In Newport wurde Roger Federer in die Ruhmeshalle des Tennissports aufgenommen. Unser Kolumnist Marco Chiudinelli verbindet mit dem historischen Ort eine Atmosphäre, die nicht viel mit einem typischen ATP-Turnier zu tun hat.
Erschienen in der Smash-Ausgabe 5/2026
Als ich die Bilder von Rogers Aufnahme in die International Tennis Hall of Fame in Newport sah, musste ich sofort an meine Aufenthalte in dieser besonderen Stadt zurückdenken. Beim dortigen ATP-250-Turnier, das von 1974 bis 2024 jeweils in der Woche nach Wimbledon ausgetragen wurde, war ich mehrmals am Start und habe 2016 das Viertelfinal erreicht. Dass Roger nun ausgerechnet an diesem Ort offiziell in die Tennis-Ruhmeshalle aufgenommen wurde, hat deshalb für mich eine ganz besondere Note.
Newport war während meiner Karriere ein Turnier, das man nicht mit den üblichen ATP-250-Events vergleichen konnte. Die Anlage hatte Charme, aber definitiv nicht den Standard, den wir Spieler von der ATP Tour gewohnt waren. Die Garderoben waren baufällig, das Catering hatte, um es nett auszudrücken, einen zweifelhaften Ruf und die Plätze waren alles andere als perfekt. Der Ball sprang unberechenbar – sofern er überhaupt aufsprang – und die Unebenheiten der Matchplätze konnten durchaus als Zielhilfe für die eigenen Schläge dienen.
Der besondere Reiz von Newport
Bei meinem ersten Auftritt war ich mit den Gegebenheiten komplett überfordert und blieb chancenlos. Bei meinem zweiten Besuch lernte ich, die Bedingungen nicht als Problem, sondern als Teil des Turniers zu sehen. Gerade Spieler, die zum ersten Mal in Newport waren, verbrauchten viel Energie damit, sich über die Plätze zu ärgern. Wer sich darauf einliess und sich auf das Match konzentrierte, hatte plötzlich einen Vorteil.
Und dann war da Newport selbst. Historische Häuser, schmale Strassen, charmante Dorfläden, traditionelle Fischerboote, das Meer und eine Atmosphäre, die so gar nicht nach einem typischen ATP-Turnierort wirkte. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen vom Turnier organisierten Segeltörn in den Abendstunden in der Bucht von Newport oder an ein Rooftop Players Dinner, bei dem wir vom Hoteldach aus über das gesamte historische Städtchen blicken konnten. Diese Kombination machte das Turnier einzigartig. Newport war speziell und voller Gegensätze – gerade deshalb erinnere ich mich gerne daran zurück.
Umso passender finde ich, dass Roger nun ausgerechnet dort in die Hall of Fame aufgenommen wurde. Ein spezielles Ereignis an einem speziellen Ort. Solche Erlebnisse bleiben einem viel stärker in Erinnerung als Anlässe an austauschbaren 08/15-Orten. Deshalb gefällt mir die Kombination Roger und Newport besonders gut.
Federer musste sein Spiel immer wieder anpassen
Bei 20 Grand-Slam-Titeln, 103 ATP-Turniersiegen und 310 Wochen als Weltnummer 1 muss man nicht lange darüber diskutieren, ob Roger in die Hall of Fame gehört. Ich habe Roger während meiner Karriere als Freund, Davis-Cup-Kollegen und selten auch als Gegner erlebt. Was mir dabei immer wieder aufgefallen ist: Er hatte ein unglaubliches Gespür dafür, auf dem Platz die richtige Lösung zu finden. Oft sah es bei ihm so aus, als wäre die Lösung ganz einfach gewesen – obwohl man als Gegner sehr genau wusste, dass sie es nicht war. Sein Spiel war technisch sauber, variabel und effizient und gleichzeitig so attraktiv, dass man ihm sowohl als Freund und Teampartner als auch als Gegner gerne zuschaute.
Seine grösste Leistung sehe ich deshalb nicht nur in den Rekorden, sondern darin, wie lange er sein Spielniveau halten konnte. Er musste sein Spiel im Laufe der Jahre immer wieder anpassen – zuerst an neue Gegner, später an eine neue Generation und irgendwann auch an einen Körper, der nicht mehr alles mitmachte wie mit 20. Trotzdem gewann er noch Grand-Slam-Turniere, als zahlreiche Spieler längst aufgehört hatten.
Federer Einfluss ging weit über Titel hinaus
Was bei Roger ebenfalls aussergewöhnlich war, ist sein Einfluss ausserhalb des Platzes. Er hat Tennis einem Publikum nähergebracht, das sich vorher vielleicht gar nicht oder nur am Rand dafür interessiert hatte. Ich habe das während meiner eigenen Karriere des Öfteren erlebt: Leute, die mit Tennis eigentlich wenig am Hut hatten, wussten plötzlich, wann Roger spielte, gegen wen er spielte und ob und wie er gewonnen hatte. Diese Reichweite hatte im Tennis vor ihm niemand.
Genau solche Dinge machen für mich einen Spieler am Ende zu einer Persönlichkeit, die über ihre Resultate hinausgeht. Und deshalb passt die Hall of Fame zu Roger. Nicht einfach, weil er unglaublich viele Titel gewonnen hat, sondern weil seine Karriere und sein Einfluss auf unseren Sport weit über diese Titel hinausgehen.
Willkommen in der Hall of Fame, Roger. Und danke für viele gemeinsame Erinnerungen.
Der Autor: Marco Chiudinelli war 18 Jahre Profi und die Nummer 52 der Welt. 2014 gewann er mit der Schweiz den Davis Cup. Heute arbeitet er als Tennisexperte und veranstaltet Camps. Info: chiudinelli.ch
