Boris Becker lobt seinen Nachfolger Alexander Zverev als Weltranglistenersten und läutet damit eine neue Phase in einer durchaus ambivalenten Beziehung ein.
35 Jahre lang blieb Boris Becker ein einsamer Monarch an der Spitze des deutschen Herrentennis. Seit 1991 schaffte es kein Deutscher mehr auf den Tennisthron – bis jetzt.
Als rechnerisch feststand, dass Alexander Zverev als 30. Spieler der Geschichte die Nummer eins der Weltrangliste übernehmen wird, gehörte Boris Becker zu den Allerersten, die ihm öffentlich gratulierten: „Herzlichen Glückwunsch, Sascha!!!“ Es war die Vollendung einer langen, oft streitbaren Beziehung und die Krönung einer historischen Saison.
Zverev krönt seine Ausnahmesaison
Der Sprung auf Platz eins ist der Schlusspunkt eines absoluten Ausnahmejahres. Nach seinen Triumphen bei den French Open und den US Open sowie dem Einzug ins Wimbledon-Finale hat Zverev sich endgültig in den Tennis-Olymp gespielt. Zu den Grand Slam-Trophäen kommt nun die ultimative Belohnung für eine beispiellose Konstanz über die gesamte Saison.
Nach der verheerenden Knöchelverletzung von 2022 und dem zähen Weg zurück bewies Zverev eine Physis und mentale Härte, die ihn zum verdienten Maßstab der ATP-Tour machten. „Es ist eine fantastische Saison für mich, ich habe in Paris und New York gewonnen, und zu wissen, dass ich das Jahr an der Spitze der Rangliste beenden werde, ist einfach ein wahr gewordener Traum“, erklärt der 29-Jährige gegenüber der ATP.
Becker: vom Mentor zum Kritiker
Dass diese Fackelübergabe eine ganz besondere Note besitzt, liegt an der gemeinsamen Vorgeschichte der beiden. Als Becker ab 2017 die Rolle als „Head of Men’s Tennis“ beim Deutschen Tennis Bund (DTB) übernahm, arbeiteten beide Seite an Seite. Becker saß im Davis Cup und bei Turnieren direkt in Zverevs Box, beriet das Ausnahmetalent auf Augenhöhe und fungierte als Mentor und Türöffner für die großen Bühnen.
Die Dynamik kippte jedoch merklich, als Becker den Verband verließ und ans TV-Expertenmikrofon wechselte. Plötzlich war der einstige Wegbegleiter einer derjenigen, die Zverev auch öffentlich krtisierten. Vor Millionen Zuschauern schonte er seinen einstigen Schützling nicht, monierte Zverevs zuweilen passives Spiel in entscheidenden Grand-Slam-Phasen und forderte vehement Veränderungen: „Er muss aktiver werden. Man gewinnt keinen Grand Slam, indem man an der Grundlinie steht und hofft, dass der Gegner den Fehler macht.“
„Wir sind wie ein altes Ehepaar!“
Zverev, der sein enges Familien-Team um Vater Alexander senior stets verteidigte, reagierte auf die Ratschläge aus den TV-Studios oft gereizt. Die Reibung war programmiert und doch brachte Zverev die Ambivalenz später versöhnlich auf den Punkt: „Wir haben ein sehr gutes Verhältnis. Manchmal sind wir wie ein altes Ehepaar: Wir streiten uns, aber am Ende haben wir uns lieb.“
Wie groß der gegenseitige Respekt trotz aller Dissonanzen geblieben ist, zeigte Becker nun im gemeinsamen Podcast mit Andrea Petkovic. Anstatt Raum für Zweifel zu lassen, stellte sich die Tennislegende unmissverständlich hinter seinen Nachfolger: „Er wird zurecht und hochverdient die neue Nummer eins der Welt. Nummer eins wird man nicht zufällig. Er hat es sich im wahrsten Sinne des Wortes erarbeitet. Er hat über den Kampf zum Spiel gefunden.“
Zverev schließt historische Lücke
Becker gelang es in seiner großen Karriere nie, eine Saison als Weltranglistenerster zu beenden. Zverev schließt diese historische Lücke nun als erster Deutscher überhaupt.
Für den deutschen Tennissport endet damit ein dreieinhalb Jahrzehnte währender Schatten, der seit Beckers Ära über jeder nachfolgenden Generation lag. Zverev hat dieses Ziel auf seine eigene Art erreicht , mit der Familie im Rücken und dem Willen, allen Kritikern zu trotzen. Becker bleibt der ewige Pionier, doch die Fackel brennt nun endgültig in den Händen der neuen deutschen Nummer eins.
