Jan-Lennard Struff steht in der dritten Runde von Wimbledon und spielt dort gegen Daniil Medvedev. Es ist seine fünfte Chance im All England Club ins Achtelfinale zu kommen. Sind aller guten Dinge fünf?
Niki Pilic, inzwischen verstorbene Trainerlegende, hat einmal gesagt: „Ich hätte nicht gedacht, dass er so gut ist.“ Er – das ist Jan-Lennard Struff. Und der Moment, als der Mann, der dreimal mit Deutschland den Davis Cup gewann, Struff traf, war ein Davis Cup in Frankfurt vor mehr als zehn Jahren, als Pilic vom Deutschen Tennis Bund noch einmal als Berater verpflichtet wurde.
Apropos DTB. Boris Becker, zu der Zeit Head of Men’s Tennis beim Deutschen Tennis Bund, hat einmal gesagt: „Wenn ich einen Mann wählen dürfte, der für mein Team spielt – ich würde Struff nehmen.“
Wer in diesen Tagen in Wimbledon ist, bekommt eine Ahnung davon, was Pilic und Becker meinten. Okay, es ist ein paar Tage her. Struff ist inzwischen 36 Jahre alt und seit 19 Jahren auf der Tour. Er könnte sein Tourleben ausklingen lassen. Platz 21, wo er 2023 stand, wird der Mann aus Warstein wohl nicht mehr erreichen. Oder doch? Westfalen können stur sein. Und hart gegen sich selbst.
Struff: Am liebsten in seiner Bubble
Aber bei Struff ist es eher Liebe. Die Liebe zum Tennis. Er würde das wahrscheinlich nie so pathetisch formulieren. Als er kürzlich tennis MAGAZIN eine Jubiläumsbotschaft in die Handykamera sprach, wirkte er schüchtern. So als sei er erst kurz auf der Tour. Möglicherweise ist so etwas auch nicht sein Fall. Als wir ihn einmal auf dem Cover abbildeten, mit einem Foto, das ihn als Leisetreter charakterisierte, weil er den Finger vor dem Mund nahm, so als wolle er „Psssst“ sagen beziehungsweise ‘Macht bitte nicht soviel Aufhebens um mich“ – da passte ihm das Foto nicht.
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Er verschließt sich nicht vor den Medien. In kleinen Presserunden beantwortet er die Fragen äußerst freundlich. Aber er ist dann doch lieber in seiner Bubble – Trainer, Physio, Manager, Freunde.
Vielleicht stimmen Image und Wahrheit auch nicht überein. Einigen wir uns darauf: Struff braucht keine Bühne für sein Ego. Sie kam immer automatisch durch seine Leistungen. Er lässt den Schläger sprechen und im Moment – nach einigen Durststrecken in den letzten Jahren – klappt das wieder ganz hervorragend.
Ins Bild passt dabei auch, dass sein Trainer wieder Carsten Arriens heißt. Wenn Struff – wie am Mittwoch und am Donnerstag auf Platz zwölf spielt, einem von sechs Showcourts in Wimbledon – , dann sitzt der frühere Langzeittrainer an der Seite. Dass er dort sitzt, hat auch damit zu tun, dass Justin Engel, Deutschlands große Hoffnung nach der Ära Zverev, gerade verletzt ist. Arriens wird der nächste Trainer von Engel. Wäre dieser gesund würden die beiden schon ab dem Turnier in Halle zusammenarbeiten.
Showdown auf Platz zwölf
Arriens, braungebrannt, saß am Mittwoch und Donnerstag auf Court 12, diesem etwas merkwürdigen Court, bei dem die Tribünen nur auf einer Seite in die Höhe ragen, und wurde Zeuge von einer beeindruckenden Vorstellung seines Schützlings. Am Mittwochabend wird Struffs Zweitrundenmatch gegen Brandon Nakashima beim Stand von 4:6, 7:6, 7:6, 6:7 wegen Dunkelheit abgebrochen. Der Amerikaner ist der Favorit, ist an Position 28 gesetzt.
Am Donnerstag geht es weiter. Nur noch ein Satz. Struff hat sich am Abend durchkneten lassen. Er hat in seinem Haus, wo er immer während Wimbledon wohnt und das nur einen Steinwurf von der Anlage entfernt liegt, noch Fußball geguckt. Er konnte kaum die Augen noch aufhalten und schlief gut. Obwohl klar war: Der Druck ist groß. Ein, zwei Patzer und er verliert das Ding. An die 214.000 Euro, die es für das Erreichen der dritten Runde gibt, wird er nicht gedacht haben.
Bei 3:3 gibt er sein Service. Kurz darauf führt Nakashima 5:3. Und Struff? Er gibt sich weiter die Faust. Der alte Thomas Muster-Spruch – aufgegeben wird nur ein Brief –passt auch bestens auf Struff.
45 Asse gegen Nakashima
Und tatsächlich: Er breakt Nakashima zum 5:4. Kurz darauf der Champions Tiebreak. Struff führt 4:2 und liegt dann 4:7 zurück. Am Ende gewinnt er 10:7 und reißt alle von den Sitzen. Es fühlt sich an wie eine Entschädigung für all die schwachen Matches anderer deutscher Teilnehmer in diesem Jahr. Bemerkenswertes Detail: Struff schlägt 45 Asse, sein Gegner 41.
Am Freitag heißt der Gegner Daniil Medvedev, die Nummer 9 der Weltrangliste. Vor zwei Jahren stand Struff ebenfalls in der dritten Runde gegen den Russen – und verlor. Struff ist der klare Außenseiter, aber er schlägt sehr gut auf. Es wird sein fünfter Versuch sein, erstmals in Wimbledon ins Achtelfinale zu ziehen. Aller guten Dinge sind fünf? Warum nicht?
