Novak Djokovic hat sein Erstrundenmatch bei den US Open in fünf Sätzen gegen den Argentinier Mariano Navone verloren. Damit riss nicht nur eine eindrucksvolle Serie – die sportliche Zukunft des 39-Jährigen ist fraglicher denn je.

Ich muss zugeben – das Drama habe ich nicht gesehen. Zumindest nicht live, nur Ausschnitte am nächsten Tag. In der Nacht von Sonntag auf Montag, um 1.10 Uhr deutscher Zeit, startete das Match zwischen dem an Position vier gesetzten Novak Djokovic und dem Außenseiter aus Argentinien – Marcelo Navone, 1,78 Meter groß, die Nummer 49 der Welt.

4:36 Stunden später, vor Ort also Pi mal Daumen Mitternacht, war der Spuk vorbei. Navone konnte sein Glück kaum fassen, gewann 7:6, 5:7, 4:6, 6:2, 6:1. Für Freunde der Statistik: 77-mal zuvor hatte Djokovic bei einem Grand Slam die erste Runde überstanden. Das sind fast 20 Jahre. 20! Diese Serie riss, aber das ist eine Petitesse angesichts der möglichen Tragweite dieser Niederlage.

Wie ein taumelnder Boxer

Djokovic hatte mit 2:1-Sätzen geführt. Es zählte am Ende nichts. Er hatte sich übergeben. Produzierte Fehler über Fehler. War angeschlagen wie ein Boxer. Taumelte und stürzte am Ende wie Goliath. Wie herzlich er dann Navone zum Sieg gratulierte, zeigt, was für ein großartiger Sportsmann Djokovic ist.

Als ich am Montagmorgen aufwachte, ging mein erster Griff zum Handy. Ich scrollte durch die Ergebnisse und mir ging ein Gedanke durch den Kopf. Oder besser: ein Zitat. Am Abend zuvor hatte ich die Doku auf Prime Video über Novak Djokovic gesehen. Andre Agassi, der kurzfristig Djokovics Trainer war, kam auch zu Wort. Ein Thema in „Der Wolf im Winter“ war logischerweise, dass auch der beste Tennisspieler des Planeten, der praktisch jeden Rekord gebrochen hat, die Zeit nicht anhalten kann.

Wann wird Schluss sein? Agassi – charismatisch, glatzköpfig, ein Typ, der in jedem Hollywoodfilm mitspielen könnte – sagte: „Manchmal geht es schneller, als man denkt.“ Die Worte hallen bei mir noch jetzt nach. Ich musste an Agassi selbst denken. Ich war dabei im Arthur Ashe-Stadium, im Spätsommer 2006. Der Deutsche Benjamin Becker schlug Agassi und Andy Roddick, der nächste Gegner von Becker, war froh, „dass ich nicht der Kerl war, der Bambi erschießt“.

Bambi und der Wolf

Djokovic ist nicht Bambi, aber der Wolf. Der Wolf im Winter. Der Wolf symbolisiert im Serbischen den einsamen Einzelkämpfer, der gegen alle Widerstände kämpft. Der Winter bezieht sich auf das nahende Karriereende. Am Anfang und am Ende heult Djokovic wie ein Wolf – herrlich! Eines der Themen seiner Karriere: Er, der Partycrasher, brach ein in ein perfektes Szenario – Federer gegen Nadal. Florett gegen Säbel. Djokovic, der Junge aus den Bergen Serbiens, war unerwünscht. In der Doku sagt er, wie sich die Situation entwickelte, als er immer stärker wurde: „Table for three, please.“

Es ist eine fantastische Doku. Inszeniert von Jason Hehir, bekannt durch die gefeierte Michael-Jordan- und Chicago-Bulls-Dokumentarserie „The Last Dance“. Die Bilder, die Schnitte, die Musik – all das ist stimmig. Ein Reigen zum Genießen. Wie liebevoll Djokovic mit seinen Kindern umgeht, geht ans Herz. Wie sehr er an sich zweifelt, erscheint unwirklich angesichts seiner 24 Grand Slam-Siege. „Der größte Zweifler sitzt hier“, sagt er und deutet auf sich.

Fest steht: Nach New York wird Djokovic nicht mehr zu den Top Ten zählen. Richtig abstürzen wird er nicht, weil er in Melbourne das Finale und in Wimbledon das Halbfinale erreichte. Aber was ist mit Melbourne 2027? Und dem, was dann folgt? Wie könnte ein Abschiedsszenario aussehen? Sicher nicht so, wie bei Stan Wawrinka, der angekündigt hatte: noch ein Jahr. Dann ist Schluss.

Es würde nicht zum Mann aus Belgrad passen. Noch einmal fette Beute machen und dann im Wald verschwinden? Vielleicht. Im Moment aber ist der Wolf müde.