Alexander Zverev gewinnt seinen zweiten Grand-Slam-Titel – und hat nun unfreiwillig eine Debatte über das Ballauftippen vor dem Aufschlag entfacht.

Sonntagabend, US-Open-Finale, Zverev hat Aufschlag und lässt den Ball auftippen. Und nochmal, und nochmal … 15-, manchmal 25-mal macht der Deutsche das, ehe er endlich serviert. Irgendwann reicht es der Schiedsrichterin: Zeitverstoß, Verwarnung. Zverev geht zum Stuhl, mit mildem Protest: „Ich war doch vor 30 Sekunden schon an der Linie.“

Auf der anderen Seite steht derweil Finalgegner Ben Shelton, dreht seinen Schläger in der Hand, wartet. Kurios: Die Schiedsrichterin ermahnt am Ende auch den Amerikaner, er solle schneller in die Returnposition gehen – so, als sei er das eigentliche Problem. Shelton versprach danach trocken, er werde immer bereit sein, sobald Zverev tatsächlich einmal so weit sei. Nach dem Match wurde er deutlicher: „Das ist eine dumme Regel, dass man die ganze Zeit ready sein muss, wenn der Gegner seine Routine durchzieht.“

12.000mal in fünf Matches

Wie sehr sich Zverevs Tick über das Turnier gesteigert hatte, weiß er selbst am besten – weil er es zufällig in einer Statistik entdeckte. „Ich habe die Statistik gesehen: dass ich den Ball ungefähr 12.000-mal aufspringen ließ oder so. Das ist ziemlich lustig“, sagte er nach seinem Halbfinalsieg gegen Karen Khachanov, fast amüsiert über sich selbst.

That left arm has gotta be barkin’ 😂 pic.twitter.com/mwvgEZPc7w

— Tennis TV (@TennisTV) September 10, 2026

Bewusst zähle er dabei nicht mit, betonte er, und ziele auch auf kein bestimmtes Gefühl ab: „Ich weiß nicht, warum es sich so gesteigert hat. Ich habe es vor dem Halbfinale gesehen und dachte: OK, das muss weniger werden. Dann vergesse ich es zwischendurch wieder, und dann ist es wieder bei irgendeiner Zahl, die ich nicht kenne.“ Über das gesamte Turnier verteilt kommt dabei einiges zusammen: rund zweieinhalb Stunden reine Ballprell-Zeit allein in den ersten fünf Partien.

Die Lücke im Regelwerk

Zverevs Marotte ist deshalb mehr als nur eine kuriose Randnotiz, weil sie eine echte Schwachstelle im Regelwerk offenlegt. Seit der Einführung der Aufschlaguhr – erstmals 2017 im Hauptfeld der US Open getestet, ab 2018 fest auf der Tour etabliert – gilt: Vor dem ersten Aufschlag bleiben 25 Sekunden. Vor dem zweiten Aufschlag dagegen tickt keine Uhr. Genau dieses Schlupfloch nutzt Zverev, ob bewusst oder nicht: Nach einem verschlagenen ersten Aufschlag beginnt sein Ritual quasi von vorn, ganz ohne Zeitlimit.

Haha, Zverev has spent 2 AND A HALF HOURS bouncing the ball before his serves at this tournament, that is an UNREAL stat. 😭

— Scott Barclay (@BarclayCard18) September 13, 2026

Dass ausgerechnet diese Lücke bislang niemand schloss, hat einen Grund. Als die Shot-Clock 2018 eingeführt wurde, lief Rafael Nadal – selbst berüchtigt für ellenlange Aufschlagrituale – dagegen Sturm: „Wenn ihr gutes Tennis sehen wollt, müsst ihr die Spieler auch mal durchatmen lassen. Wir sind keine Maschinen.“ Just mit Bezug auf sein legendäres Sechs-Stunden-Finale gegen Djokovic bei den Australian Open 2012 argumentierte er, nach 50-Schläge-Ballwechseln könne niemand ernsthaft in 25 Sekunden wieder aufschlagbereit sein.

Zverev ist in bester Gesellschaft

Notorisches Ballprellen ist ohnehin keine Zverev-Erfindung. Novak Djokovic bounct traditionell so ausgiebig, dass er 2018 in Wimbledon nach einer Zeitverwarnung von den Zuschauern ausgepfiffen wurde – ein Vorfall, über den er sich hinterher mehr ärgerte als über die Strafe selbst. Jahre zuvor unterhielt er sogar ein kompliziertes eigenes System: gerade Anzahl Bounces auf der Vorteilsseite, ungerade auf der anderen.

Mittlerweile hat er davon Abstand genommen, gibt aber offen zu: „Ich weiß, dass es für viele Leute nervig ist, und manchmal nervt es mich selbst auch.“ Marin Cilic wiederum gilt vielen als der eigentliche Angstgegner in dieser Disziplin: er prellt in Zehnerblöcken, unterbricht, starrt kurz den Gegner an – und prellt erneut.

Karen Khachanov, mit Zverev befreundet und dessen Halbfinalgegner, formulierte die Kritik so präzise wie kaum ein anderer: „Man steht bereit, im Split-Step – und dann kommen noch mal zwölf Bounces. Also macht man den Split-Step wieder. Das passiert bei praktisch jedem einzelnen Return.“ Shelton ging im Finale noch weiter und forderte direkt eine neue Grenze für die Zeit vor dem zweiten Aufschlag: „Ich bin nicht sicher, wie genau man das umsetzen müsste, aber unbegrenzte Zeit sollte es nicht geben. Für unseren Sport, für die Fans, ist es hart, so lange auf die nächste Aktion warten zu müssen.“

Nicht ein einzelner Spieler hat hier also ein Problem, sondern die Regel ist unvollständig und bietet eine Lücke. Die aber auch nur dann auffällt, wenn jemand sie so konsequent ausreizt wie nun Zverev. Ob aber die Tennisinstitutionen diesen Konstruktionsfehler im Regelwerk beheben werden, ist derzeit offen.