Der neue Australian Open-Turnierdirektor Andrew Abdo bringt kürzere Matches bei Grand Slam-Turnieren ins Spiel, um ein jüngeres Publikum anzulocken.

Fünf Stunden und 27 Minuten. So lange kämpften sich Carlos Alcaraz und Alexander Zverev im vergangenen Januar durch ihr Australian-Open-Halbfinale – länger als jedes andere Semifinale in der Geschichte des Turniers. Fast drei komplette Fußball-Länderspiele samt Verlängerung, hintereinander gespielt: So lange saß das Publikum an diesem Abend in der Rod Laver Arena und Millionen harrten weltweit vor dem Fernseher aus.

Wenige Stunden zuvor hatte bereits die Partie zwischen Novak Djokovic und Jannik Sinner erst nach vier Stunden und neun Minuten ihren Sieger gefunden. Zwei Marathon-Partien hintereinander also. Für Hardcore-Fans sicher ein Hochgenuss. Aber sind solche Längen heutzutage noch dem normalen Sportfan zu vermitteln?

FIVE HOURS 27 MINUTES!

Carlos Alcaraz survives a five-set thriller to take down Alexander Zverev 6-4, 7-6(5), 6-7(3), 6-7(4), 7-5 in the longest-ever semifinal in Melbourne.

In his maiden Australian Open final, Alcaraz faces either Sinner or Djokovic.pic.twitter.com/aEpAZXit3c

— Sportstar (@sportstarweb) January 30, 2026

Wenn es nach Andrew Abdo geht, dem neuen Chef des australischen Verbands Tennis Australia und gleichzeitig Turnierdirektor der Australian Open, gehören solche epischen Schlachten eher der Vergangenheit an. Abdo dachte jedenfalls am Montag bei der SportNXT-Konferenz in Melbourne öffentlich darüber nach, die Matchlängen bei Grand Slam-Turnieren zu verkürzen.

Australian Open mit neuen Regeln?

Ganz neu ist Abdo im Umgang mit unpopulären Regeländerungen nicht. Bis vor wenigen Monaten führte er als CEO die National Rugby League in Australien – jene Liga, die unter seiner Ägide die umstrittene „Set-Restart-Regel“ (im englischen Original meist „six again“ genannt) einführte.

Es geht dabei um kleinere Vergehen im Getümmel – etwa wenn die Verteidigung nicht rechtzeitig zehn Meter zurückweicht. Früher gab es dafür einen klassischen Freistoß, das Spiel stand kurz still. Seit der Reform pfeift der Schiedsrichter stattdessen nur „six again“ (daher der Name): Das angreifende Team bekommt einen neuen kompletten Satz von sechs Tackles geschenkt, ohne Unterbrechung. Das Spiel läuft weiter.

Im August 2026 übernahm Abdo offiziell das Amt von Craig Tiley, der 13 Jahre lang an der Spitze von Tennis Australia gestanden hatte und dann zum US-Verband USTA gewechselt ist. Tiley sorgt im Moment bei seinen ersten US Open als Turnierdirektor für Schlagzeilen aufgrund der horrend hohen Ticketpreise und der Partnerschaft mit einem höchst umstrittenen Sponsor.

Seine ersten Australian Open als Boss stehen für Abdo im Januar 2027 an. Schon jetzt deutete er an, was sich ändern könnte: Vielleicht werde künftig nicht mehr über die volle Distanz von fünf Sätzen gespielt, so Abdo, vielleicht ändere sich auch das komplette Punktesystem. Konkreter wurde er nicht. Noch nicht. „Das sind alles Fragen, die wir erkunden müssen“, so Abdo. Seine grundsätzliche Richtung aber ist klar: „Wir sind im Entertainment-Geschäft, oder?“, fragte er rhetorisch in Richtung Publikum. Sport sei Unterhaltung – und Regelwerk, Format und Produkt müssten sich weiterentwickeln, betonte er.

Tiley hatte einen gegenteiligen Plan

Was die Debatte besonders pikant macht: Abdos Blick in Richtung kürzerer Matches ist das exakte Gegenteil dessen, was sein Vorgänger sieben Monate zuvor gefordert hatte. Mitten im Turnier im Januar 2026 hatte Tiley gegenüber The Athletic vorgeschlagen, die Frauen sollten ab dem Viertelfinale über fünf statt drei Sätze spielen.

Sämtliche Untersuchungen würden zeigen, dass das Interesse mit der Dauer eines Matches wachse, argumentierte Tiley damals. „Als Sport müssen wir uns weiterentwickeln“, sagte er – fast wortgleich zu dem, was heute sein Nachfolger predigt, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Mit Kritik rechnete Tiley von Anfang an: Manche würden das für lächerlich halten, andere für eine gute Idee, räumte er ein. Genau darum gehe es ja: eine Diskussion anzustoßen.

Zwei Chefs, zwei Rezepte, ein Problem: Wie hält man ein Milliardenpublikum bei der Stange, wenn sich die Sehgewohnheiten radikal verändert haben und man auf eine jüngere Zielgruppe setzen will? Dass sein Vorstoß nicht überall auf Begeisterung stößt, weiß Abdo selbst am besten. Die Puristen würden sagen: Lasst die Finger davon, gibt er unumwunden zu. Aus seiner Sicht ist das trotzdem keine Option mehr – schließlich wachsen Padel und Pickleball gerade bei jungen Zielgruppen rasant, und die Konkurrenz um deren Aufmerksamkeit wird härter.

Sein Argument bleibt unverblümt kommerziell: Wer ein zeitgemäßes Produkt anbieten wolle, das eine jüngere Generation erreicht, komme an Reformen nicht vorbei. Seine Warnung an die eigene Zunft fällt kurz aus, aber deutlich: Sonst bleibe man auf der Strecke.

In fünf Jahren Tennis auf die ein bringen

Der Blick nach vorn ist Abdo ohnehin wichtiger als eine einzelne Regeln. Tennis soll binnen fünf Jahren zu Australiens meistgespielter und beliebtester Sportart werden – aktuell liegt der Sport nach Mitgliederzahlen aber nur auf Platz drei im Land. Die Australian Open wiederum sollen im selben Zeitraum zum „größten und erfolgreichsten Grand Slam-Turnier des Planeten aufsteigen“, kündigt er an.

Sein Selbstbewusstsein für die nächste Ausgabe kennt dabei schon jetzt keine Zurückhaltung: „In ein paar Monaten werden die Australian Open 2027 der beste Slam überhaupt sein“, verspricht er. Dann bestimmt noch mit Best-of-Five-Matches bei den Herren. Aber wie es danach weitergeht, scheint derzeit offen zu sein.