Angelique Kerber, die kürzlich in Bad Homburg das Kapitel Profitennis offiziell abschloss, reflektiert ihren Wimbledon-Sieg von 2018. Sie war die letzte deutsche Profispielerin, die es geschafft hatte, das wohl bekannteste Turnier der Welt zu gewinnen. In diesem Jahr ist sie Teil des Wimbledon-Expertenteams von Prime-Video.
Angelique Kerber ist dreifache Grand Slam-Siegerin. 2018 wurde sie Wimbledon-Champion. Mit dem Sieg gegen die US-Amerikanerin Serena Williams erfüllte sich Kerber vor acht Jahren auf dem britischen Rasen ihren Kindheitstraum.
Vor Turnierstart blickte sie in einem Interview mit Prime Video auf ihren Sieg im All England Lawn Tennis Club und ihre 21 Jahre lange Profikarriere zurück.
Kerbers Weg zum Wimbledon-Sieg
Im Interview mit der Streamingplattform reflektiert Kerber ihren Weg zum Sieg des traditionellsten Turniers der Tennisgeschichte. „Es gab Momente, in denen dachte ich: „Ich fliege morgen nach Hause“, erinnert sich Kerber. An ihre Chancen, den Titel zu holen, habe sie vor allem in der zweiten Turnierwoche geglaubt: „Da habe ich mich in einen Tunnel gespielt und wusste: Das ist jetzt meine Mission, Wimbledon zu gewinnen.“
2016 stand die ehemalige deutsche Profispielerin erstmals im Wimbledon-Finale. Damals verlor sie gegen US-Superstar Serena Williams mit 5:7, 3:6.
Zwei Jahre später habe sie die Erfahrung aus dem verlorenen Match genutzt. 2018 folgte die Revanche – Kerber besiegte Williams mit 6:3, 6:3 und wurde dreifache Grand Slam-Siegerin und Wimbledon-Champion.
Kerber: „Man gewinnt Wimbledon nicht in zwei Wochen“
Hinter einem Wimbledon-Sieg stecke viel mehr als zwei Wochen harte Arbeit, erklärt Kerber. Man brauche Erfahrung. Gegenüber Prime-Video sagt die dreifache Grand Slam-Siegerin: „Wimbledon gewinnt man nicht in zwei Wochen. Man muss viele Auf und Abs erlebt haben (…).“ Sie habe die Erfahrung, die sie in den vorangegangenen Jahren sammelte, genutzt. „Ich habe in Wimbledon viele Halbfinals gespielt, aber teilweise auch in der ersten Runde verloren“, sagt die 38-Jährige und fügt hinzu: „Da waren so viele Momente (…) an denen ich gereift bin und die mich zu der Spielerin gemacht haben, die ich dann 2018 war.“
Der Zeitpunkt des Wimbledon-Triumphs sei für Kerber besonders gewesen. 2016 war ein besonderes Jahr für Kerber: Die ehemalige deutsche Profispielerin mit polnischen Wurzeln spielte die erfolgreichste Saison ihrer gesamten Karriere. Sie gewann ihren ersten Grand Slam-Titel in Melbourne bei den Australian Open. Bei den Olympischen Spielen gewann sie die Silbermedaille im Damen-Einzel. Im gleichen Jahr wurde sie durch den Sieg in New York bei den US Open zweifacher Grand Slam-Champion und spielte sich auf Rang eins der Weltrangliste.
Die darauffolgende Saison 2017 sei nicht ihre Beste gewesen, sagt Kerber. Zu ihrem „Comeback“ nach 2017 sagt Kerber im Interview mit der Streaming-Plattform: „Dann nochmal zurückzukommen, als auch niemand mehr so richtig an mich geglaubt hat, dann Wimbledon zu gewinnen, war besonders.“
Wimbledon Atmosphäre: „Man spürt den Druck“
Wimbledon ist das bekannteste und traditionellste Turnier der Welt. Die Atmosphäre des englischen Rasenturniers sei laut Kerber besonders. Die 38-Jährige erzählt: „Der Druck ist in Wimbledon immer da, jeder will gewinnen und das spürt man auch.“ Jeder versuche sich bestmöglich in dem, in den ersten Tagen sehr vollen, All England Lawn Tennis Club vorzubereiten. Dem Druck standzuhalten, sei nicht einfach: „Jeder schaut auf einen, noch mehr als bei anderen Turnieren und deshalb ist Wimbledon auch so besonders“, sagt die Wimbledon-Siegerin von 2018.
Alle Spieler spielen traditionell in weiß. Das unterstreiche laut Kerber nochmal das Prestige von Wimbledon. Der Rasen in London wird als „heilig“ bezeichnet und wird auf exakt acht Millimeter getrimmt.
Die besondere Atmosphäre und die Tradition sorge für einen besonderen Flair. „Da wird man automatisch noch nervöser, als man es sowieso schon ist“, sagt Kerber und lässt den Einlauf auf den Centre Court Revue passieren: „Serena, die vor dir geht, die eine Ausstrahlung hat, die so viele Grand Slams (besonders in Wimbledon) gewonnen hat, da hat man natürlich Respekt.“ Die damals 30-Jährige erinnert sich, dass sie den Tag über sehr präsent und ruhig war. Sie habe versucht, fokussiert und bei sich zu bleiben. Die Unterstützung und Sicherheit aus ihrer Box habe ihr geholfen.
Sie erzählt im Prime-Video-Interview weiter: „Da habe ich echt versucht, diese besondere Atmosphäre auf dem Centre Court, die wirklich einmalig ist, zu genießen, als ich auf den Platz gegangen bin.“ Danach habe sie nicht mehr „zu weit nach links und rechts geschaut“. Sie wusste: „Es geht jetzt um alles.“ Kerber habe versucht, alles rauszuholen, „um dann die Schale hochzuhalten“.
Die letzten Momente des Matches, welches eine Stunde und fünf Minuten gedauert hatte, hat Kerber wie folgt in Erinnerung: „Beim Matchball hatte ich alles im Kopf – alle Emotionen, alles kam auf mich zu und ich wusste: Ich habe es geschafft.“
Kerber: „Ein Wimbledon-Sieg verändert alles“
Wimbledon-Champion zu werden, habe Kerber sowohl als Mensch als auch als Athletin verändert. Sie sagt im Interview: „Nach einem Wimbledon-Sieg verändert sich alles. Du bist in der Tennis-Geschichte in Wimbledon. (…) Du wirst ganz anders wahrgenommen.“
Es war ein Grand Slam-Sieg, von dem Kerber lange geträumt hatte: „Als Kind wollte ich immer Wimbledon gewinnen“, erinnert sich Kerber. Der Sieg auf dem „heiligen“, britischen Rasen und der damit erfüllte Kindheitstraum habe sie als Athletin vollendet.
Es ist ein bekanntes Phänomen, dass Athleten nach dem Erreichen eines großen Meilensteins eine gewisse Leere verspüren. Das Ziel ist erreicht. Der Traum ist erfüllt – was jetzt? Diese Erfahrung habe die ehemalige Nummer eins der Welt nicht gemacht. „Wenn man diesen Sport so liebt und diese Leidenschaft fürs Tennis hat, wie ich, dann kann diese Leere einfach nicht kommen“, sagt Kerber.
Der Vergleich zu Steffi Graf
Angelique Kerber wurde vor allem zu Beginn ihrer Karriere häufig mit der Deutschen Tennis-Legende Steffi Graf verglichen. Graf konnte den legendären Grand Slam ganze sieben Mal (1988, 1989, 1991, 1992, 1993, 1995 und 1996) gewinnen.
Kerber findet, dass man Karrieren nicht vergleichen solle: „Jeder hat mich so ein bisschen mit ihr verglichen, was man nicht kann, weil sie in einer ganz anderen Generation gespielt und gefühlt alles gewonnen hat“, sagt Kerber diesbezüglich. Sie habe versucht rüberzubringen, dass jeder seinen eigenen Weg gehe, jeder sei individuell und habe eine eigene Persönlichkeit.
Kerbers Rat an die nächste Generation
Angelique Kerber verzeichnet eine 21 Jahre lange und konstante Karriere. Heutzutage sei es laut der Kielerin schwieriger, eine Karriere aufzubauen, die von Langlebigkeit und Konstanz geprägt ist. Die ehemalige Profispielerin sagt: „Es ist durch Social Media und andere Sachen, die man machen möchte, schwieriger.“ Sie habe im Tennis mittlerweile viele Generationen erlebt und es gäbe Unterschiede. Kerber habe sich zu ihrer aktiven Zeit als Profi nur auf Tennis fokussiert: „Zu meiner Zeit gab es das nicht, da gab es wirklich nur die eine Sache, auf die ich mich komplett konzentriert habe.“
Kerbers Rat: „Macht nicht vier oder fünf Sachen gleichzeitig, sondern konzentriert euch auf eine und macht sie voll.“ Es gehe darum, sich auf eine Sache „zu hundert Prozent“ und mit den dazugehörigen „Auf und Abs“, zu fokussieren. Die 38-Jährige ist der Meinung: „Wenn man immer wieder abgelenkt wird, dann wird es schwierig, eine Sache gut zu machen und dann macht man vier halbe Sachen.“
Ein weiterer Rat: „entspannter sein“. Diesen Rat hätte sich Kerber damals auch selbst gegeben – im Leben und im Spiel. Sie ist sich sicher: „Der Tag wird kommen, wenn man diszipliniert ist, wenn man hart arbeitet, dann kommt der Erfolg eines Tages.“
Kerber wird Teil des Wimbleon Experten-Teams 2026:
Als Teil des Wimbledon-Expertenteams von Prime Video in diesem Jahr sagt die frühere Weltranglistenerste: „Ich bin sehr gespannt, es ist eine neue Rolle, in die ich hineinwachse.“
Bei den Herren sieht Kerber in diesem Jahr den Wimbledon-Titelverteidiger Jannik Sinner, sowie den frisch gebackenen Roland Garros-Champion Alexander Zverev als Favoriten.
Bei den Damen nennt die 38-Jährige die Nummer Eins im Damentennis, Aryna Sabalenka, und die Titelverteidigerin Iga Swiatek. Es sei nicht einfach als Titelverteidiger zurückzukehren, merkt die ehemalige Nummer eins an. Kerber sagt: „Jetzt wollen alle dich schlagen.“ Diese Erfahrung habe sie selbst im Jahr 2019 gemacht. Ganz vorhersehbar sei Wimbledon nie. Die Kielerin sagt: „Auf Rasen kann alles passieren.“
Kerber: „Tennis hat mir das Leben beigebracht“
Kerber selbst, vermisse den Wettbewerbsalltag. „Sonst hätte ich nicht das geschafft, was ich geschafft habe. Ich liebe den Wettbewerb. Das fehlt mir auf jeden Fall“, sagt sie und ergänzt: „Deshalb schaue ich auch so gerne weiterhin Tennis, weil ich das immer noch spüre und weiß, wie sich das anfühlt. Ich habe auch gegen fast jede Spielerin noch selber gespielt, deshalb ist es noch so nah an mir.“
Tennis habe ihr viel beigebracht: Disziplin, die Leidenschaft, sich auf eine Sache zu konzentrieren, mit Rückschlägen und Zweifeln umzugehen. Der Sport habe ihr gezeigt, nie aufzuhören, an sich selber zu glauben. Die Wimbledon-Siegerin fasst im Prime-Video-Interview zusammen: „Tennis hat mir gefühlt das Leben beigebracht.“
Kerber selbst hofft, dass die Fans und Zuschauer, sich daran erinnern, dass sie als Spielerin immer bis zum Ende gekämpft habe; dass sie nie aufgehört habe, an sich selber zu glauben; dass sie, auch nach schwierigen Momenten zurückgekommen sei; dass sie mit Willen und Disziplin das geschafft habe, worauf sie hingearbeitet hat und dass sie sich auf dem Platz gut und fair gegenüber ihren Gegnern verhalten habe.
„Jede Reise hat ein Ende“
Kerber, die vor kurzem in Bad Homburg ihr Abschlussmatch gegen Ana Ivanovic spielte und somit offiziell das Kapitel Profitennis beendet hatte, sagte: „Jede Reise hat auch irgendwann mal ein Ende.“
Nach 21 Jahren Profitennis, drei Grand Slam-Titeln, einer olympischen Silbermedaille und 34 Wochen an der Spitze der Weltrangliste, hat Angelique Kerber nun andere Prioritäten. Gegenüber der Streaming-Plattform sagt sie: „Wimbledon war mein größter Traum und heute sind meine Kinder das größte Glück.“
Anna-Sophia Antic. Sie studiert Journalismus an der IU-Akademie
