Er galt jahrelang als undiszipliniert – Alexander Bublik. 2025 spielte der Kasache seine bis dato beste Saison: vier Turniersiege und Platz elf im Ranking. Zu Jahresbeginn schob er sich sogar in die Top Ten. Im Interview mit tennis MAGAZIN erklärt der 28-Jährige sein besonderes Verhältnis zu seinem Beruf.

Interview: Jürgen Schmieder

Kleine Umfrage unter Tennisprofis während des Frühlingsturniers in Indian Wells: Wem seht ihr am liebsten zu? Mehr als die Hälfte, Frauen wie Männer gleichermaßen, antwortet: Alexander Bublik. Nicht überraschend, der Filou mit Lausbub-Spielfreude, Lausbub-Grinsen und Lausbub-Sprüchen zu Gegnern und Referees ist eine Attraktion. Man kann ihn jetzt häufiger sehen, Bublik gewinnt öfter und hat zu Jahresbeginn die Top Ten der Weltrangliste erreicht. Das freilich führt zur zweiten Frage, diesmal nur unter Männern, denn: Wer ist der unangenehmste Gegner? Knapp ein Viertel, fast auf Augenhöhe mit den zwei Unerreichbaren Alcaraz und Sinner sagen: Sascha Bublik! Höchste Zeit, beim 28 Jahre alten Kasachen nachzufragen.

Herr Bublik, vor einem Jahr sagten Sie beim Turnier in Madrid zum Schiedsrichter: „Tennis war einfach vor fünf Jahren…“

Ich erinnere mich noch, als ich auf der Tour angefangen habe: 30 der Top 100 waren ohne Physio unterwegs, nur mit Partner oder Freunden. Heute gibt es keinen einzigen mehr, soweit ich weiß – und ich trainiere mit vielen Jungs. Aber das ist nur der Anfang: Physio, Fitnesscoach, Mental-Trainer. Das siehst du auch in der Umkleide: Alles ist professioneller. Die heute 16-/17-Jährigen sind kräftiger und fitter. Ich habe mit 19 die Top 100 erreicht, ich war also kein Schlechter…

September 2017 war das.

Die 17-, 18-Jährigen würden mein 19 Jahre altes Ich auseinandernehmen. Lächerlich wäre das. Vor zehn Jahren waren Leute auf der Tour unterwegs, in den Top 20 sogar, die hatten unfassbare Schwächen. Gibt’s nicht mehr. Heute hast du perfekte Athleten: Aufschlag mit 220 km/h, prügelt die Vorhand ins Feld, bewegt sich ordentlich. Nicht zu vergleichen mit damals. Gael Monfils hatte kürzlich einen grandiosen Vergleich: In puncto Athletik und Professionalität sind die Veränderungen so enorm wie technisch die Umstellung von Holzschlägern. Gael ist lange genug dabei, um das auch selbst erlebt zu haben. (lacht)

Alles wurde athletischer, professioneller. Und Sie, von dem es heißt, er nähme Tennis nicht so ganz ernst, rücken auf Platz zehn der Weltrangliste. Wie geht das?

Nur weil ich andere Dinge als Tennis auch ernst nehme, bedeutet es nicht, dass ich Tennis nicht ernst nehmen würde – ganz im Gegenteil.

Das müssen Sie erklären.

Ich kam mit 19 in die Top 100. Dann kommt das erste Geld, du genießt das ein bisschen zu viel. Du bist nur einmal 19, und es gibt viele Vorzüge, in diesem Alter ein erfolgreicher Tennisspieler zu sein. Ich habe den Ball getroffen, den Leuten hat es gefallen, ich war glücklich. Und ich war in der glücklichen Lage, mir auch zu Beginn der Karriere keine großen Sorgen um Geld machen zu müssen. Aber das gehört zum Leben dazu: wachsen und reifen. Einsehen, dass es ein Beruf ist – in dem eine grandiose Saison mittlerweile zehn Jahre finanzielle Sicherheit garantieren kann.

Aber Sie wirken wie einer, der Spaß an diesem Beruf haben muss, um erfolgreich zu sein.

2024 war ich in den Top 20. Das Leben war gut, ich hatte einen Heidenspaß. Meine Frau Tatjana macht viele Fotos; wenn ich mir die von Ende 2024, Anfang 2025 ansehe, sage ich immer: „Ach, da war ich so happy.“ Meine Frau sagt dann: „Ja, aber elf Mal nacheinander verloren.“ Es war zu entspannt, weil ich alle Ziele erreicht hatte: Top 20, ein paar Turniere gewonnen, die Einnahmen passten. Aber so ist es im Tennis mittlerweile: Wer stagniert, verletzt ist, wird überholt – und ist plötzlich Nummer 50 oder 80 der Welt.

Also braucht es neue Ziele?

Eher einen konstanten Weg. Den habe ich nach Miami gesehen.

Das haben Sie erkannt, nachdem Sie auf Platz 80 gefallen waren?

Das klingt jetzt lächerlich, schon klar. Es ist ja nicht so, dass ich alles gewonnen hätte in dieser Zeit. Was mir aber klar war: Wenn ich meinen Körper fit kriege und ich die schlage, gegen die ich gewinnen muss, komme ich in die Top 20. So war es dann auch: Siege gegen die, die ich schlagen muss. Niederlagen gegen Spieler, gegen die ich verlieren sollte.

Sehr nüchterne Analyse.

Von dort aus geht’s ins Detail: Wie muss ich mich bewegen, dass ich die Rückhand umlaufen kann? Welchen Schlag brauche ich gegen Spieler, gegen die ich gewinnen muss?

Und dann gewinnen Sie in Halle – und besiegen auf dem Weg zum Triumph einen der zwei, gegen die aktuell keiner gewinnen kann: Jannik Sinner, den Sie augenzwinkernd als von Künstlicher Intelligenz kreierten Tennis-Roboter bezeichnet haben. Wie gewinnt man gegen so einen?

Mit ganz viel Glück – und das meine ich vollkommen ernst. Bei Grand Slams, wo sich Sinner und Alcaraz am besten fühlen und perfekt vorbereitet sind, hast du nicht wirklich eine Chance. Ich habe das Gefühl, die anderen Spieler haben aufgegeben – ich auch übrigens. Damit ändern sich deine Ziele. Ich habe kürzlich mit meinem Trainer gesprochen: Ein Grand Slam-Sieg ist fast unerreichbar, wenn beide fit sind. Also ist mein Ziel: Viertelfinale, vielleicht Halbfinale – dann fahre ich glücklich heim.

Dann heißt es aber: Der glaubt trotz Talent nicht an sich und den großen Titel.

Du musst einsehen: Du bist nicht Novak Djokovic. Du wirst keine Slams wie Rafael Nadal oder Roger Federer gewinnen. Du musst lernen, Niederlagen zu akzeptieren und damit umzugehen, ohne dass sie deine Leistung beeinflussen.

Bei Akzeptanz heißt es: Der ist schnell zufrieden.

Was bedeutet das denn? Schauen Sie: Kürzlich in Miami, da habe ich eineinhalb Stunden mit meinem Trainer Bälle geschlagen, auf nassem Hartplatz. Einhändige Rückhand, obwohl ich das im Match nie tun würde. Alle haben gefragt: „Warum machst du so was?“ Antwort: „Weil‘s Spaß macht! Was mir keinen Spaß macht: Gegen dich bei 30 Grad zocken!“ Wettkampf zu jeder Zeit ist nicht meine Sache.

Wie bitte?

Natürlich ist mir bewusst, dass es Teil des Berufs ist. Ich messe mich als Sportler sehr gern. Nur: Erfolg ist für mich aber kein Quell fürs Glücklichsein, denn selbst bei einem Turniersieg schnalzt zehn Minuten nach der Siegerehrung einer mit dem Finger: Koffer packen, weiter geht‘s. Das ist keine Beschwerde, aber so ist es nun mal. Es gibt andere Aspekte als nur die Zeit auf dem Platz.

Ziele braucht es aber offensichtlich trotzdem.

Ja, aber realistische. Das meinte ich mit dem klaren Pfad: Das ist der Platz in der Weltrangliste, den du erreichen kannst. Hier ist ein Ziel für dieses Turnier, in meinem Fall etwa: Halbfinale bei einem Grand Slam. Masters-Endspiel, falls ich genau die Woche erwische, in der alles passt. In der muss ich aber bereit sein, körperlich wie mental. Dafür trainiert man, arbeitet an geistiger Frische und klarem Kopf.

Oft kommt Druck auch von außen.

Klar. Nach den ersten Erfolgen als Teenager kamen die Top-Trainer mit Angeboten: „15.000 Euro die Woche.“ Fünfzehntausend Euro! Pro Woche! Willst du mich verarschen? Aber so ist Tennis heutzutage: Jeder hat Trainer, Physio, Mentalcoach.

Und muss gewinnen, um das zu finanzieren – und mithalten zu können mit denen, die sich das leisten können.

Wir verdienen sehr viel Geld – noch ein großer Unterschied zu früher und Grund dafür, dass alles professioneller und ernster abläuft. Bei allen Zielen ist es aber wichtig, dass man nicht dauernd etwas jagt. Es ist deprimierend, wenn du es dann nicht erreichst, immer und immer wieder. Glauben Sie mir, ich kenne viele dieser Spieler, ich begegne ihnen dauernd. So will ich nicht sein.

Bedeuten Ihnen Erfolge gar nichts?

Doch, natürlich, ein tolles Gefühl. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich liebe diesen Sport! Es ist ein krasses Gefühl, in einem 20.000-Leute-Stadion eine tolle Vorhand zu schlagen. Aber: Es gibt Spieler, die haben nach einem Grand Slam-Sieg aufgehört, weil sie dieser Titel offenbar nicht so glücklich gemacht hat. Es ist nicht gesund, wenn du wegen deiner Obsession deinem Umfeld schlechtgelaunt begegnest. Es ist genauso wichtig, ein guter Ehemann, Vater und Freund zu sein. Lieber 15-mal Halbfinale als diesem einen Sieg interherjagen.

Das Mantra von Sport-Legenden wie Michael Jordan heißt: alles dem Erfolg unterordnen.

Kann ich nicht beurteilen. Ich habe nie ein Grand Slam-Turnier gewonnen, und wahrscheinlich werde ich nie eins gewinnen. Aber Wunder geschehen. (lacht)

Wie planen Sie Ihre Saison dann?

Es ist kein Geheimnis, dass ich in der Hitze Probleme kriege. Also: an schwüle Orte reisen und sich dort vorbereiten – oder Spielweise ändern. Ballwechsel verkürzen, aggressiver sein, härter und riskanter schlagen. Wir haben uns im Sommer 2025 für Letzteres entschieden: nicht nach Miami im Juli zum Akklimatisieren, nicht zu den beiden Masters in Nordamerika, bei denen ich wohl nicht erfolgreich gewesen wäre. Resultat: Achtelfinale bei den US Open.

Schauen Sie da nur auf sich?

Ganz im Gegenteil, ich muss mich an anderen orientieren. Da kommen wir zurück auf Ihre erste Frage. Ich muss dieser Spieler werden, damit ich diese Profis schlagen kann. Es gibt immer einen Gegner, alles hängt mit der Person auf der anderen Seite zusammen. Wenn der 20 Jahre alt ist, ist er wohl flinker und kräftiger als ich; er erholt sich rascher nach intensiven Ballwechseln. Also: Was kann ich tun, um den zu besiegen? Welche Schläge muss ich können? Und, vergessen Sie bitte nicht: Ich bin jetzt Ende 20.

Also kommt wieder eine Umstellung?

In gewisser Weise. Als ich zu Jahresbeginn die Top Ten erreicht hatte, war die Frage: „Und nun?“

Wieder die Gefahr: Zufriedenheit.

Jetzt ist das Ziel: so lange wie möglich hier zu sein, vielleicht ein bisschen höher, Top Five ist ein bisschen hoch gegriffen. Aber: Wenn ich die nächsten Jahre auf diesem Niveau spiele, macht es Spaß und ich verdiene genug, damit es für ein gutes Leben reicht.

Heißt: Nach der Karriere wird man Sie eher nicht in einer Rolle auf der Tour sehen.

Noch mal: Ich liebe diesen Sport. Ich liebe es, Tennis zu spielen. Der einzige End-Dreißiger in den Top 40 ist der, der 24 Grand Slams gewonnen hat. Außerhalb der Top 40 werden die Einnahmen geringer, dann gibt es weniger Anreiz, sich die ganzen Strapazen des Tourlebens anzutun. Vielleicht tue ich es aber für einen Spieler aus meinem Land, einen guten Freund oder meinen Sohn…

Vasily wird im August vier Jahre alt.

Wenn jemand sagen würde: „Komm für ein Projekt, Wimbledon“ – absolut. Aber zu Challenger-Turnieren im Nirgendwo fahren: Nein, danke. Als Manager musst du reisen und dich um Spieler kümmern – keine leichte Aufgabe; die meisten Profis sind nicht gerade breit interessiert oder umgänglich. Später Turnierdirektor werden? Warum nicht?

Aber so weit sind Sie noch nicht?

Nein. Ich liebe es, Tennis zu spielen. Bälle zu schlagen. Spaß auf dem Platz haben. Das will ich noch ein paar Jahre lang tun. Meine Traum-Saison, weil Top-30-Spieler verpflichtend vier 500-Turniere spielen müssen, wäre: Die vier Slams und Masters spielen, vier Pflicht-500er- und zwei coole 250er-Events. Das würde auch bedeuten, dass ich weniger reise, mehr Zeit zu Hause mit Familie und Freunden verbringe und auch mal in einem schönen Club mit meinen Buddies Tennis spiele.

Klingt machbar.

Ein Traum, den ich die nächsten Jahre leben kann.

Vita Alexander Bublik

Geboren 1997 in Russland spielt Alexander Bublik seit 2016 für Kasachstan. Wie viele andere Profis lebt er in Monte Carlo. Er ist bekannt für seinen unkonventionellen und risikoreichen Spielstil. Bislang gewann er neun ATP-Titel, darunter zweimal das ATP-Turnier in Halle. Sein bestes Grand Slam-Ergebnis: Viertelfinale French Open 2025. Sein bestes ATP-Ranking erreichte der 1,98-Meter-Mann im Januar 2026 mit Platz 10. Er ist verheiratet und hat einen Sohn. Privat schwärmt er für William Shakespeare.