In Wimbledon schlug Jan-Lennard Struff 45 Asse in einem Match. Alexander Waske fühlte sich in vergangene Zeiten versetzt und sagt, was beim Aufschlag wichtig ist.

Als ich in Wimbledon Struffis Match verfolgte, war ich baff: Er feuerte 45 Asse auf Court 12 raus und pulverisierte damit meinen deutschen Wimbledon‑Rekord. 2006 hatte ich in der ersten Runde gegen Stefano Galvani 44 Asse geschafft – wovon ich erst später aus dem Matchbericht erfuhr. Diese Partie endete damals denkbar knapp: 14:16 im fünften Satz. Pech für mich, aber immerhin Rekord‑Atmosphäre.

Der wahre Aufschlag‑Guru ist allerdings Carsten Arriens, der als Coach Platz eins und zwei in dieser Kanonierswertung betreute. Mit 1,88 Meter gehöre ich heute nicht mehr zu den Riesen der Tour, doch ein guter Aufschlag wurde mir quasi in die Wiege gelegt: schneller Arm, viel Kraft und jahrelanges Werfen. Werfen und Aufschlag – praktisch dieselbe Disziplin, nur teureres Material.

Vieles verdanke ich meinem Vater. Er verbot mir als Kind den ersten Aufschlag, bis ich ein komplettes Match ohne Doppelfehler servieren konnte. Bis ich 13 war, spielte ich immer mit Kick. Ein gerader erster Aufschlag ergibt bei kleinen Kindern wegen der Hebelwirkung wenig Sinn. Erst im College‑Tennis in den USA wurde der erste Aufschlag zur Waffe: Ballwurf, Routinen – alles wurde präziser.

An der San Diego State University lernte ich den „7 Drill“, den ich jedem ans Herz lege: eine Ecke im Aufschlagfeld aussuchen und genau diesen Punkt siebenmal hintereinander treffen – sonst geht’s von vorn los. Zwei Jahre habe ich gebraucht, bis ich das geschafft hatte. Aufschlagtraining war für mich heilig: Nach zwei bis drei Stunden Schlag‑ und anderthalb Stunden Fitnesstraining nahm ich mir noch einen Korb Bälle und servierte eine Stunde extra. Ich verkleinerte die Zielfelder, variierte die Ziele — irgendwann schaffte ich den „7 Drill“ in alle Ecken in einer Stunde. Vertrauen gewinnt man nicht von alleine, man serviert es sich durch harte Arbeit.

Aufschlag: Die ganze Muskelkette muss mitspielen

Für mehr Power entwickelte ich ein eigenes Kraftprogramm mit Hantel, Kabelzug und Medizinball. Nach drei Jahren zeigte sich die Wirkung: Im Davis Cup‑Halbfinale 2007 in Moskau wurde mein schnellster Aufschlag mit 245 km/h gemessen. Für diesen Punch muss die ganze Muskelkette mitspielen – am Ende Trizeps und ein schnelles Handgelenk. Aber Geschwindigkeit allein reicht nicht: Gibst du dem Gegner einen Rhythmus, hast du verloren. Schnitt, Tempowechsel und ein variabler Ballwurf halten den Gegner ratlos. Struffi beherrscht das meisterhaft und treibt damit so manchen in den Wahnsinn.

Eine Anekdote zum Schluss: Jürgen Melzer, den ich kurz coachte, entschärfte regelmäßig den Aufschlag des 2,08‑Meter‑Riesen John Isner. Warum? Isner neigte dazu, vor dem Aufschlag schon in die Ecke zu blicken, in die er servieren wollte — danach sah er zwar neutral aus, aber die Absicht war verraten. Melzer war ein exzellenter Returner; selbst 230 km/h nützten Isner wenig, wenn Melzer die Ecke kannte.

Manchmal verrät der Ballwurf die Ecke, aber die ganz großen Aufschläger lernen, das zu verbergen. Und die Champions wissen, wie man Aufschläge liest. Roger Federer sagte mir einmal, er vertraue weniger den Zahlen als seinem Instinkt – er spüre, wohin der Gegner servieren würde.