Vor 18 Monaten war Flavio Cobolli ein unbeschriebenes Blatt auf der ATP-Tour. Inzwischen gehört der Italiener zur absoluten Weltspitze. Im Interview spricht der 24-Jährige über seinen Reifeprozess und seine Leidenschaft für Tattoos und den AS Rom.
Erschienen in der tennis MAGAZIN-Ausgabe 8/2026
Sonntagabend am Hamburger Rothenbaum. Flavio Cobolli absolviert seinen Media Day. Er nimmt lustige Videoeinspieler für das Turnier sowie die ATP auf. Anschließend folgt die Kür: ein Gespräch mit tennis MAGAZIN. Zwei Tage später nach unserem Interview fliegt er als Titelverteidiger in Hamburg in der ersten Runde gegen den späteren Champion Ignacio Buse raus. Drei Wochen später folgt der Finaleinzug bei den French Open, er steht erstmals in den Top 10 und erreicht anschließend das Wimbledon-Viertelfinale. Cobolli gehört nun endgültig zur
Weltspitze.
Herr Cobolli, die letzten anderthalb Jahre waren für Sie eine Achterbahnfahrt mit einigen Tiefschlägen, aber auch vielen Höhepunkten. Gab es einen entscheidenden Moment, bei dem Ihnen klar wurde: „Ich gehöre jetzt wirklich zu den Besten der Welt“?
Die Saison hat letztes Jahr nicht gut angefangen, aber am Ende habe ich einen Weg gefunden, das zu ändern. Es kamen einige Erfolge und ich habe den ersten Titel in Bukarest gewonnen, dann hier in Hamburg und anschließend den Davis Cup. Ich habe vor allem auf dem Platz und auch außerhalb viele Dinge geändert. Konkret habe ich meine Ernährung umgestellt, meine Schlafzeiten angepasst und viele andere Dinge verändert, die mir vielleicht geholfen haben, bessere Ergebnisse zu erzielen. Darüber bin ich sehr glücklich. Vielleicht fiel es nach meinem Titel in Bukarest leichter, viele Dinge zu ändern. Nach meinem Hamburg-Triumph wurde mir wirklich klar, dass ich ein echter Profi bin und dieses Leben wirklich leben möchte. Ich möchte jede Woche ein besserer Tennisspieler werden. Ich habe nun einen Weg gefunden, Lösungen zu finden, wenn ich traurig bin oder mich in einer schwierigen Phase befinde. Ich habe jetzt vieles über das Leben als Tennisspieler verstanden.
Sie haben den Davis Cup erwähnt. Letztes Jahr waren Sie der Held. Im Halbfinale gegen Belgien gewannen Sie ein unglaubliches Match gegen Zizou Bergs nach Abwehr von sieben Matchbällen. War das bislang der emotionalste Moment Ihrer Karriere?
Ich finde nicht, dass ich der Held war. Ich war einer von vielen, die mit viel Unterstützung vom Team – vor allem von der Bank aus – für ihr Land gekämpft haben. Mit Matteo Berrettini, Lorenzo Musetti und den Doppelspielern, die wir nicht brauchten oder einsetzten. Wenn man für sein Land kämpft, ist jeder ein Held. Aber „Held“ ist ein sehr starkes Wort – und das bin ich nicht.
Sie waren ein talentierter Fußballspieler und spielten in der Jugendmannschaft vom AS Rom. Gibt es eine Denkweise aus dem Fußball, die Sie auf den Tennisplatz mitnehmen konnten?
Ja, viele Dinge. Vor allem einen Weg zu finden, mit dem Druck gut umzugehen. Ich mag den Druck wirklich, weil ich auf dem Fußballplatz gute Zeiten erlebt habe. Ich habe schon seit meiner Jugend mit dem Druck gekämpft. Das ist das Wichtigste, was mir in meiner Tenniskarriere geholfen hat.
Mit welchen Fußballprofis haben Sie damals zusammengespielt?
Ich war mit vielen Spielern im selben Team, die mittlerweile in der ersten italienischen Liga spielen, wie zum Beispiel Riccardo Calafiori, Edoardo Bove, Nicola Zalewski und Matteo Cancellieri. Ich verstehe mich sehr gut mit ihnen.
Welche Position haben Sie gespielt?
Rechtsverteidiger.
Also so wie Joshua Kimmich in der deutschen Nationalmannschaft.
Bloß, dass Kimmich ein deutlich besserer Spieler ist. Ich mag ihn sehr, ich war allerdings etwas schneller als Kimmich – so wie der Brasilianer Wesley, der derzeit beim AS Rom spielt.
Zudem sind Sie leidenschaftlicher Fan vom AS Rom. Den letzten Meistertitel der „Lupi“ gab es vor Ihrer Geburt, im Jahr 2002. Seitdem gab es neun Vizemeisterschaften. Sie müssen sehr leidensfähig sein.
Wir haben 2002 immerhin die Conference League gewonnen. Fan vom AS Rom zu sein, lässt sich gar nicht beschreiben. Wir sind immer dabei, auch wenn das Ergebnis nicht stimmt. Wir feuern bei jedem Spiel an. Das Stadion ist immer voll. Ich glaube, wir sind die besten Fans in Italien, in Europa und für manche vielleicht sogar weltweit. Mein Vater hat mir immer gesagt: „Feiere nicht den Spieler. Feiere nicht das Ergebnis. Feiere dein Trikot. Feiere AS Roma.“ Und genau das tue ich jeden Sonntag, bei jedem Spiel. Das Ergebnis ist nicht alles. Es ist nicht das Wichtigste. Wenn man diese Leidenschaft hat, findet man immer einen Weg, seine Mannschaft anzufeuern.
Ihr Vater Stefano ist Ihr Trainer und war ebenfalls Profi, die Nummer 236 der Welt. War es für Sie ein besonderer Moment, als Sie ihn in der ATP-Weltrangliste überholt haben?
Ich habe eine Instagram-Story gepostet, in der ihn erwähnt habe, dass ich ihn übertroffen habe. Wir haben zusammen darüber gelacht.
Ihr Vater trainiert Sie erst, seitdem Sie 17 Jahre alt sind. Warum so spät?
Weil ich zunächst gleichzeitig Fußball und Tennis gespielt habe. Wir hatten beschlossen, zu Hause überhaupt nicht über Tennis zu sprechen. Er hat mir die Zeit gelassen, selbst zu entscheiden, wann ich bereit war, mit ihm anzufangen. Es war der richtige Zeitpunkt, als wir schließlich gemeinsam anfingen. Denn wir haben uns zuvor jeden Tag auf dem Platz gestritten. Ich glaube, ich brauchte Zeit, um zu erkennen, wer wir sind und wie wir gemeinsam als Team sein sollten. Deshalb habe ich mich erst spät entschieden, weil ich Zeit brauchte, um einen Weg zu finden, wie er mir als Trainer hilft.
Sie haben den Davis Cup mit Italien sowie einige ATP-Titel gewonnen, dazu herausragende Resultate bei den Grand Slam-Turnieren erzielt. Vor 20 Jahren wären Sie der ultimative Star in Italien gewesen. Aber nun gibt es auch Jannik Sinner und Lorenzo Musetti im italienischen Tennis. Wie schauen die Italiener auf Ihre Leistungen?
Vielleicht ist das etwas, was in Italien nicht so gut läuft. Denn jetzt sind wir ziemlich verwöhnt. Wenn man jede Woche etwas gewinnt, scheint alles, was man geleistet hat, nichts Besonderes mehr zu sein. Die Leute in Italien denken sich: „Klar, das ist gut, aber wir haben es nun schon oft erlebt. Wir Italiener sind die Nummer eins.“ Jedes Ergebnis, das man erzielt, ist nicht mehr das Beste. Es reicht ihnen nicht, weil es mittlerweile ganz normal ist. Für mich und andere Italiener ist es aber nun auch einfacher zu spielen, weil wir weniger Druck haben. Viele Leute reden über uns, aber niemand setzt uns unter Druck. Den hat Jannik. Wir müssen ihm dafür danken, was er jede Woche leistet. Für uns, für das italienische Tennis und für unser Land.
Was ist typisch Italienisch an Ihnen?
Ich bin ein Kämpfer, auf dem Platz und auch außerhalb. Ich denke, dass jeder Italiener diese Eigenschaft in seinem Spiel hat. Das ist das Typischste, was man an einem Italiener beobachten kann.
Sie sind ein riesengroßer Tattoo-Fan. Wie viele Tattoos haben Sie?
Fast 50.
Was war Ihr erstes Tattoo?
Das habe ich auf meiner Brust stehen. Es ist eine Hommage an mein Idol den Fußballspieler Daniele De Rossi. Er hatte diesen Satz einst auf seiner Kapitänsbinde stehen: „sei tu l‘unica mia sposa, sei tu l‘unico mio amor“ (sie sind meine einzige Braut, sie sind meine einzige Liebe).
Ist dies Ihr Lieblingstattoo?
Nein, mein Lieblingstattoo ist die Davis Cup-Trophäe, die auf meinem rechten Knöchel verewigt ist.
Sie haben sich auch ein Tattoo stechen lassen, das den Superhelden Hulk zeigt.
Der Hulk ist auf meinem rechten Bein zu sehen. Als ich mein Shirt nach meinem Sieg im Davis Cup gegen Zizou Bergs nach Abwehr von sieben Matchbällen zerrissen habe, nannte mich plötzlich jeder Hulk. Ich habe mich damals auf dem Platz auch wie Hulk gefühlt, also muss ich jetzt so sein wie er.
Sie haben einmal gesagt: „Ich möchte, dass die Leute meinen Namen kennen, wenn ich mit dem Spielen aufhöre.“ Wenn Sie jetzt sofort aufhören würden, glauben Sie, dass sich die Leute an Ihren Namen erinnern werden?
In Italien schon, glaube ich. Vor 30 Jahren hätte ich das ganz sicher bejaht. Heute vielleicht weniger als früher. Ich schätze schon, aber ich bin mir nicht sicher. Ich werde versuchen, jede Woche, jeden Tag mein Bestes zu geben, damit es klappt.
