Dylan Dietrich ist derzeit der beste aller US-College-Tennisspieler. Das hat vor ihm noch nie ein Schweizer von sich behaupten können. Ein Interview mit dem 21-jährigen Zürcher über dessen Erfolg, Status und Karriereaussichten.
Im Mai entschied das Team der University of Virginia den nationalen College-Final (NCAA Division I) gegen Texas mit 4:3 Siegen für sich. Im alles entscheidenden Match traf Dylan Dietrich auf den Amerikaner Sebastian Gorzny. Der Zürcher verlor den ersten Satz noch knapp im Tiebreak, drehte dann aber die Partie und sicherte seinem Team damit den Titel. Beeindruckend: Dietrich blieb während der gesamten Endrunde ungeschlagen und wurde zum Spieler des Jahres gewählt.
Dylan, wie blickst du heute auf den Moment zurück, als du deinem Team im Final gegen Texas den vierten Punkt und damit die Meisterschaft klargemacht hast?
Einfach unglaublich. Das ist ein Moment, den ich nie vergessen werde. Man hätte sich das nicht besser ausmalen können, so viele Emotionen, so viel Freude. Selbst heute muss ich noch lächeln, wenn ich daran denke. Ich hatte während der ganzen Partie ein gutes Gefühl, ausser als ich im dritten Satz mit 1:3 zurücklag, da dachte ich kurz, das Spiel könnte mir entgleiten. In diesem Moment wurde ich sehr emotional. Ich habe mir dann gesagt, dass ich mich nur auf das konzentrieren soll, was ich kontrollieren kann. Und als ich das Rebreak geschafft hatte, war der Druck wieder weg und ich konnte befreit spielen. Die paar Minuten davor waren brutal, aber genau deshalb hat sich der Sieg am Ende umso schöner angefühlt.
Was ging danach noch alles ab?
Zuerst stand für mich die Pressekonferenz auf dem Programm, danach ging die Party direkt auf dem Parkplatz der Anlage auch schon los. Nebst den ganzen Fans waren auch viele Eltern und ehemalige Absolventen der University of Virginia mit dabei. Das Coolste kam aber später: Wir gingen kurz nach Hause zum Duschen und trafen uns danach im Hotel unserer Eltern. Sie hatten dort ein grosses Essen organisiert. Wir haben gefeiert, Reden gehalten und darüber gesprochen, wie viel uns dieser Titel bedeutet. Das war ein sehr besonderer Abend.
In der Schweiz können wir nur schwer einschätzen, wie wichtig der College-Sport in den USA ist. Wie würdest du selbst den Stellenwert dieses Erfolges einordnen?
College-Champion zu sein, ist in den USA etwas unglaublich Grosses. Im Herbst bekommen wir beispielsweise alle einen Meisterschaftsring, um diesen Erfolg für immer festzuhalten. Später werden wir dann sogar ins Weisse Haus eingeladen, um den Präsidenten zu treffen. Allein das zeigt, welchen Stellenwert dieser Titel hat. Er gehört zu den grössten Erfolgen, die man im amerikanischen Sport erreichen kann.
Du hast nicht «nur» mit deinem Team die nationale Meisterschaft gewonnen, du wurdest auch zum Spieler des Jahres gewählt und führst das nationale Ranking aller College-Spieler an. Bist du jetzt ein Star an deiner Uni, dem die Leute zujubeln?
Ein Superstar bin ich deshalb nicht. In den USA stehen Football, Basketball und Baseball klar im Vordergrund. Dort sind die grossen Stars zuhause. Aber die Leute, die Tennis verfolgen, wissen das natürlich sehr zu schätzen. Auf der Anlage oder im Tennisumfeld bekomme ich viele Gratulationen. Auch gegenüber Sponsoren, speziell in den USA, haben meine Erfolge einen hohen Stellenwert. Daher würde ich schon sagen, dass ich mir einen gewissen Status erarbeiten konnte.
Vor dir hatten schon Spieler das College-Ranking angeführt, die kurz darauf auf der ATP-Tour durchstarteten. Ein aktuelles Beispiel ist Ben Shelton, der heute die Nummer 5 der Welt ist. Darf man dir nun Ähnliches zutrauen?
Natürlich ist es ein langer Weg und man weiss nie, was passiert. Aber wenn man sieht, wie erfolgreich ehemalige College-Spieler heute auf der ATP-Tour sind, gibt das sehr viel Motivation und Glauben daran, dass dieser Weg funktionieren kann. Rafael Jodar etwa war letztes Jahr noch mein Teamkollege in Virginia, hat dann als Profi auf die Tour gewechselt und ist heute bereits die Nummer 29 der Weltrangliste. Diese Beispiele zeigen, dass sich die Arbeit auszahlen kann. Sie motivieren mich jeden Tag, im Training und im Fitnessbereich alles zu investieren.
Wie beurteilst du deine Entwicklung, seit du dich vor drei Jahren dafür entschieden hast, in die USA zu gehen?
Der wichtigste Schritt war für mich das Erwachsenwerden. Es war das erste Mal, dass ich nicht mehr zuhause gelebt habe. Dadurch wird man automatisch selbstständiger. Mental habe ich die grössten Fortschritte gemacht. Mir wurde bewusst, wie sehr ich diesen Weg wirklich gehen möchte. Ich habe gelernt, Punkt für Punkt zu spielen, mich nicht von Rückschlägen aus der Ruhe bringen zu lassen und auch an schwierigen Tagen weiterzuarbeiten. Natürlich habe ich mich auch spielerisch verbessert, aber der mentale Fortschritt war entscheidend.
Der Gang ans College wird in der Schweiz oft als eine Art Umweg angesehen, für talentierte Spieler, die den Sprung zu den Profis nicht direkt schaffen. Wie siehst du das?
Immer mehr starke europäische Spieler kommen in die USA und das Niveau entwickelt sich ständig weiter. Für mich ist College-Tennis ein hervorragender Weg, sich sowohl sportlich als auch persönlich weiterzuentwickeln. Man kann gleichzeitig auf hohem Niveau Tennis spielen, ein Diplom erwerben und ein soziales Umfeld aufbauen. Wir hatten in Charlottesville ein Haus gemietet und haben dort als Team zusammengelebt. Das sind Erfahrungen fürs Leben. Diese Teamkollegen werden wahrscheinlich zu meinen engsten Freunden gehören, auch noch lange nach dem College. Und das Schöne ist: Man kann es ausprobieren. Wenn es einem nicht gefällt, kann man jederzeit zurückkehren. Der umgekehrte Weg – zuerst Profi und dann College – ist deutlich schwieriger. Dazu kommt, dass immer mehr Geld in den College-Sport fliesst. Für manche Spieler ist das bereits heute eine sehr gute Grundlage für eine spätere Profikarriere.
Wie geht es nun weiter bei dir?
Diesen Sommer möchte ich möglichst viele ITF-Turniere spielen und das Momentum mitnehmen. Darüber hinaus bestreite ich die Interclub-NLA-Meisterschaft mit dem TC Seeblick. Dank meiner Erfolge am College bekomme ich bis Ende Jahr zudem sechs Wildcards fürs Hauptfeld von Challenger-Turnieren in den USA. Das ist eine tolle Möglichkeit, um mein Ranking zu verbessern und mich mental auf das Leben als Profi vorzubereiten. Im August gehe ich noch einmal zurück ans College. Dort werde ich mein letztes Studienjahr absolvieren und meinen Abschluss in Data Science und Mathematik machen. Damit verbunden bestreite ich meine letzte College-Saison, ehe dann endgültig der Übergang zu den Profis erfolgt.
