Mit 18 Jahren stand Leylah Fernandez im Finale der US Open. In tennis MAGAZIN spricht die Kanadierin über ihren damaligen Erfolgslauf in New York sowie ihren Freund, den sie auf eine sehr ungewöhnliche Weise kennenlernte.
Interview: Florian Goosmann
Leylah Fernandez überraschte die Tenniswelt im Spätsommer 2021 mit ihrem Sensationslauf bis ins Finale der US Open. Sie war zu dem Zeitpunkt nur die Nummer 73 der Welt. Danach wurde es ruhiger um die Kanadierin, bis sie im Vorjahr einen ungewöhnlichen Datingaufruf startete – über Instagram. Was ist daraus geworden? Und wie hat sie ihren US-Open-Run in Erinnerung? Mehrere Gründe, die 23-Jährige etwas näher kennenzulernen. Zumal sich ihr Finaleinzug in Flushing Meadows zum fünften Mal jährt.
Als wir Fernandez während des Turniers in Stuttgart bei der WTA um ein Interview anfragen, bekommen wir eine Zusage für die üblichen zehn Minuten. Nicht viel – leider. Leylah Fernandez aber nimmt sich Zeit, am Ende doppelt so viel. Gefühlt hätte sie noch länger weitergeredet, sie scheint sich über die Anfrage ehrlich gefreut zu haben. „Thanks for thinking of me“, sagt sie, als wir uns eigentlich für ihre Zeit bedanken.
Leylah, sagt Ihnen der Name Al Bundy noch etwas?
Leider nicht, nein.
Sie sind vermutlich zu jung. Al Bundy ist der Hauptdarsteller der 1980/90er-Sitcom „Eine schrecklich nette Familie“. Immer wenn seine Tochter Kelly einen neuen Freund zu Hause hatte, hat Al ihn am Schlafittchen gepackt, in Richtung Haustür geschoben – und vorm Rauswerfen erst mal gegen die Wand gedonnert.
(lacht)
Wir spielen auf Ihren Instagram-Aufruf an. Sie haben letztes Jahr online nach einem Date gesucht und der finale Kandidat musste zunächst an Ihrem Vater vorbei. Wie lief das ab, und was ist aus dem Bewerber geworden?
(lacht immer noch) Das ist wirklich eine lustige Geschichte – denn wir sind mittlerweile fest zusammen.
Tatsächlich?
Er hat mir später gesagt, dass es das erste Mal war, dass er im Vorfeld eines Dates ein Elternteil treffen musste. Er fand das interessant und hat es respektiert. Und ich fand es sehr nett, dass er es gemacht hat. Ein paar Treffen später hat er mir gestanden, wie nervös er war. Absolut verständlich. Zumal nicht nur mein Vater dabei war.
Wie meinen Sie das?
Wir haben uns in meinem Lieblingslokal in Montréal zum Frühstück getroffen. Unglücklicherweise ist es auch das Lieblingslokal meines Vaters und meiner Schwester. Letztlich war mein gesamtes Team da. Ich saß mit ihm zwar an einem anderen Tisch, habe meinen Vater und meine Schwester aber im Blickfeld gehabt und gesehen, wie sie uns zugeschaut haben.
Ach herrje.
Er war entsprechend nervös, aber das Date war toll. Wir haben mehrere Stunden gequatscht. Die Zeit ist regelrecht verflogen.
Klingt ja großartig!
Es ist eine verrückte und lustige Story. Er ist super nett, und er hat mir erzählt, dass alles ein Zufall war, weil er gar nicht viel über Tennis wusste. Einer seiner besten Freunde hatte Tickets für mein Match in Montréal und hat ihn eingeladen. Er hat mich gesehen und mir eine Nachricht geschickt – er wusste also überhaupt nichts von meinem Datingaufruf. Das Video hat er erst ein paar Stunden später in seinem Feed entdeckt. Er hatte entsprechend niedrige Erwartungen. Um ehrlich zu sein: Ich dachte auch nicht, dass daraus etwas wird. Aber es hat dann doch klick gemacht.
Und er stammt auch aus Montréal, wie Sie?
Ja, das tut er (ihr Freund heißt Vincent Boily, Anm. d Red).
Begleitet er Sie auf der Tour?
Ab und zu. Vincent spielt Para-Eishockey, nachdem er als Jugendlicher einen Schneemobil-Unfall erlebt hatte und seitdem teilweise gelähmt ist. Bei den Paralympics 2026 hat er mit dem kanadischen Team die Silbermedaille geholt. Als er aus Mailand zurückkam, ist er mit mir nach Miami und Charleston gereist. Das hat mich extrem glücklich gemacht. Wir haben auch seine Silbermedaille gefeiert. Wir schauen einfach: Wenn er ein paar Tage frei hat, treffen wir uns bei Turnieren. Und wenn ich frei habe, machen wir einen kleinen Urlaub.
In Ihrem Aufruf haben Sie gesagt, dass Sie noch nie ein Date hatten – und darüber geklagt, wie schwierig es ist, jemanden abseits der Tennis-Bubble zu treffen. Sind Sie froh, dass er nichts mit Tennis am Hut hat?
Ich glaube schon. Es ist gut, dass er ebenfalls Sportler ist. So versteht er viele Dinge, wie den permanenten Druck, das Auf und Ab der Emotionen. Das musste ich ihm nicht erklären. Aber ich finde es gut, dass er kein Tennis spielt. Ich habe ständig Tennisspieler um mich herum, das ist irgendwann zu viel. Diese kleine Auszeit zu haben, ist schön. Ich kann mit ihm über alles reden: über Filme, Serien, was in Montréal passiert oder in Florida, wo ich mittlerweile lebe. Wir müssen nicht von morgens bis abends über Tennis sprechen oder darüber, in welchem Bereich ich mich verbessern muss. Oder was er tun sollte, wenn er Tennis spielen würde. Es ist gut, dass er sein eigenes Leben hat, seine eigene Karriere. Manchmal reist er mit mir, worüber ich mich sehr freue. Aber auch wenn wir nicht gemeinsam reisen, bin ich glücklich, ihn zu haben.
Das klingt wirklich toll, alles Gute weiterhin Ihnen beiden!
Vielen Dank.
Wir würden mit Ihnen gerne auch über die US Open sprechen, über Ihren unglaublichen Lauf vor fünf Jahren. Auf dem Weg ins Finale haben Sie nacheinander Naomi Osaka, Angelique Kerber, Elina Svitolina und Aryna Sabalenka geschlagen. Was passte in diesen zwei Wochen alles zusammen?
Das alles hat gar nicht in New York begonnen. Sondern schon in Wimbledon.
Erzählen Sie!
Ich hing zu dieser Zeit etwas in der Luft, habe nicht gut gespielt, hatte kein Selbstvertrauen, wusste nicht, was ich in bestimmten Situationen tun soll. Mit meinem damaligen Coach bin ich das gesamte Jahr über gereist, und mein Vater schlug vor, dass wir eine kleine Auszeit voneinander nehmen, vielleicht bis Montréal. Und er solange übernimmt. Ich habe dann meinen Flug verpasst und musste drei Tage pausieren. Ich bin also in London geblieben, war etwas shoppen, habe mir ein paar Sehenswürdigkeiten angeschaut und meine Schläger im Schrank gelassen. Ich habe einfach mal nicht an Tennis gedacht. Das tat gut. In Florida hat dann ein alter Freund unserer Familie bei uns gewohnt. Wir haben ohne Druck zusammen trainiert, das hat großen Spaß gemacht, weil es mich an die Zeit erinnert hat, als ich zehn oder elf Jahre alt war und wir ebenfalls zusammen Tennis gespielt hatten. Ich habe dann auch mit einem Fitnesscoach gearbeitet, wir haben quasi bei Null angefangen, aber extrem hart trainiert, mit zwei Tennisenheiten am Tag, ebenso mit zwei Fitnesseinheiten. Es war keine lange Pause, aber ich habe diese wenigen Tage als Auszeit so dringend gebraucht. Ich war richtig heiß darauf, anschließend wieder auf den Platz zu gehen.
Wie lief es?
In Montréal habe ich in der ersten Runde direkt gegen Harriet Dart verloren. In knappen zwei Sätzen zwar, aber ich war am Boden zerstört. Mein Vater meinte: alles okay, das klappt schon wieder. In Cincinnati habe ich meine beiden Quali-Spiele gewonnen und mich fürs Hauptfeld qualifiziert. Dort habe ich gegen Alison Riske gespielt und sie hat mich vermöbelt. Nach dem Match habe ich geweint und wusste nicht, was los ist. Es lief doch alles so toll! Mein Coach hat mich beruhigt. Vor den US Open hatten wir anderthalb Wochen fürs Training, da habe ich mich voll reingehängt – tennismäßig, fitnessmäßig, mental.
Und als es losging mit dem Turnier?
Ich habe in der ersten Runde gegen Ana Konjuh gespielt und war drauf und dran, den ersten Satz zu verlieren. All diese Gedanken kamen wieder: Ich werde wieder direkt rausfliegen, nach Hause fahren, das wird alles kein Spaß. Mein Trainer war gar nicht vor Ort, aber mein Fitnesscoach und meine Mutter, und als ich zu Ihnen geschaut habe, haben sie so positiv gewirkt. Das half mir, zurück ins Match zu finden. Ich habe in zwei Sätzen gewonnen und war so glücklich! Von da an lief es. Ich hatte wieder Spaß, habe auch gut Doppel gespielt. Und dann stand ich plötzlich im Finale.
Haben Sie die ganzen Bilder noch im Kopf?
Als ich zum ersten Mal wieder daran gedacht hatte, hat mich das in eine solche Hochstimmung versetzt, dass ich mich ermahnt habe: Vergiss das, es ist Vergangenheit! Mittlerweile habe ich gelernt, diese Bilder zuzulassen und mich darüber zu freuen. Zu wissen: Ich werde schöne Träume haben – und Alpträume. Man muss im Flow leben, es einfach nehmen, wie es kommt. Das Gehirn arbeitet auf mysteriöse Weise. Ich habe gelernt, dass es nicht gut ist, Dinge zu unterdrücken, das macht es nur schwieriger. Ich versuche nun zu denken: Hey, das ist wirklich passiert!
Es war doch auch großartig!
Das war es! Ich will versuchen, dieses Gefühl, wie viel Spaß ich auf dem Platz hatte und wie gut ich gespielt habe, zu kanalisieren – und diese Erfahrung für meine künftigen Matches zu nutzen.
Für Ihre Finalgegnerin Emma Raducanu war das Endspiel und der Sieg ebenso überraschend. Hat Sie beide diese Erfahrung verbunden, tauschen Sie sich darüber aus?
Es ist total merkwürdig, aber wir haben noch nie darüber gesprochen. Vermutlich aufgrund unserer Mentalität: Wir sind Wettkämpferinnen, wir spielen noch gegeneinander. Aber ich denke, dass wir das nachholen, wenn unsere Karrieren vorbei sind. Dass wir uns auf einen Kaffee zusammensetzen und sagen können: Weißt du noch, als uns das damals gelungen ist? Dann können wir lustige Geschichten darüber austauschen. Aktuell sind wir noch so jung und haben noch viele Jahre auf der Tour vor uns. Da wollen wir eher nach vorne schauen.
Was schon damals auffällig war und immer noch ist: Sie halten Ihren Schläger auch bei Grundschlägen recht weit oben am Griff. Wie kommt das?
Ich war als Kind zu klein für meinen Schläger. Es ist also eine schlechte Angewohnheit, die ich nie ablegen konnte. Jetzt, wo ich älter bin, habe ich mehrfach versucht, ihn weiter unten zu greifen. Aber ich habe mich damit immer unwohl gefühlt und unbewusst wieder zurückgewechselt. Das Problem war: Als ich jünger war, hatte es keine Priorität, es zu ändern. Und als ich besser wurde, dachten wir am Ende: Warum ändern, was so gut funktioniert? Aber mein Vater hat es bereut, mir und meiner Schwester damals keine kleineren Schläger gekauft zu haben, um die richtige Technik zu lernen. Aber man lernt ja nie aus.
Sind die US Open durch Ihren Lauf eigentlich zu Ihrem Lieblingsturnier geworden – das Sie unbedingt mal gewinnen wollen?
(überlegt) Ich wollte immer die French Open oder Wimbledon gewinnen. Eins von den beiden.
Warum die beiden?
Die French Open waren das erste Turnier, das ich im Fernsehen geschaut habe. Ich weiß noch, wie ich dachte: Wie schön ist es, diese beiden Spieler kämpfen zu sehen. Wie in einer Gladiatoren-Arena. Sie rutschen, sie fallen hin. Die Schuhe und die Kleidung sind voller Sand. Das war so toll anzuschauen. Ich dachte: Eines Tages will ich auf dieser Bühne stehen und dieses Turnier gewinnen.
Und Wimbledon?
Der Rasen! Diese Geschichte dahinter! Diese Art von Luxus dort. Man will einfach im Lebenslauf stehen haben, Wimbledon gewonnen zu haben.
Was ist mit Montréal?
Natürlich, als Heimturnier. Es war zudem das erste Profi-Event, bei dem ich als Fan live vor Ort war.
Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre ersten Besuche von großen Turnieren?
2009 war ich bei den US Open und sah, wie Kim Clijsters das Finale gwann. Ich war noch so jung, konnte wenig erkennen, weil ich so weit weg vom Platz saß, aber ich habe sie mit der Trophäe und ihrer Tochter gesehen. Ein wunderschöner Moment! Ich habe auch mal mit meiner Schwester Nadal beim Training gesehen, auf einem kleineren Platz, wo man nirgendwo stehen konnte. Wir haben also am Zaun durchgelinst, durch diese kleine Lücke zwischen der schwarzen Plane und dem Boden. Wir haben gesehen, wie Nadal sich bewegt hat, seine Beinarbeit. Wir haben ihn stöhnen gehört und das Geräusch wahrgenommen, als er den Ball getroffen hat. Es war fantastisch! Dann hat es zu regnen begonnen und ich sagte zu meiner Schwester: „Wir müssen raus, dann sind wir die Ersten am Eingang und er signiert vielleicht unseren Ball.“ Und er hat unsere beiden Bälle tatsächlich unterschrieben. Das war so toll!
Haben Sie ihm die Geschichte mal erzählt?
(lacht) Nein, nein, nein. Das behalte ich für mich. Vielleicht eines Tages, wenn ich ihn mal etwas länger treffen kann. Sobald ich es schaffe, nicht mehr wie ein Fangirl zu wirken, voller Ehrfurcht vor ihm. Wenn ich mehr als einen Satz rausbekomme. Aktuell bin ich noch zu schüchtern, um mit ihm zu sprechen.
Vita Leylah Fernandez
Die 23-jährige Kanadierin wohnt in Bonyton Beach in Florida und wird von ihrem Vater Jorge trainiert. Sie gewann bislang fünf Turniere auf der WTA-Tour. Bei den US Open 2021 erreichte sie sensationell das Endspiel. Im Doppel war sie ebenfalls Finalistin bei den US Open 2023 an der Seite von Taylor Townsend. Mit Kanada gewann Fernandez im Jahr 2023 den Billie Jean King Cup. Ihre beste Platzierung in der Weltrangliste: Platz 13.
