Djokovic-Doku: Der Star ist nicht der „Djoker“

Die Dokumentation „Novak Djokovic: Der Wolf im Winter“ auf Amazon Prime liefert nur teilweise spannende Einsichten in das Leben des erfolgreichsten Tennisspielers der Geschichte.

Wer sich auf Amazon Prime die Dokumentation „Novak Djokovic: Der Wolf im Winter“ anschaut und nicht allzu viel über den Werdegang des „Djokers“ weiß, der wird viel Freude haben an der 92-minütigen Reise durch die Karriere des erfolgreichsten Tennisspielers der Geschichte.

Wer die Karriere von Djokovic in den letzten 20 Jahren genau verfolgt hat, wird nur wenig Neues erfahren. Die Flucht vor dem Bomben der NATO-Luftangriffe auf Belgrad, der riesige Einfluss seiner erste Trainerin Jelena Gencic, seine Zeit an die Akademie von Niki Pilic in München, seine Imitationen von Spielerkollegen zu Beginn sowie seine körperlichen Probleme zu Beginn seiner Karriere. All das ist hinlänglich bekannt und wurde in den zahlreichen Matches von Djokovic immer wieder thematisiert.

Djokovic und das dunkelste Kapitel seiner Karriere

Die Dokumentation „Der Wolf im Winter“ fliegt im schnellen Zeitraffer durch die gesamte Karriere von Djokovic und fokussiert sich auf sein nahendes Karriereende. Interessant ist vor allem der Rückblick auf sein dunkelstes Kapitel seiner Karriere: die Ausweisung aus Australien während der Corona-Pandemie im Jahr 2022.

„Ich spüre immer noch eine gewisse Bitterkeit, weil viele das Ganze bis heute nicht verstehen. 99 Prozent der Leute wissen nicht, was damals passiert ist“, sagt er. Der Serbe versucht aufzuklären, wie es zu dem gesamten Schlamassel gekommen ist.

„Sie glauben, ich wurde aus Australien ausgewiesen, weil ich nicht geimpft war. Aber das stimmt nicht. Ich war nicht geimpft, hatte aber in den sechs Monaten zuvor zweimal Corona und war somit berechtigt. Ich erhielt eine Ausnahmegenehmigung“, erzählt er. Was folgte, war ein tagelanger Politik-Zoff in Australien, der das ganze Land in Aufruhr versetzte. Mit der Folge, dass Djokovic am Tag vor Beginn der Australian Open aus Australien abgeschoben wurde. Die Narben dieser Episode sind immer noch spürbar beim „Djoker“, wie man in der Dokumentation anhand seiner emotionalen Worte gut sehen kann.

Djokovic erzählt, dass er sich das gesamte Drama wohl erspart hätte, wenn er vor der Abreise in einem Social-Media-Posting nicht herausposaunt hätte, dass er mit einer Ausnahmeregelung nach Australien reisen werde. Seine Frau Jelena warnte ihn explizit davor, diesen Satz nicht zu schreiben. „Hör lieber auf den Instinkt seiner Frau“, sagt Djokovic über seinen Fehler.

„Er wollte unbedingt öffentlich sagen, dass er nicht geimpft war. Ich war schlicht dagegen. Ich sagte: ‚Es ist deine Entscheidung. Aber mach kein großes Thema daraus. Nicht jeder sieht das so wie du.‘ Doch kaum war der Beitrag auf Instagram, brach die Hölle los“, schilderte Jelena Djokovic.

Jelena Djokovic: Der heimliche Star der Dokumentation

Ohnehin ist seine Frau Jelena der heimliche Star der Dokumentation. Sie hebt die menschliche Seite des Tennis-Roboters hervor, vor allem im Umgang mit seinen beiden Kindern, Stefan und Tara. „Die Wut kommt von verdrängten Gefühlen, die er unter den Teppich kehren musste. Er ist ein verspielter Junge, der tun will, was er liebt und was er gut kann, aber ich glaube, dass die meisten Kinder seiner Generation kaum Zeit zum Spielen hatten. Tennis ist ein sicherer Hafen. Darin findet er Liebe“, sagt sie über ihren Mann.

Die Dokumentation gibt ein paar private Einblicke in das Familienleben der Djokovics, zum Beispiel beim Tennistraining mit Frau und Kindern. „Wenn er verliert, stellt er seine gesamte Identität infrage. Dann zieht er sich zurück. Nach dem Motto: ‚Lasst mich in Ruhe. Tür zu.‘ Aber Tara lässt nicht zu, dass er sich so abkapselt. Er liebt sie so sehr, dass sie einen ganz besonderen Zugang zu ihm hat. Sie bringt ihn wieder zu uns zurück. Papas Mädchen. Durch unsere Kinder erlebt er die Kindheit, der er selbst nie hatte“, sagt Jelena Djokovic.

Andre Agassi über Djokovic: „Er meisterte seinen Job nur mit Angst oder Wut”

Mehrwert bieten auch die Aussagen von Andre Agassi, der Djokovic für kurze Zeit trainierte. „Als ich ihn trainierte, konnte ich ergründen, wie er tickt. Er will freundlich sein. Er will einfühlsam sein. Er will offen sein. Er will empfangen können. Aber er gewinnt nicht, wenn er sich verletzlich mach. Ich war überrascht, wie düster er darauf sein musste, um Bestleistungen zu zeigen. Er meisterte seinen Job nur mit Angst oder Wut. Denn bei Liebe oder Anerkennung verlor er seinen Biss“, sagt Agassi.

Zum bevorstehenden Karriereende greift Agassi auf seine eigenen Erfahrungswerte zurück. „Ich weiß nicht, wann für Novak Schluss sein wird. Aber eines kann ich sagen: Das Ende kommt immer schnell“, sagt er. Das Karriereende von Djokovic wird kommen. Die große Frage ist: wie. „Ich möchte nicht diejenige sein, die ihm sagt, wie“, meint Jelena Djokovic.