tennis MAGAZIN feiert seinen 50. Geburtstag. Wir blicken zurück auf historische Highlights. Diesmal: die Jahre 1996 bis 2000.
Als Anna Kournikova in der zweiten Runde des Juniorinnenturniers bei den US Open 1994 von Martina Hingis mit 0:6, 0:6 vom Platz geschossen wurde, soll die damals 13-jährige Kournikova gegenüber Hingis gesagt haben: „Du hast zwar gewonnen, aber ich bin viel hübscher und kann viel mehr Geld verdienen als du.“
Mit Martina Hingis, Anna Kournikova und den Williams-Schwestern Serena und Venus vollzog sich in den 90er-Jahren eine Zeitenwende im Damentennis. Bei Spielerinnen wie Steffi Graf, Monica Seles und Martina Navratilova stand vor allem der Erfolg auf dem Platz im Vordergrund.
Dies änderte sich schlagartig mit dem Auftauchen der Teenagerinnen Hingis und Kournikova. Der Medienrummel um die „Girls“ nahm stetig zu, sodass nicht nur das Geschehen auf dem Platz, sondern auch das Auftreten abseits des Courts in den Fokus rückte. Hingis, Kournikova und die Williams-Sisters genossen das Rampenlicht, posierten gerne für Fotoshootings und sparten nicht mit giftigen Kommentaren gegenüber ihren Konkurrentinnen.
Als einmal Hingis gefragt wurde, wie sie die Rivalität mit Kournikova einschätze, kommentierte sie süffisant: „Welche Rivalität? Ich gewinne alle Matches.“ Als Hingis bereits vier Grand Slam-Titel im Alter von 17 Jahren gewonnen hatte, sagte sie in Richtung ihrer neun Monate jüngeren Konkurrentin: „Sie ist sehr hübsch, aber ich bin mir sicher, sie würde lieber die Seiten mit mir tauschen, wenn sie könnte, und vier Grand Slam-Titel haben.“
Hingis und Kournikova: Ein fast unschlagbares Doppel
Umso erstaunlicher ist es, dass aus den Rivalinnen schnell nicht nur Freundinnen wurden, sondern vor allem ein erfolgreiches Doppel. Hingis und Kournikova versprühten Glanz und Glamour auf den Plätzen. Hingis bezeichnete sich und Kournikova als die „Spice Girls“ des Tennis. Gleich bei ihrem ersten Turnier, den Australian Open 1999, gewannen sie den Titel. Das Duo avancierte zu einem der besten Damendoppel der Geschichte mit einer überragenden Erfolgsquote.
Zwischen 1999 und 2002 spielte das Duo bei 18 Turnieren. Die Ausbeute: elf Siege (darunter zwei Australian Open-Titel, zwei WM-Titel), vier Endspiele (u.a. in Roland Garros), ein Halbfinale und zwei Viertelfinals. Dass die Partnerschaft nicht länger andauerte, lag am frühen Karriereende von Kournikova aufgrund einer Verletzung.
Trotz der guten Harmonie auf dem Platz gab es außerhalb häufig Zoff zwischen den beiden. Bei einem Schaukampf Ende 2000 sollen in der Umkleidekabine Trophäen und Blumensträuße umhergeflogen sein. Grund für den damaligen „Catfight“: „Martina hat mich gefragt, ob ich denke, dass ich die Königin bin, denn die richtige Königin wäre sie“, erzählte Kournikova, die später noch eine Kristallvase auf Hingis geworfen haben soll. Die Versöhnung erfolgte im nächsten Jahr. Bis heute sind beide freundschaftlich miteinander verbunden.
Gustavo Kuerten – Mit Omas Hilfe zum French Open-Sieger
Wer ist dieser Brasilianer fragten sich sogar einige Tennisexperten bei den French Open 1997? Gustavo Kuerten ging in Paris als Nummer 66 der Welt an den Start, war komplett unter dem Radar. Nach dem Turnier kannte den zuvor ziemlich unbekannten 20-Jährigen jeder. Seine Spielfreude, sein herzliches Auftreten und sein Kampfgeist machten Kuerten schnell zum Publikumsliebling. Nicht nur sein auffälliges blau-gelbes Outfit blieb im Gedächtnis, sondern auch seine Spielweise mit dem unnachahmlichen Stöhnen.
Kuerten war nicht der klassische Sandplatzspezialist, der links und rechts läuft und die Bälle nur reinspielt. Er überzeugte viel mehr mit aggressivem Spiel, diktierte die Punkte mit seinen starken Grundschlägen und streute immer wieder Serve-and-Volley und unerreichbare Stoppbälle mit seiner Rückhand ein. Besonders die deutschen Journalisten waren ganz versessen auf Kuerten, Spitzname „Guga“, da er einen deutschen Pass besitzt.
Seine deutsche Großmutter Olga Schlösser entwickelte sich in jenen Tagen in Paris dank ihres Enkels zum Medienstar. Kuerten verriet, dass er vor den Spielen Tipps von seiner Oma erhielt. „Sie weiß über alle Spieler Bescheid. Sie kennt besonders Becker, Sampras und Kafelnikov ganz genau. Wenn ich mit ihr rede, sagt sie: ‚Also gegen diesen Gegner musst du folgendermaßen spielen‘“, berichtete der Brasilianer über Telefonate mit seiner Großmutter, die bei den French Open zu seiner Geheimwaffe wurde.
Auf dem Weg zum Titel schlug Kuerten mit Omas Hilfe die Creme de la Creme des damaligen Sandplatztennis: in der dritten Runde Thomas Muster, im Achtelfinale Andrei Medvedev, im Viertelfinale Titelverteidiger Yevgeny Kafelnikov und schließlich im Finale den zweimaligen Paris-Sieger Sergi Bruguera. Im Endspiel gegen Bruguera spielte Kuerten unter den Augen seiner Oma das Match seines Lebens.
Sein erster Titel auf der ATP-Tour war gleichzeitig ein Grand Slam-Triumph. „Mein Leben ist perfekt, auch schon vor dem Turnier. Ich habe alles, was ich brauche. Ich habe ein gutes Haus und das Auto meiner Mutter“, scherzte er. Eine Eintagsfliege, wie einige vermuteten, blieb Kuerten nicht. Er gewann zwei weitere Titel in Roland Garros und wurde die Nummer eins der Welt.
