Stan Wawrinka hätte bei den US Open sein letztes Grand Slam-Turnier gespielt, bekommt aber keine Wildcard. Das ist eine Schande.

Wenn am Donnerstag die Auslosung der Einzel-Hauptfelder für die US Open 2026 erfolgt ist, wird in großer Name des Tennissports dort nicht auftauchen: Stan Wawrinka. Ganz ehrlich, damit hätte ich im Leben nicht gerechnet. Schon klar, das Ranking von „Stan The Man“ ist mit Position 127 nicht gut genug für einen direkten Startplatz im Hauptfeld. Aber dass der Schweizer eine Wildcard kriegen würde, war für mich eine ausgemachte Sache. Es kam jedoch alles anders und bei der Wildcard-Vergabe wurde Wawrinka nicht berücksichtigt.

Nur kurz zur Einordnung: Wawrinka, inzwischen 41 Jahre alt und dreifacher Grand Slam-Titelträger, befindet sich in seiner Abschiedssaison. Im Dezember 2025 hatte er verkündet, noch ein Jahr spielen zu wollen, um dann als Tennisprofi endgültig aufzuhören. Entsprechend feinfühlig reagierten die Grand Slam-Turniere bisher – auch weil sie wissen, dass Wawrinka ein Publikumsliebling ist.

Wildcards für alle Majors – bis auf New York

Für die Australian Open, die er 2014 gewonnen hatte, erhielt er eine Wildcard. Auch Wimbledon gewährte ihm einen Platz im Hauptfeld, obwohl er dort nie den Titel holen konnte. Roland Garros vergab zunächst eine Wildcard an seinen Sieger von 2015, bevor Wawrinka durch die Absage von Lorenzo Musetti doch noch direkt im Hauptfeld landete. Die US Open aber, bei denen Wawrinka vor genau zehn Jahren triumphiert hatte, halten es nicht für nötig, ihrem Ex-Champion einen angemessenen Abschied zu ermöglichen. Das ist eine Blamage auf ganzer Linie.

Wawrinka hatte letzten Monat öffentlich bestätigt, dass er eine Wildcard für das Hauptfeld der US Open beantragt hatte und hoffte, ein letztes Mal in Flushing Meadows spielen zu können. Seine Saisonplanung passte er entsprechend an und verzichtete sogar auf eine Wildcard für das ATP-1000er-Masters in Cincinnati, um bei einem Challenger-Turnier im mexikanischen Cancun anzutreten. Sein Kalkül: Auf Challenger-Level waren seine Chancen größer, um mehr Matchpraxis für die US Open zu sammeln.

Wawrinka brachte sich in Form für die US Open

Er wollte sich für das allerletzte Grand Slam-Turnier seiner Karriere also noch richtig in Form bringen. Wawrinka verlor zwar in der zweiten Runde von Cancun, aber das ist inzwischen auch egal. Denn die acht Wildcards für das US Open-Hauptfeld bekommen andere: Die US-Profis Darwin Blanch, Michael Zheng, JJ Wolf, Sebastian Gorzny, Jack Kennedy, Patrick Kypson sowie Gael Monfils aus Frankreich und Dane Sweeny aus Australien. Auf die Quali in New York verzichtete Wawrinka – zurecht.

Die Frage ist nun: Warum verwehrt ihm der US-Verband USTA ein letztes Goodbye in New York? Mehrere US-Medien haben entsprechende Anfragen an die USTA gerichtet, aber eine offizielle Erklärung zum „Fall Wawrinka“ gibt es nicht. Aktuell kursieren viele Mutmassungen und Spekulationen durchs Web. Was derzeit oft zu hören ist: Wenn Gael Monfils, der sich ebenfalls auf seiner Abschiedstournee befindet, eine Wildcard bekommt, muss Stan Wawrinka auch eine bekommen. Aber so einfach ist der Fall nicht.

Was sind „Reciprocal Wildcards“

Zur Wildcard-Vergabe bei Grand Slam-Turnieren muss man wissen, dass es eine Absprache zwischen den US Open, den Australian Open und Roland Garros gibt. Es handelt sich dabei um sogenannte „Reciprocal Wildcards“. In einem Agreement von 2001 sichern sich die drei Majors untereinander Wildcard-Plätze ihrer Spieler und Spielerinnen zu. Das heißt in dem konkreten Fall: Der französische und der australische Tennisverband können eigenständig darüber entscheiden, welcher Spieler und welche Spielerin die Wildcards in New York bekommen. Dass sich die Franzosen für Gael Monfils und die Australier für Dane Sweeny entschieden haben, liegt also nicht in der Hand der USTA.

„Das entscheiden die jeweiligen Verbände selbst“, bestätigt auch tennis MAGAZIN-Kolumnist Alexander Waske. Er findet es beachtenswert, dass Frankreichs FFT die Wildcard an Monfils vergab und nicht an den aufstrebenden Arthur Gea, der nun durch die Qualifikation muss. „Da spielen Traditionsbewusstsein und auch Dankbarkeit eine große Rolle“, ist sich Waske sicher. Der Australier Sweeny wiederum ist nur eine Zweitlösung von Tennis Australia, denn ursprünglich sollte Alexei Popyrin die „Aussie-Wildcard“ kriegen, doch er rutschte durch einige Absagen noch so ins Hauptfeld.

Kein Platz für die Legende Wawrinka

Unterm Strich bedeutet das: Die USTA verfügt eigentlich nur über sechs Herren-Wildcards. Und man kann ihr nicht vorhalten, dass sie Monfils wichtiger für die US Open findet als Wawrinka. Was man aber sehr wohl hinterfragen kann: Muss die USTA ihre sechs eigenen Wildcards allesamt an junge US-Profis vergeben, wenn sie genau weiß, dass eine Legende wie Stan Wawrinka auf einen Hauptfeld-Startplatz hofft, ja ihn geradezu herbeisehnt?

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass die USTA durchaus ihre Wildcards an frühere Champions vergibt und damit US-Starter von der Teilnahme ausschließt. 2024 etwa bekamen Dominic Thiem (Sieger von 2020) und auch Wawrinka eine Wildcard. 2016 erhielt Juan Martin del Potro, der US Open-Champion von 2009, eine Einladung für das Hauptefeld. Auch bei den Damen gab es zuletzt einige Beispiele: Naomi Osaka und Bianca Andrescu (2024), Kim Clijsters (2020) oder Maria Sharapova (2017).

Wahre Größe und versöhnliche Abschiedsworte

Für Stan Wawrinka endet die eigene Grand Slam-Karriere nun auf traurige Art und Weise, was allein die US Open zu verantworten haben. Auch wenn es ein Einzelschicksal ist: Der großen weltweiten Entrüstung über die Nicht-Beachtung des Schweizers nach zu urteilen, hat sich die USTA damit ein Eigentor geschoßen.

Wie aber reagiert der 41-Jährige selbst darauf, nie mehr in Flushing Meadows ein Profi-Match bestreiten zu können? Mit wahrer Größe und nicht einem bösen Wort in Richtung der Veranstalter. Wawrinka hat in einen hochemotionalen Instagram-Post seine Liebe zu New York bekräftigt: „Die Kämpfe, die langen Nächte, die unglaubliche Atmosphäre, die Liebe aus dem Publikum … Erinnerungen, die für immer bleiben werden.“ Und weiter: „New York wurde allmählich zu einem meiner Lieblingsorte in der Welt. Diese Stadt hat mich herausgefordert, sie hat mich gepusht, sie hat etwas in mir hervorgebracht, was nur wenige Orte je konnten.“

Es sind versöhnliche Abschiedsworte, kein Groll, kein Klagen, kein Jammern. Und dennoch bleibt es eine Schande, dass er nicht bei den US Open 2026 dabei sein kann.