Gewinnt Novak Djokovic noch seinen 25. Grand Slam-Titel? Unser Kolumnist Marco Chiudinelli meint, dass dem „Djoker“ in der finalen Phase inzwischen die körperliche und mentale Energie fehlt.
Erschienen in der Smash-Ausgabe 4/2026
Zu Saisonbeginn hatte ich Novak Djokovic trotz seinen 39 Jahren durchaus zugetraut, 2026 seinen 25. Grand-Slam-Titel doch noch zu gewinnen. Die grösste Chance dazu rechnete ich mir für ihn in Wimbledon aus.
Der Grund liegt im Belag. Auf Rasen kann Djokovic einige seiner altersbedingten Nachteile besser kaschieren als auf Sand oder Hartplatz. Die Ballwechsel sind kürzer, sein Return bleibt eine der grössten Waffen der Tennisgeschichte und seine Erfahrung kommt auf diesem Untergrund besonders zur Geltung. Hinzu kam der Umstand, dass Carlos Alcaraz für Wimbledon verletzt passen musste. Somit hätte Nole auf dem Weg zum Titel zwar Jannik Sinner und Alexander Zverev schlagen müssen, dies schien mir aber realistischer als eine Kombination aus Sinner und Alcaraz oder, je nach Auslosung, gar aus allen Drei.
Djokovic geht bewusst mehr Risiko
Bis zum Halbfinal schien dieses Szenario durchaus möglich. Was ich dann aber gegen Sinner gesehen habe, hat mich zum Nachdenken gebracht. Nicht, weil Djokovic verloren hat. Sondern weil Sinner auf einem Niveau gespielt hat, das selbst für Djokovic nicht mehr zu kontrollieren war. Sein Aufschlag war überragend. Er servierte mit einer Präzision und einer Konstanz, die Djokovic kaum Gelegenheit gab, eine seiner grössten Stärken, den Return, auszuspielen. Und selbst wenn dieser im Feld landete, spielte Sinner nach dem Aufschlag, ohne mit der Wimper zu zucken, so druckvoll weiter, dass Djokovic zu keiner Zeit überhaupt ins Spiel kam.
Diese Leichtigkeit, mit der Sinner trotz beeindruckend hohem Schlagtempo scheinbar ohne übermässiges Risiko Gewinnschlag um Gewinnschlag anbrachte, war der entscheidende Unterschied. Bei Nole hatte ich hingegen permanent den Eindruck, dass er nur dann gefährlich werden konnte, wenn er bei seinen Grundschlägen bewusst mehr Risiko einging, was zwangsläufig zu einer höheren Fehlerquote führte. Da sich ein solches Spiel über drei Gewinnsätze hinweg nur in den seltensten Fällen durchhalten lässt, zeichnete sich bereits früh ab, dass der Serbe in diesem Halbfinal kaum eine realistische Chance haben würde.
Djokovic muss früh an seine Grenzen gehen
Das ist keine Kritik an Djokovic, sondern vielmehr ein Kompliment an Sinner. Wenn ein Spieler auf diesem Niveau serviert und gleichzeitig von der Grundlinie aus pausenlos und nahezu fehlerfrei Druck erzeugt, wird es selbst für den erfolgreichsten Grand-Slam-Spieler der Geschichte eine unlösbare Aufgabe.
Natürlich stellt sich nun die Frage, was das für die US Open bedeutet. Hartplatz kommt Sinners Spiel mindestens so gut entgegen wie Rasen. Die Ballwechsel werden tendenziell länger, gleichzeitig bleibt das Tempo enorm hoch. Hinzu kommt, dass es heute deutlich mehr Spieler gibt, die Djokovic bereits in früheren Runden ernsthaft fordern können – wie João Fonseca in Paris oder Félix Auger-Aliassime in Wimbledon.
Solche Partien kosten nicht nur körperliche, sondern vor allem auch mentale Energie. Während Nole früher mehrheitlich souverän durch die ersten fünf Matches kam und seine Kräfte für die entscheidenden Tage schonen konnte, muss er heute schon früh an seine Grenzen gehen. Diese zusätzlichen Reserven fehlen dann in einem Halbfinal oder Final gegen einen Spieler wie Sinner oder Alcaraz.
Trotzdem wäre es falsch, Djokovic bereits abzuschreiben. Dazu spielt er nach wie vor zu gut und war mit dem Erreichen des Finals in Melbourne und des Halbfinals in London zu nahe an seinem grossen Ziel dran.
Kann Djokovic dieses Niveau nochmals halten?
Die spannendere Frage richtet sich für mich deshalb nicht auf die kommenden Wochen und die US Open, sondern auf das nächste Jahr. Kann Djokovic dieses Niveau nochmals halten? Kann er seinen Körper weiterhin so managen, dass er bei den Grand Slams um den Titel spielt? Komplett auszuschliessend ist das nicht. Vielleicht braucht es dafür einfach das eine oder andere Puzzlestück, das sich schicksalhaft zu seinen Gunsten entwickeln muss.
Eine Auslosung, die ihm hilft und vielleicht ein Grand-Slam-Turnier, bei dem einer der drei aktuellen Branchenleader Sinner, Alcaraz und Zverev seine Teilnahme verletzt absagen muss, einer gegen einen Überraschungsmann auf der Strecke bleibt und einer im Direktduell gegen Djokovic nicht seinen besten Tag einzieht. Dass so etwas möglich ist, hat Roland Garros gezeigt. Aus der Sicht von Nole trat dort aber unglückerweise völlig überraschend der junge Brasilianer Fonseca als Spielverderber auf.
Glaube ich also noch daran, dass Nole seinen 25. Grand-Slam-Titel holt? Bis Wimbledon hätte ich diese Frage mit «Ja» beantwortet, seither tendiere ich zum ersten Mal zu einem «Nein», würde mich aber freuen, wenn er mich eines Besseren belehrt.
