Unser Kolumnist Marco Chiudinelli hat einen Coaching-Kurs während Roland Garros absolviert. Inspirationen für das eigene Training hat er jetzt jede Menge.

Erschienen in der Smash-Ausgabe 3/2026

Letzten Monat verbrachte ich während Roland Garros drei Tage in Paris als Teilnehmer eines Coaching-Kurses, der gemeinsam von der ATP und WTA speziell für ehemalige Profis organisiert und im Nationalen Leistungszentrum des Französischen Tennisverbands durchgeführt wurde.

Rückblickend stachen die Inputs des ehemaligen Weltranglistendritten und Coach von Roger Federer, Ivan Ljubicic, dem früheren Coach von Kim Clijsters, Carl Maes, sowie von Mike Barrell, seinerseits Spezialist für Kids Tennis, als Highlights heraus.

Ivan erzählte von der Zusammenarbeit mit Roger und davon, dass selbst die grössten Champions ständig nach Verbesserungen suchen. Interessant fand ich vor allem die Art und Weise, wie er seine damalige Rolle definierte. Er beschrieb den Trainer nicht als jemanden, der alle Antworten kennt, sondern als Sparringpartner im Entwicklungsprozess des Athleten. Gerade bei einem Spieler wie Roger sei es nie darum gegangen, ihm das Tennis neu zu erklären. Vielmehr ging es darum, neue Perspektiven aufzuzeigen, Fragen zu stellen und gemeinsam Lösungen zu finden.

Vertrauen und Kommunikation

Diese Sichtweise hat mir gefallen. Sie zeigt, dass erfolgreiches, modernes Coaching oft weniger mit Anweisungen und mehr mit Vertrauen und Kommunikation zu tun hat. Ein Trainer muss, laut Ivan, vor allem ein gutes Gespür dafür haben, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um sich einzubringen und wann er sich als Coach besser zurückhält. Zudem lege er grossen Wert darauf, seine Fragen immer so zu stellen, dass der Spieler jeweils das Gefühl bekomme, selbst die richtigen Antworten zu finden. Er nannte diese Taktik «im Kopf des Spielers einen Samen pflanzen», mit dem Ziel, diesen zum Denken anzuregen, so dass der Spieler nach einer Weile – dies konnte Tage oder Wochen dauern – selbst auf die entsprechende Lösung kam, die Ivan vorschwebte.

Mich hat die Aussage beeindruckt, dass er es sich zum Start einer neuen Zusammenarbeit immer zum Ziel setzte, sich möglichst innert ein paar Jahren aus dem Job zu coachen, sprich den Spieler so weit zu bringen, dass er als Coach schliesslich überflüssig wird.

Ebenso inspirierend waren die Beiträge von Carl Maes, der einerseits zahlreiche Erfahrungen aus seiner langjährigen Zusammenarbeit mit der ehemaligen Weltranglistenersten Kim Clijsters und seiner Zeit als belgischem Fed-Cup-Captain schilderte und uns andrerseits viel über sein Spezialgebiet «Biomechanik» und die Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Bewegungen und deren Auswirkung auf den jeweiligen Schlag erzählte.

Trainer benötigen grosses Mass an Flexibilität

So erfuhren wir, wie wichtig es ist, mit jeder Spielerin individuelle Wege zu finden. Was bei Kim funktionierte, konnte bei Justine Henin komplett wirkungslos oder gar kontraproduktiv sein. Um dies umsetzen zu können, benötigen Trainer eine hohe Sozialkompetenz sowie ein grosses Mass an Flexibilität.

Carl präsentierte uns auch Studien, die belegen, dass eine geschlossene Beinstellung bei der Vorhand gegenüber einer offenen Beinstellung eine um 20 Prozent höhere Ballbeschleunigung ermöglicht. Interessant dabei war, dass wir diese Thesen dann jeweils auch gleich unter Anwendung von Geschwindigkeitsmessern auf dem Platz selbst austesten konnten.

Einen weiteren Höhepunkt bildete der Beitrag von Mike Barrell, einem international anerkannten Spezialisten im Bereich Kids Tennis. Er zeigte auf, wie unterschiedlich Kinder je nach Alter lernen, welche Aspekte Trainer in den verschiedenen Entwicklungsstufen berücksichtigen sollten, und gab uns zahlreiche praktische Beispiele mit auf den Weg, um Bewegungserfahrungen und spielerisches Lernen in jungen Jahren zielgerecht zu fördern, ohne die Kinder dabei zu über- oder unterfordern.

Die ATP und WTA haben sich sichtbar Mühe gegeben, im Kurs ein grösstmögliches Spektrum des Coachings abzudecken. Vom Einstieg in den Tennissport über die technische und athletische Entwicklung aller Spielniveaus bis hin zum Coaching von Grand-Slam-Siegern wurde ein breites und gleichzeitig praxisnahes Bild vermittelt.

Für mich hat sich in Paris einmal mehr bestätigt, wie wertvoll der Austausch mit anderen Coaches ist. Ich freue mich darauf, in meinen anstehenden «MCamp Tennis Camps» einige der neuen Inspirationen von Ivan, Carl und Mike an die Teilnehmenden weitergeben zu dürfen.