Ägypten ist keine Tennisnation, aber in dem Wüstenstaat steigen die Mitgliederzahlen und die Möglichkeiten, vor der Haustür erste Weltranglistenpunkte zu holen.

Lange stand Ägyptens Racketsport-Szene komplett im Schatten der weltbeherrschenden Squash-Profis. Doch zwischen den Pyramiden, den traditionsreichen Klubs von Kairo und den Resorts am Roten Meer formiert sich eine dynamische Tennis-Bewegung. Getragen von Ikonen wie Mayar Sherif und Pionieren wie Mohamed Safwat wächst eine neue Generation heran. Ein Blick auf einen Sport im Wandel. Von der nostalgischen Sandplatz-Ästhetik vergangener Tage bis zur modernen Wüsten-Akademie.

Wer in Kairo nach sportlicher Ekstase sucht, landet meistens beim Fußball oder im Squash-Court. In der gläsernen Box dominiert Ägypten die Weltspitze fast nach Belieben. Doch wer in den vergangenen Jahren genauer hinsah, bemerkte, wie der gelbe Filzball leise, aber stetig Boden gutmachte.

Die Zahlen des Tennis-Weltverbands „World Tennis“ sprechen eine deutliche Sprache: Zwischen 2019 und 2024 hat sich die Zahl der Aktiven von 4.800 auf rund 9.900 mehr als verdoppelt. Über drei Viertel davon (76 %) sind heute offiziell in der Verbandsdatenbank registriert. Bemerkenswert ist dabei vor allem der hohe Frauenanteil von 43,4 % unter den Spielenden – ein Spitzenwert in der Region.

Tennis in Ägypten: Pionier Ismail El Shafei

Dabei ist Tennis am Nil keineswegs eine Erfindung der Neuzeit. Doch die Art und Weise, wie man den Sport früher verstand und spielte, war eine völlig andere. Über Jahrzehnte hinweg war Tennis in Ägypten weniger ein gnadenloser Hochleistungssport als vielmehr ein britisches Kolonialerbe und das ultimative Statussymbol der urbanen Oberschicht. Gespielt wurde fast ausschließlich in traditionsreichen Institutionen wie dem 1882 gegründeten Gezira Sporting Club auf der Kairoer Nilinsel Zamalek: weißes Tuch, gediegene Clubhaus-Terrassen und roter Aschesand.

Auch spielerisch prägte eine andere DNA die damalige Zeit. Bis in die 1980er- und 90er-Jahre hinein war ägyptisches Tennis stark von Rhythmuswechseln, feinem Händchen, Stoppbällen und dem klassischen Serve-and-Volley geprägt. Die Spieler suchten reflexartig den Weg ans Netz. Eine direkte Auswirkung der Tatsache, dass viele Talente parallel im Squash aktiv waren und das dort geschulte Volleyspiel mit auf den Court brachten.

Die absolute Lichtgestalt jener Ära war Ismail El Shafei. In den 1970er-Jahren stieß er bis auf Weltranglistenplatz 34 vor, erreichte 1974 das Wimbledon-Viertelfinale und ging als einer von nur vier Spielern in die Geschichte ein, die Björn Borg jemals auf dem heiligen Rasen von SW19 bezwingen konnten. El Shafeis Spielweise, unkonventionell, aggressiv am Netz und voller Finesse, war der Maßstab. Nach seinem Rücktritt verlor das Land jedoch über Jahrzehnte den internationalen Anschluss an die zunehmend athletische, von brachialer Grundlinien-Power und Hartplätzen dominierte moderne Tour.

Mayar Sherif prägt Ägyptens Tennis der Neuzeit

Dass das ägyptische Tennis diesen Rückstand aufgeholt hat und heute kein Nischendasein mehr fristet, liegt vor allem an einer Frau: Mayar Sherif. Die 30-Jährige, die sich als erste Ägypterin überhaupt in die Top 100 spielte und zwischenzeitlich bis auf Rang 31 der WTA-Weltrangliste kletterte, brach mit dem alten Klischee des reinen Club-Prestigespiels. Mit physischer Härte, extremem Vorhand-Topspin und unbändigem Kampfgeist wurde sie im ganzen Land zum Vorbild für eine neue Generation. Ihre Erfolge auf der WTA-Tour (unter anderem der Titel in Parma) und packende Grand-Slam-Auftritte bewiesen, dass man es aus Kairo an die erweiterte Weltspitze schaffen kann.

Hinter Sherif etablieren sich nach und nach weitere Namen auf der internationalen Tour. Während bei den Damen junge Talente nachdrängen, kämpfen bei den Herren Profis wie Fares Zakaria, Karim-Mohamed Maamoun oder Amr Elsayed auf der ITF- und Challenger-Ebene um wertvolle Ranglistenpunkte.

Mohamed Safwat und die „Oase in der Wüste“

Den steinigen Weg dorthin kennt niemand besser als Mohamed Safwat. Der 36-Jährige war jahrelang das Aushängeschild des ägyptischen Herrentennis. Als erster Tennisspieler seines Landes qualifizierte er sich für die Olympischen Spiele (Tokio 2021), kletterte bis auf ATP-Rang 130 und stand 2018 bei den French Open plötzlich auf dem Court Philippe-Chatrier Grigor Dimitrov gegenüber.

Heute gilt Safwat als einer der wichtigsten Visionäre und Förderer des heimischen Tennis. Statt sich nach der aktiven Profikarriere zurückzuziehen, investiert er seine gesamte Energie in den Nachwuchs und das im wörtlichen Sinne. An der Soma Bay am Roten Meer stampfte er gemeinsam mit Investoren und Ex-Top-20-Profi Gilbert Schaller die „S-Tennis Academy“ aus dem Boden. Wo zuvor nur Geröll lag, entstand eine moderne Anlage mit zwölf Flutlicht-Hartplätzen, vier Sandplätzen und sogar drei Naturrasenplätzen.

„Vorher war hier nichts, nur Sand und Steine, Wüste eben. Wir haben eine blühende Tennis-Oase geschaffen“, erklärt Safwat im Gespräch. Bis zu acht Stunden steht er selbst täglich auf dem Platz, um afrikanischen Talenten das zu bieten, was ihm früher fehlte: eine professionelle Heimat. „Vielen Talenten fehlen eine klare Struktur und ein eindeutiger Weg. Wir wollten ein System schaffen, das Spieler in der gesamten Region unterstützt.“

Sand-Monopol und wachsende Trainerstäbe

An Plätzen mangelt es dem Land abseits moderner Leuchtturm-Akademien allerdings vielerorts. Nach offiziellen ITF-Erhebungen verfügt Ägypten über rund 1.200 Courts, die sich auf 80 Clubs verteilen. Trotz des internationalen Hartplatz-Trends bleibt Ägypten dabei eine klassische Asche-Nation. Ganze 90 % aller Plätze sind Sandplätze, nur 10 % sind mit Acrylbelägen (Hartplatz) ausgestattet. Immerhin: 83 % der Courts besitzen Flutlichtanlagen, was angesichts der sommerlichen Temperaturen unabdingbar ist. Parallel dazu wächst das Fundament an Übungsleitern. Die Zahl der lizenzierten Trainer stieg zuletzt auf 730 Coaches an.

Die überwiegende Mehrheit der Infrastruktur konzentriert sich jedoch nach wie vor auf Kairo, Alexandria und die Hotelanlagen an den Küsten. In kleineren Provinzstädten ist die Dichte dünn. Safwat selbst wuchs in Mansoura im Nildelta auf, wo es damals nur rund ein Dutzend Courts gab. Dass er es dennoch schaffte, lag an seinem Heimatverein, der ihn zwei Jahrzehnte lang wie ein Mäzen begleitete und förderte, was ein absoluter Glücksfall und kein Standard ist.

Heute profitiert das Land vor allem von einer enormen Dichte an internationalen Einstiegsturnieren. Ägypten richtet jährlich dutzende ITF-Events aus, vor allem in Touristenhochburgen wie Sharm El Sheikh oder Kairo. Ein unschätzbarer Standortvorteil, da heimische Nachwuchskräfte wichtige Punkte sammeln können, ohne zehntausende Euro für teure Auslandsreisen aufbringen zu müssen.

Tennis beibt in Ägypten ein Elitensport

Trotz des Aufschwungs steht die Sportart vor einer gewaltigen sozialen Hürde. Tennis ist und bleibt teuer. In einem Land, das unter hoher Inflation und Währungsabwertungen leidet, ist der Sport für die breite Masse schlicht unerschwinglich. Rackets, Bälle und Schuhe sind teure Importware.

Zudem ist der Zugang zu Trainingsplätzen traditionell an Mitgliedschaften in den großen Social-Clubs gebunden. Die Aufnahmegebühren in Klubs wie Heliopolis oder Gezira übersteigen das durchschnittliche ägyptische Jahreseinkommen oft um ein Vielfaches.

Dennoch wächst die Zuversicht, dass Leuchtturmprojekte, Verbandsstrukturen und gezielte Nachwuchsarbeit die Barrieren schrittweise senken. Mohamed Safwat und Mayar Sherif haben bewiesen, dass der Glaube an den Center Court selbst im Wüstensand Früchte tragen kann. Der Sport hat das rein elitäre Nischendasein alter Tage abgestreift. Der Aufschlag für Ägyptens Tennis-Zukunft ist längst erfolgt.