Nach vier Jahren Abstinenz kehrt Serena Williams nach Wimbledon zurück und spielt Einzel und Doppel. Sollte eine 44-jährige Mutter und Geschäftsfrau das tun – ja!
Auftritt Serena Williams im Theatre. So heißt der große Interviewraum in Wimbledon. Der Name passt. Die Stuhlreihen – von oben nach unten abfallend und logischerweise in wimbledongrün – sind angeordnet wie in einem Theater. Die Bühne ist ein Pult, auf dem eine Flasche Wasser des Sponsors steht. Dahinter ein Sessel. Noch ist er leer.
Sonntag vor Turnierbeginn. Der Termin wurde ein paar Mal verschoben. Kurz vor 15 Uhr ist sie da. Weißes Hemd mit Kragen, Make Up, blondiertes Haar. Dass sie körperlich gut in Form ist, sah man schon beim Training zuvor. Die Bauchmuskeln trägt sie wie eine Insignie mit der Botschaft: „Hey, ich bin wieder da.“
Spürbare Aura
Gut 15 Minuten dauert die Pressekonferenz. Oder sollte man eher sagen Audienz. Serena, umweht von einer Aura, überlegt sich die Antworten gut, formuliert klar. Ihre Präsenz ist bis in die letzte Reihe des vollgestopften Interviewraums spürbar.
Die entscheidende Frage – warum kehrt sie im Einzel zurück? – beantwortet sie mit: „Na ja, ich dachte mir, es kommt nicht jeden Tag vor, dass Wimbledon an jemanden eine Wildcard vergibt. Ich kann wahrscheinlich nur eine Handvoll Leute nennen. Ich war nun mal einer dieser Leute. Ich sollte diese Chance wirklich nutzen. Wer weiß, ob ich es jemals wieder hierher schaffe.“
Am Montag, eine Woche vor Turnierstart, musste sie sich entscheiden. Einen Tag vorher, am Sonntag, habe sie zugesagt. Sie sagt dazu etwas kokett und lächelnd: „Ich bin mir immer noch nicht sicher.“ Nervös sei sie vor ihrem ersten Auftritt am Dienstag – natürlich auf dem Centre Court – gegen die Australierin Maya Joint. Aber nervös sei sie während ihrer ganzen Karriere gewesen.
Ungeliebte Antidoping-Vorschriften
Was unklar bleibt? Die Motivation. Warum tut sie sich das an? Serena Williams beklagt die Vorschriften der ITIA (Internationale Tennis Integrity Agency): „Das ist echt anstrengend. Sie haben die Regeln geändert. Anscheinend gilt es also immer noch als versäumt, wenn man einen Test außerhalb seines Zeitfensters verpasst. Ich denke mir dann: Na toll, dann kann ich wohl nicht
meine Kinder abholen.“ Und weiter: „Mein Leben ist vollgepackt, ich leite ein Unternehmen (Risikokapitalgesellschaft), ich reise um die Welt.“ Die Frage nach der Sinnhaftigkeit will sie erst nach dem Turnier beantworten.
23 Grand Slam-Turniere hat Serena gewonnen, siebenmal Wimbledon. 319 Wochen war sie die Nummer eins der Welt. Sie hat fast 95 Millionen Dollar Preisgeld gewonnen. Mit Werbeverträgen dürfte sie etwa eine halbe Milliarde kassiert haben. Warum also die Rückkehr? Mit 44, als Mutter und erfolgreiche Geschäftsfrau?
Kritiker sagen, sie nehme anderen die Aufmerksamkeit. Ich sage, es ist völlig legitim, dass sie diese Entscheidung trifft. Lasst sie spielen. Sie ist ein Champion, sie weiß, was sie tut. Und sie ist, das kann man mögen oder nicht, eine Attraktion über den Sport hinaus. Das Schöne am Sport: Am Dienstagabend wissen alle mehr.
