Carlos Alcaraz verpasste die Grand Slam-Turniere in Roland Garros und Wimbledon. Grund: eine Sehnenscheidenentzündung im Handgelenk. Was genau hinter dieser Verletzung steckt und wie man sie überwindet.
Interview: Gabriele Hellwig
Herr Dr. König, als Sie hörten, dass Carlos Alcaraz alle Sandplatz- und Rasenturniere abgesagt hat – was ging Ihnen da als Orthopäde durch den Kopf?
Mein erster Gedanke war: Das muss eine sehr schwerwiegende Verletzung sein, die im schlimmsten Fall seine Karriere gefährden kann, wenn er jetzt nicht konsequent pausiert. Ein Profi auf diesem Niveau sagt kein wichtiges Turnier leichtfertig ab – schon gar nicht in einer Phase, in der große Titel anstehen. Wenn ein Spieler wie Alcaraz stoppt, spricht das in der Regel für deutliche Beschwerden.
Spanische Medien berichten von einer Tenosynovitis. Was genau ist das?
„Teno“ steht für Sehne, „Synovitis“ für Entzündung. Eine Tenosynovitis ist eine Entzündung der Sehne und ihrer Sehnenscheide. Am Handgelenk laufen sehr viele Sehnen zusammen – auf der Handrückseite die Strecksehnen, auf der Handinnenseite die Beugesehnen. Diese Sehnen gleiten normalerweise reibungslos in ihren Sehnenscheiden. Kommt es jedoch durch wiederholte Belastung zu Mikroverletzungen, reagiert das Gewebe mit einer Entzündung. Dabei kann sich Flüssigkeit ansammeln, die Sehnenscheide schwillt an und die Gleitfähigkeit der Sehne wird schlechter.
Warum trifft so etwas Tennisspieler besonders häufig?
Tennis ist ein handgelenkfordernder Sport – das liegt in der Natur der Sache. Die Sehnen kommen beim Tennis vor allem durch die extremen Winkelschläge, also das starke Abkippen des Handgelenks, enorm unter Stress. Ein häufiges Problem ist auch der sogenannte Zangengriff: Der Schläger wird viel zu fest gehalten, wie mit einer Rohrzange. Auch das setzt die Sehnen unter Stress. Richtig wäre, den Schläger locker zu halten und schwingen zu lassen. Auch eine fehlerhafte Aufschlagbewegung, bei der das Handgelenk nicht locker nach vorne geführt wird, belastet die Sehnen unnötig. Hinzu kommen äußere Faktoren: ein zu schwerer Schläger, eine zu harte Bespannung – beides ist bei Profis verbreitet, aber nicht immer optimal – und auch eine falsche Griffgröße. Ist der Griff zu groß, muss die Hand mehr Kraft aufwenden, um ihn zu halten, was die Sehnen zusätzlich belastet. Und natürlich: zu wenig Erholung zwischen Turnieren. Das alles kann die Sehnen dauerhaft reizen.
Alcaraz berichtete von einem Moment beim Return, in dem das Handgelenk plötzlich nachgab. Klingt das nicht eher nach einem akuten Trauma als nach einer Entzündung?
Das hat mich zunächst auch stutzig gemacht. Mein erster Verdacht war eigentlich eine TFCC-Läsion – also eine Verletzung des triangulären fibrokartilaginären Komplexes. Das ist quasi der Meniskus des Handgelenks: ein bindegewebiger Anteil, der bei extremer Belastung ähnlich wie ein Kniemeniskus reißen kann. Das passiert tatsächlich eher plötzlich. Eine klassische Tenosynovitis hingegen ist ein schleichender Prozess. Aber: Auch eine Sehnenentzündung steht immer in einer gewissen Balance zwischen Entzündungsreaktion und Selbstheilung des Körpers. Wenn diese Balance durch exzessives Training, wenig Schlaf oder ein enges Turnierpensum kippt, kann sich das plötzlich in einem einzigen Schlag entladen – so als ob das Fass zum Überlaufen gebracht wurde.
Heißt das, Alcaraz war möglicherweise schon länger angeschlagen?
Das ist sehr wahrscheinlich. Der Prozess einer Tenosynovitis beginnt fast immer schleichend – mit Schmerzen nach intensivem Training, die anfangs noch abklingen und sich wie ein Muskelkater anfühlen. Das bedeutet: Viele Spieler gehen zunächst weiter auf den Platz, obwohl bereits eine Überlastungsreaktion besteht – und unterschätzen die Warnsignale. Irgendwann klingen sie nicht mehr ab, kommen auch im Ruhezustand und erhalten diesen pulsierend-ziehenden Charakter.
Wie unterscheide ich als Tennisspieler eine Tenosynovitis von einem harmlosen Muskelkater oder einer Zerrung?
Der typische Charakter ist ein ziehender Schmerz, der vom Handgelenk Richtung Unterarm ausstrahlt – je nachdem, ob Streck- oder Beugeseite betroffen ist. Dieser Schmerz wird stärker beim Beugen oder Strecken des Handgelenks und der Finger. Bei ausgeprägten Entzündungen kommen Schwellung, Überwärmung und manchmal Rötung dazu – das Handgelenk wird sichtbar dicker als das der anderen Hand. Entscheidend ist: Der Schmerz bleibt auch in Ruhe bestehen. Ein Muskelkater bessert sich, wenn man den Muskel nicht belastet. Eine Sehnenentzündung tut auch dann weh, wenn man nichts tut. Und sie kann nachts pulsieren und ziehen.
Was tun, wenn man diese Symptome bemerkt?
Man sollte sofort eine Spiel- und Trainingspause einlegen und einen Orthopäden aufsuchen. Zunächst erfolgt eine klinische Untersuchung: Dabei prüft der Arzt unter anderem den Druckschmerz entlang der Sehnenverläufe, mögliche Verdickungen, eine Überwärmung sowie die Beweglichkeit von Handgelenk und Fingern. Der Orthopäde wird auch eine Ultraschalluntersuchung durchführen. Damit lässt sich eine Sehnenentzündung sehr gut abbilden. Man sieht Flüssigkeit um die Sehne, und mit der sogenannten Farbdoppler-Untersuchung kann man sogar erkennen, ob neue Blutgefäße in die Sehne eingesprossen sind – ein deutlicher Hinweis für eine aktive Entzündung. Bei Unklarheit, zum Beispiel wenn auch eine TFCC-Verletzung möglich erscheint, ergänzt man das MRT.
Wie wird eine Tenosynovitis behandelt?
Zunächst konservativ. Das bedeutet: strikte Sportpause, eine Handgelenksorthese, die das Gelenk ruhigstellt, Kühlung und entzündungshemmende Medikamente, sogenannte nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Diclofenac. Diese haben den Vorteil, dass sie gleichzeitig die Entzündung hemmen, den Schmerz lindern und die Schwellung reduzieren – ein dreifacher Effekt. Ergänzend setzen wir in unserer Praxis sehr erfolgreich auf Stoßwellentherapie und eine spezielle Magnetfeldtherapie, die die Heilung beschleunigt. Wichtig: mindestens acht Wochen konsequente Pause. Wer zu früh wieder einsteigt, riskiert einen Rückfall – die Entzündung flammt dann oft sofort wieder auf. Für den Return-to-sport sollte der Tennisspieler komplett beschwerdefrei sein.
Und wenn das alles nicht hilft – oder wenn es doch eine TFCC-Läsion ist?
Bei einer Tenosynovitis, die sich konservativ nicht bessert, wird die entzündete Sehnenscheide operativ sehr vorsichtig von der Sehne gelöst und entfernt. Diese sogenannte Synovektomie erfordert viel handwerkliches Geschick, weil man die Sehne dabei nicht beschädigen darf. Bei einer TFCC-Läsion gehe ich zunächst orthobiologisch vor: mit Eigenblut und Fibrin versucht man, den gerissenen Anteil zur Ausheilung zu bringen – kombiniert mit einer Handgelenksorthese für etwa sechs Wochen. Wenn das nicht reicht, kann eine Arthroskopie nötig werden, ein minimalinvasiver Eingriff, bei dem der gerissene Anteil ähnlich wie bei einer Meniskus-OP am Knie entfernt wird. In beiden Fällen gilt danach: konsequente Pause und langsamer Wiederaufbau.
Was passiert, wenn man die Symptome einfach ignoriert und weiterspielt?
Dann droht die Chronifizierung – und die ist das eigentlich Gefährliche. Der Körper kann die Entzündung nicht mehr abheilen, das entzündete Gewebe um die Sehnen verdickt sich, und man gerät in einen Teufelskreis: Jede weitere Belastung setzt einen neuen Entzündungsreiz, der die Reaktion weiter anfacht.
Was können Amateurspieler konkret tun, um vorzubeugen?
Erstens: aufwärmen und mobilisieren. Vor jedem Match das Handgelenk dehnen, kreisende Bewegungen machen – das klingt banal, wird aber viel zu oft übersprungen. Zweitens: die Technik überprüfen lassen. Ein Tennistrainer kann oft auf Anhieb sehen, ob jemand das Handgelenk verkrampft oder den Aufschlag ungünstig ausführt. Drittens: das Material prüfen. Ist der Schläger vielleicht zu schwer? Ist die Bespannung adäquat? Und: Wer bereits Handgelenksprobleme kennt, sollte diese ernst nehmen und rechtzeitig zum Orthopäden gehen – und nicht warten, bis das Handgelenk nachgibt.
Unser Experte
Dr. med. Matthias König ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie und Inhaber von Ortho Energy, der Privatpraxis für Ganzheitliche Orthopädie in München. Mit seinem speziellen Ansatz verbindet Dr. König moderne Diagnostik und innovative Therapien, um individuelle Behandlungspläne zu erstellen und optimale Ergebnisse für seine Patienten zu erzielen.
