Zu Tennisbällen haben die Sandplatzgötter ein ambivalentes Verhältnis: Kurz nach dem Öffnen der Dose ist es die große Liebe, die dann aber viel zu schnell verfliegt.
Tennis ist leider keine Sportart, deren notwendige Ausrüstungsgegenstände im Verdacht stehen, Nachhaltigkeitspreise zu gewinnen. Vom Schläger über Schuhe bis zu Saiten und Griffbändern schrumpft die durchschnitt-liche Lebensdauer von Jahren über Monate auf Stunden. Und quer durch alle Leistungsklassen sind sich mittlerweile viele einig, dass Tennisbälle deutlich am unteren Ende dieser Liste einzuordnen sind.
Dabei geht der Wahnsinn schon los, bevor das gelbe Spielgerät überhaupt nach längst nicht mehr unerheblichen finanziellen Transaktionen in unseren Besitz gekommen ist. Als Alleinstellungsmerkmal gegenüber allen sportlich genutzten Bällen dieser Welt hat irgendein verrückter Professor den Tennisball – drucklose Zombie-Bälle, mit denen niemand spielen will, mal ausgenommen – so konzipiert, dass er unter den physikalischen Grundbedingungen unseres Planeten in freier Wildbahn gar nicht dauerhaft überlebensfähig ist.
Endorphin-Ausschüttung nach Dosenöffnung
Er benötigt stattdessen eine aufwendige und teure Verpackung, die – ähnlich einer eisernen Lunge – seine Vitalität wenigstens bis zu seinem ersten Match erhält. Wobei: Dieses ist bei der aktuellen Qualität leider oft auch gleichzeitig der letzte Einsatz…
Aber genau in diesem Augenblick („Du, ich mach’ mal ’ne neue Dose auf!“) kommt es bei den meisten Hobbyspielern dennoch zu einer erstaunlichen Verklärung. Denn sowohl das Zischgeräusch des aus der Dose entweichenden Drucks als auch der Geruch des in die Atmosphäre entweichenden Luftgemischs führen zu einer abrupten Endorphin-Ausschüttung seitens des Dosenöffners – inklusive wohligen Seufzens.
Obwohl objektiv betrachtet ersteres unwiderruflich den Anfang vom Ende der Eintagsfliege namens Druckball eingeläutet hat und letzteres eventuell eher zum Hinterfragen der chemischen Prozesse führen sollte, die bei der Ballherstellung ablaufen.
Die kurze Phase der Glückseligkeit
Das wird aber alles überlagert – von der Vorfreude auf das, was da gerade aufgemacht wurde. Denn jetzt beginnt der kurze Abschnitt im Leben der Filzkugel, in dem sie ihren Preis absolut rechtfertigt. Lebendig abspringend, selbst von Sandplatzgötter-Grundschlag-Technik mühelos beschleunigt und mit Spin versehen, ist uns der Ball heilig und wertvoll.
So wertvoll, dass erwachsene Menschen sich in kurzen Hosen ohne zu zögern in zeckenverseuchtes Dornengebüsch begeben, wenn die gerade erwähnte temporäre Lebendigkeit und Beschleunigungsfähigkeit des Spielobjekts im Zusammenspiel mit der ebenso schon genannten fragwürdigen Schlagtechnik der Beteiligten dazu führt, dass der Ball jenseits der Platzumzäunung landet. Warum grob geschätzte 87,9 Prozent aller deutschen Tennisclubs direkt von exakt so einer dschungelartigen Vegetation umgeben sind, ist eine weitere unbeantwortete Frage im wunderlichen Tennis-Kosmos.
Ist diese kurze Honeymoon-Phase zwischen Ball und Freizeitspieler vorbei, betreten wir ein Zeitfenster, in dem sich das Spielverhalten wie die Begeisterung für das Spielgerät auf einem deutlich niedrigeren Niveau einpendeln. „Sollen wir die nehmen? Die sind noch okay“, heißt es jetzt, wenn eine bereits geöffnete Dose mit gespielten Bällen ganz unten aus einer Tennistasche gekramt wird.
Das abrupte Ende eines Tennisballs
Dieses „Okay“ ist dabei Synonym für die Charakterisierung eines in die Jahre gekommenen Tennisspielers mit „Er spielt für sein Alter noch richtig gut“: Es schwingt immer mit, dass er früher deutlich besser war – und „früher“ ist in Bezug auf den Ball im Gegensatz zum Ü-Irgendwas-Spieler jetzt wirklich nicht sooo lange her.
Das endgültige Ende der so romantisch begonnenen Beziehung zwischen Spieler und drei bis vier Gummikugeln im gelben, mittlerweile arg flauschig gewordenen Filzmantel ist dann kurze Zeit später eher nüchtern und sachlich. Eine letzte Drucküberprüfung mit dem Daumen, die negativ ausfällt, und der Weg in den Abfalleimer, im besten Fall in eine Recycling-Tonne, ist nicht mehr weit. Es droht ein unglamourös-unwürdiger Ruhestand in Hundeschnauzen und auf Anhängerkupplungen. Kurz plagt uns das schlechte Gewissen aufgrund dieser Ex-und-Hopp-Mentalität.
Aber dann hören wir, wie zischend eine neue Balldose geöffnet wird, und sind auf wundersame Weise abgelenkt.
