind, ihr Privatleben und ihr Familienleben zurückzustellen. Sie sind bereit, Geld und Zeit in die Karriere ihrer Kinder zu investieren.“
Was besonders auffällt bei Spielerinnen und Spielern aus Tschechien, ist, dass fast alle einen sauberen Schwung haben und die komplette Bandbreite der Tennisschläge (Aufschlag, Volley, Slice, Stopp) beherrschen. Man spricht hier immer wieder von der „tschechischen Schule“, die für eine feine Technik und ökonomische Schlagbewegungen steht. Während in Spanien der Fokus auf der Intensität liegt, wird in Tschechien Wert darauf gelegt, dass die Spielerinnen und Spieler „das ganze Feld“ beherrschen und einen vielseitigen Spielstil haben. Das Motto: individuell statt industriell.
Tennis in Tschechien: Die Trainer passen sich dem Spieler an
„Die tschechischen Trainer sind technisch stark. Wir haben ein sehr gutes Auge und achten auf die Details. Das ist in unserer Tennis-DNA verankert. Wir haben nicht eine Schablone für alles wie beispielsweise in Spanien. Die Trainer passen sich dem Spieler an. Nicht jeder Spieler kann Drills links, rechts machen. Es gibt auch Spieler, die mit Slice, Angriffsball und Gefühl arbeiten möchten“, schildert Stoces.
Was sich bei den meisten Tschechinnen und Tschechen wiederfindet, ist ein Spielstil mit flachen und geraden Schlägen – und kaum Topspin. „Als ich jung war, mussten wir in Tschechien auf sehr schnellen und unebenen Böden spielen. Da konnte man keinen Spin spielen. Mittlerweile ist unsere Infrastruktur top, aber trotzdem fällt auf, dass die Schläge unserer Spieler meist flach sind. Ich glaube, das hängt auch damit zusammen, dass wir bei der Technik auf einen frühen Treffpunkt achten“, sagt Stoces.
Von klein auf wird in Tschechien großer Fokus aufs Doppel gelegt, wovon viele Profis später profitieren. „Im Doppel lernt man alles: Aufschlag, Return, Serve-and-Volley, Angriffsball, Koordination. All das braucht man. Radek Stepanek zum Beispiel war zunächst ein Top-Doppelspieler und hat es dann auch im Einzel in die Top 10 geschafft. Viel Doppel in einem jungen Alter zu spielen, ist nicht zu unterschätzen. Ich finde es falsch, wenn man als Jugendlicher zu Turnieren fährt, sein Einzel verliert und dann wieder nach Hause fährt, ohne Doppel zu spielen. Es ist viel besser, ein Doppelturnier zu spielen, als zu Hause mit dem Coach zu trainieren. Meinen Profispielern sagte ich früher immer, dass Doppel wie ein bezahltes Training ist“, sagt Stoces.
Jan Stoces: „Wir legen großen Wert auf die Mannschaftswettbewerbe”
Auffallend ist auch, wie stark Tschechien seit Jahrzehnten in den Mannschaftswettbewerben ist, sowohl bei den Profis als auch bei den Jugendlichen. Und: Bei jedem Auswärtsspiel im Davis Cup und Billie Jean King Cup sieht man stets eine große lautstarke tschechische Fankolonie mit Tröten, die für die Spielerinnen und Spieler eine Art Heimspielatmosphäre erzeugt. Es ist ein Klima, dass die Tschechinnen und Tschechen zu Bestleistungen beflügelt.
„Wir legen von der Jugend an einen großen Wert auf die Mannschaftswettbewerbe. Wir haben die letzten fünf Jahre hintereinander die Wertung im Junioren-Tennis von Tennis-Europe gewonnen. Für uns ist das wichtig, dass wir den Kindern beibringen, dass es diese Repräsentation für das Land gibt. Wenn sie etwas für das Land schaffen, hat das bei uns eine ganz andere Bedeutung, als wenn man zum Beispiel das Turnier in Madrid gewinnt – die Mädels und Jungs verstehen das früh. In Tschechien ist so ein Turnier bloß ein Wettbewerb von vielen. Die große Masse interessiert sich für den Davis Cup und den Billie Jean King Cup. Wenn man diese Wettbewerbe gewinnt, ist man ein Nationalheld bei uns“, erzählt Stoces.
Tennis in Tschechien: Drei Erfolgsfaktoren
Um den tschechischen Weg im Damentennis auf drei Kernkomponenten herunterzubrechen, sind folgende drei Faktoren aus der Sicht von Stoces essentiell.
Erstens: Turniermöglichkeiten. In Tschechien gibt es zahlreiche Möglichkeiten, Wettkampftennis zu spielen. Zweitens: leichter Zugang. Tennis ist in Tschechien längst kein Elitesport mehr. Innerhalb eines kleinen Radius gibt es viele Zugänge, um Tennis zu lernen und zu spielen. Drittens: Bescheidenheit. Viele erfolgreiche Spielerinnen fungieren als Mentorin für junge Talente während und nach der Karriere. Es herrscht ein motivierender Teamgeist, der weitere Erfolge nach sich zieht.
Als Marketa Vondrousova im Jahr 2023 als ungesetzte Spielerin den Wimbledontitel gewann und nach dem Geheimnis hinter den vielen Erfolgen in Tschechien gefragt wurde, fasste sie die Erfolgsformel wie folgt zusammen. „Das Erfolgsrezept der Tschechen besteht aus der Vielzahl meist bescheidener Tennisvereine, die über das ganze Land verteilt sind, einem hervorragenden Trainerstab und einem Nationalstolz, der inspiriert und sich selbst nährt.“
Die Erfolge im tschechischen Tennis
Grand-Slam-Sieger
Jan Kodes: French Open 1970/1971, Wimbledon 1973
Ivan Lendl: French Open 1984/1986/1987, US Open 1985/1986/1987, Australian Open 1989/1990
Petr Korda: Australian Open 1998
Grand Slam-Siegerinnen
Martina Navratilova*
Hana Mandlikova: Australian Open 1980/1987, French Open 1981, US Open 1985
Jana Novotna: Wimbledon 1998
Petra Kvitova: Wimbledon 2011/2014
Barbora Krejciokva: French Open 2021, Wimbledon 2024
Marketa Vondrousova: Wimbledon 2023
Top 10
Herren
Ivan Lendl: 1 (28.02.1983)
Petr Korda: 2 (02.02.1998)
Tomas Berdych: 4 (18.05.2015)
Jan Kodes: 5 (13.09.1973)
Jiri Novak: 5 (21.10.2002)
Karol Novacek: 8 (18.11.1991)
Radek Stepanek: 8 (10.07.2006)
Damen
Karolina Pliskova: 1 (17.07.2017)
Jana Novotna: 2 (07.07.1997)
Petra Kvitova: 2 (31.10.2011)
Barbora Krejcikova: 2 (28.02.2022)
Hana Mandlikova: 3 (16.04.1983)
Helena Sukova: 4 (18.03.1985)
Lucie Safarova: 5 (14.09.2015)
Marketa Vondrousova: 6 (11.09.2023)
Nicole Vaidisova: 7 (14.05.2007)
Karolina Muchova: 8 (11.09.2023
Nummer 1 im Doppel
Tomas Smid
Helena Sukova
Jana Novotna
Kveta Peschke
Lucie Safarova
Barbora Krejcikova
Katerina Siniakova
Titel Billie Jean King Cup: 1975, 1983, 1984, 1985, 1988, 2011, 2012, 2014, 2015, 2016, 2018
Titel Davis Cup: 1980, 2012, 2013
Olympia
Gold im Damen-Doppel: Barbora Krejcikova/Katerina Siniakova (Tokio 2021)
Gold im Mixed: Katerina Siniakova/Tomas Machach (Paris 2024)
Silber im Damen-Einzel: Marketa Vondrousova (Tokio 2021)
Silber im Damen-Doppel: Jana Novotna/Helena Sukova (Seoul 1988)
Silber im Damen-Doppel: Andrea Hlavackova/Lucie Hradecka (London 2012)
Bronze im Herren-Doppel: Miloslav Mecir/Milan Srejber (Seoul 1988)**
Bronze im Damen-Einzel: Jana Novotna (Atlanta 1996)
Bronze im Damen-Einzel: Petra Kvitova (Rio de Janeiro 2016)
Bronze im Damen-Doppel: Lucie Safarova/Barbora Strycova (Rio de Janeiro 2016)
Bronze im Mixed: Lucie Hradecka/Radek Stepanek (Rio de Janeiro 2016)
*Martina Navratilova (18 Grand Slam-Titel im Einzel) beantragte mit 18 Jahren politisches Asyl in den USA und erzielte den
Großteil ihrer Erfolge zunächst als Staatenlose und dann als US-Amerikanerin.
**Milan Srejber ist Tscheche, Miloslav Mecir ist Slowake.
