Carlos Alcaraz spielte im April zuletzt auf der Tour, eine Verletzung am Handgelenk stoppte ihn. Nun gibt der Spanier bei den US Open sein Comeback – was für ein Glück.

Wer am Donnerstagabend die Live-Übertragung des Groß-Turniers von Cincinnati bei Sky verfolgt hat, erfuhr von Experte Philipp Kohlschreiber kurz vor dem Start des Viertelfinales zwischen Tommy Paul und Flavio Cobolli, warum er sich ein Comeback von Carlos Alcaraz bei den US Open nicht vorstellen könne. Er lieferte durchaus plausible Gründe. Etwa, dass ein Comeback nach mehr als vier Monaten Pause bei einem Grand Slam-Turnier gewisse Gefahren in sich berge – allein schon deshalb, weil es in jedem Match um drei Gewinnsätze geht. Es ist die größtmögliche Belastung auf der Tour. Damit gleich nach einer komplizierten Handgelenksverletzung quasi aus der kalten Hose heraus, also ohne Vorbereitungsturnier, zu starten, hielt „Kohli“ für nicht besonders klug.

Was er zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Kurz vor seiner Live-Einschätzung hatte Alcaraz in einem gemeinsamen Social-Media-Post mit dem Fußball-Transferexperten Fabrizio Romano erklärt, dass er bei den US Open zurückkehren werde. Er übernahm dabei Romanos berühmten Spruch „Here we go“. Im Laufe der Sky-Übertragung drang diese News natürlich auch zu Kohlschreiber durch, der die Sache gewohnt sportlich nahm und gleich hinzufügte: „Für das Herrentennis ist das natürlich super!“

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Damit umriss Kohlschreiber – wenn auch unfreiwillig – den Spannungsbogen, in dem sich Carlos Alcaraz bewegt. Denn natürlich ist der Schritt gewagt, nach so langer Pause ein Comeback gleich bei einem Grand Slam-Turnier zu geben. Aber andererseits ist es eine gute Nachricht, dass Alcaraz zurückkehrt.

Die Tour plätscherte zuletzt so dahin

Seien wir ehrlich: In den letzten Wochen plätscherte das Tour-Geschehen in Nordamerika so vor sich hin, was zum Teil an den ewig langen 1000er-Masters-Turnieren liegt, die sich wie Kaugummi ziehen. Gleichzeitig aber merkte man: Ohne Alcaraz und Sinner, der seit Wimbledon wegen Knieproblemen nicht mehr gespielt hat, fehlen der Tour einfach die Superstars. Wenn dann auch noch Novak Djokovic und Alexander Zverev nicht abliefern, stellt sich eine gewisse Gleichgültigkeit ein.

Insofern ist das Comeback von Alcaraz ein Geschenk für das Herrentennis. Er hat inzwischen so viel Tennis verpasst, dass man wohl davon ausgehen kann, bei seiner Rückkehr nicht überstürzt zu handeln. Alcaraz plagte sich mit einer Tendosynovitis, einer Entzündung der Sehnenscheide, bei der sich Flüssigkeit in der Hülle ansammelt, die eine wichtige Sehne im Handgelenk schützt. Die Verletzung hat den Spanier in diesem Jahr bereits zwei Grand Slam-Turniere gekostet.

Alcaraz und sein Team gingen bei der Behandlung der Verletzung, die Tennisspieler besonders fürchten, bewusst vorsichtig vor. Bereits einen Monat vor Beginn von Roland Garros hatte Alcaraz seine Teilnahme in Paris abgesagt, seinen Start in Wimbledon cancelte er knapp sechs Wochen vor Turnierstart. Sein jüngster Rückzug, aus Cincinnati, erfolgte deutlich kurzfristiger – ein Zeichen dafür, dass sich sein Comeback langsam abzeichnete. In New York ist nun endlich so weit, zum Glück. „Tennis braucht Carlos“, hatte Jannik Sinner in Wimbledon noch gesagt – und lag damit völlig richtig.

Carlos Alcaraz bringt ein Tennis-Stadion zum Leuchten

Es geht dabei nicht nur ums Sportliche. Sicher, wenn jemand dazu in der Lage ist, sozusagen aus dem Stand heraus ein Grand Slam-Turnier zu gewinnen, dann ist es Titelverteidiger Carlos Alcaraz. Denn eins ist klar: Nach einer so langen Zwangspause wird Alcaraz einfach extrem viel Lust auf Turniertennis haben. Und er wenn er vor Spielfreude nur so sprudelt, dann ist Alcaraz am gefährlichsten.

Gleichzeitig bringt der 23-Jährige aber auch eine gewisse Leichtigkeit auf die zuletzt eher schwerfällig wirkende Tour zurück. Es gibt kaum andere Spieler, die ein Tennisstadion allein mit ihrer Persönlichkeit so zum Leuchten bringen wie Carlos Alcaraz. Sein zauberhaftes Lächeln, seine atemberaubende Athletik, sein dynamischer Allcourt-Spielstil und seine improvisierten Zauberschläge bilden eine Mischung, die dem Tennis einfach gefehlt hat.

Andererseits darf man nicht zu viel von ihm erwarten. Man kann es nicht oft genug betonen: Handgelenksverletzungen im Tennis sind einfach speziell; es ist eine störungsanfällige Stelle im Körper eines Tennisprofis, weil das Handgelenk bei wirklich jedem Schlag die volle Belastung abbekommt. Da gibt es keine Schonhaltung, keine Hoffnung darauf, dass man die Impacts der Schläge irgendwie anders abfedern könnte.

Für Alcaraz kommt hinzu: Er lebt von seinen schnellen Händen und seinem sensationellen Ballgefühl. Es wird zu Anfang seines Comebacks also stets die Frage aufpoppen: Wie wird sein Handgelenk reagieren? Kann er so frei durchschwingen, dass er seine seit vier Monaten aufgestaute Spiellaune vollends herauslassen kann?

Doch noch ein Start im Mixed?

Möglicherweise wird Alcaraz aber doch noch vor dem Start der US Open-Einzelkonkurrenz einen kleinen Testlauf einschieben. Kommende Woche findet in New York nämlich der Mixed-Wettbewerb statt. Drei Wildcards sind vom US-Verband USTA noch nicht vergeben. Die spanische Sport-Tageszeitung Marca schrieb Anfang dieser Woche, dass die USTA angeblich einen Startplatz für Alcaraz bereithalten würde.

Die Frage ist, mit wem er dann auflaufen könnte. Emma Raducanu, seine Partnerin im letzten Jahr, fällt verletzt aus. Super-Star Serena Williams hat noch keinen Partner und soll dem Vernehmen nach gewillt sein, im Mixed anzutreten. Carlos Alcaraz und Serena Williams gemeinsam im Mixed zu sehen, wäre jedenfalls ein Sensationsauftakt für das letzte Grand Slam-Turnier des Jahres.

Wirklich ernst wird es dann am 27. August, wenn die Auslosung der Einzel-Konkurrenzen terminiert ist. Sollten Sinner und Alcaraz tatsächlich antreten, wären sie an eins und drei gesetzt; Alexander Zverev würde Position zwei der Setzliste einnehmen. Bedeutet: Alcaraz könnte im Halbfinale entweder auf Sinner oder Zverev treffen. Aber bis dahin ist es noch ein sehr langer Weg.